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Großinsolvenzen - und nicht nur Corona

Eine Reihe spektakulärer Großinsolvenzen bestimmte auch 2020 das Geschehen bei den Marktaustritten von Unternehmen. Dabei bleibt festzuhalten, dass gerade große Unternehmen vielfach eher Möglichkeiten besitzen, staatliche Unterstützung zu bekommen.

Wegen der großen Schäden bei Lieferanten, Banken und nicht zuletzt den Beschäftigten wird einiges in Gang gesetzt, um das Unternehmen zu erhalten. Aber auch die neuen Möglichkeiten des Insolvenzrechts, Schutzschirme und die Sanierung in Eigenverwaltung, lassen hoffen, dass mit der Insolvenz noch nicht das Ende gekommen ist.

Textilkaufhäuser haben es schwer

Im Hinblick auf die Zahl der betroffenen Mitarbeiter war die Pleite von „Galeria Karstadt Kaufhof“ mit Hauptsitz in Essen der größte Fall. Ursprünglich hatte einmal der Versuch gestanden, mit der Fusion von Kaufhof und Karstadt als größte Warenhäuser in Deutschland die wirtschaftlichen Schwierigkeiten in den Griff zu bekommen. Man schrieb aber weiter Verluste und als dann noch die Corona-Pandemie hinzukam, sah man sich Anfang April gezwungen, den Antrag auf ein Schutzschirmverfahren auf der Basis eines Sanierungskonzepts in Eigenverantwortung als letzte Möglichkeit zu nutzen. 28.000 Mitarbeiter stehen vor einer ungewissen Zukunft – Lieferanten und Vermieter haben auf zwei Milliarden Euro verzichtet.

Besonders betroffen von Insolvenzen im Jahre 2020 waren größere Einzelhändler im Textilbereich. Es sind wohl vor allem die Konkurrenz aus dem Internet, aber auch weitere Wettbewerber, die entweder billiger oder schneller sind, die es den Textil-Kaufhäusern schwermachen. Die bekannte Marke „Esprit“ beantragte bereits im März Gläubigerschutz und versucht nun mit den Vermietern und Lieferanten neue Vertragsbeziehungen aufzubauen. Mehr als 2.000 Beschäftigte sind betroffen, wenn es um die Schließung einzelner Filialen oder um Sanierungen geht. Weitere Modehäuser waren „Bonita“, die „Sinn GmbH“ und „Hallhuber“ aus München. Hallhuber ist eine Tochter der bereits insolventen „Gerry Weber Gruppe“ und bekam den letzten Anstoß zur Insolvenz durch die Corona-Krise unter der 400 Ladengeschäfte zu leiden hatten. Auch bei Sinn war es nicht die erste Pleite – Vorgängerunternehmen hatten bereits 2008 und 2016 Insolvenz anmelden müssen. Zur Kette der Textilhändler gehört auch „Tom Tailor“ – das Unternehmen stellte im Juni Insolvenzantrag.

Geschlossene Friseure und Restaurants

Großinsolvenzen kamen aber auch – und dies ist wohl nicht zuletzt bedingt durch die Pandemie – von den konsumnahen Dienstleistern und der Gastronomie. Für die „Klier Hair Group“ wurde ein Schutzschirm beantragt, weil das Familienunternehmen mit über 9.000 Beschäftigten alleine in Deutschland in die Bredouille geraten war. Es handelt sich immerhin um die größte Friseurkette mit 1.350 Salons in Deutschland. Eine bekannte Marke ist auch „Vapiano“. In Deutschland neu mit einem Konzept zur Selbstbedienung in den einzelnen Restaurants hatte das Unternehmen, auch wegen der raschen Expansion, bereits seit längerem Schwierigkeiten. Hier war es nicht die Schließung durch Corona alleine, die das Franchise-Unternehmen ins Aus brachte. Mehr als 7.000 Beschäftigte sind betroffen.

Wirecard – ein Skandal

Im Hinblick auf die Schäden war wohl die Insolvenz von Wirecard ein einmaliger Fall. Es ist das erste Mal, dass ein DAX-Unternehmen „über Nacht“ insolvent wurde. Der Fall ist skandalumwittert: Verantwortliche sind flüchtig, Aufsichtsbehörden und Politik ist Versagen vorzuwerfen und auch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft sieht sich Vorwürfen gegenüber. Von einem Bilanzskandal ersten Ranges ist die Rede, es kam zu Luftbuchungen und zwei Milliarden Euro, die angeblich auf der Bank lagen, aber nicht zu finden sind. Der Aktienkurs hat eine Achterbahnfahrt hinter sich und der Verdacht auf Marktmanipulationen liegt nahe. Inzwischen ist ein Bundestagsausschuss eingerichtet, der Licht in die Affäre bringen soll.

Zulieferer der Automobilindustrie sind bei den großen Insolvenzen 2020 unter Branchengesichtspunkten neben dem Textilbereich zu erwähnen. So die „Veritas AG“, ein Konzern in Familienbesitz mit 1.600 Beschäftigten in Deutschland (es kommen rund 3.000 Mitarbeiter im Ausland dazu). Für die Autoindustrie tätig ist auch die „KSM Castings Group“, die darunter litt, dass die Bänder im ersten Lockdown im Frühjahr 2020 bei ihren Abnehmern stillstanden.

Müssten es nicht mehr sein?

Ein Blick auf die großen Verfahren mit Unternehmen, die mindestens 20 Millionen Euro Umsatz und 100 Mitarbeiter zählen, zeigt, dass deren Anteil am Gesamtaufkommen im ersten Halbjahr 2020 deutlich gestiegen war. Vor allem nach dem Lockdown, im zweiten Quartal 2020, waren mit 17,6 großen Verfahren pro Monat deutlich mehr zu zählen als noch im ersten Quartal (10,6 Verfahren im Monat). Im dritten Quartal schließlich halbierte sich der Anteil dieser großen Insolvenzen wieder auf einen Wert von 9,3 Verfahren pro Monat. Angesichts dieser Veränderungen fragt Dr. Andreas Fröhlich von der Baker Tilly Unternehmensberatung in München, ob „die vielfältigen staatlichen Maßnahmen [...] eindeutig über das Ziel hinausgeschossen sind. Die wirtschaftlichen Entwicklungen und die Anzahl der Antragstellungen driften stark auseinander – Anzeichen einer fatalen wirtschaftlichen Entwicklung. Die viel beschriebenen „Zombie-Unternehmen“ sind also kein Gespenst, sondern sie sind unter uns“.

Quelle: ZInsO 48/2020 (u. a.)