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Was Firmen gegen hohe Energiekosten tun können
Die hohen Gas- und Ölpreise sollten für Unternehmen Anlass sein, ihr Energiemanagement zu überdenken und sich unabhängiger von fossilen Brennstoffen zu machen. So werden sie resilienter gegenüber zukünftigen Preisschocks, reduzieren Klimarisiken und stärken ihr Ansehen gegenüber Finanzierungspartnern.

Weitsicht und eine klare Strategie zahlen sich beim Thema Nachhaltigkeit aus – davon war Markus Wingens schon immer überzeugt. Wie schnell sich die Situation durch die stark gestiegenen Energiepreise seit Jahresbeginn zu seinen Gunsten wenden kann, hat ihn dann aber doch überrascht. Der Geschäftsführer der Härterei Technotherm in Göppingen-Voralb ist ein Pionier und Trendsetter im besten Sinne. Noch zu den Zeiten, in denen Gas und Öl aus heutiger Sicht geradezu spottbillig waren und in der deutschen Industrie kaum jemand von Nachhaltigkeit sprach, hat sich der Unternehmer ein ambitioniertes Ziel gesetzt: Bis zum Jahr 2030 soll sein Betrieb vollständig klimaneutral arbeiten.
Dazu muss man wissen: Härtereien gelten als energieintensiv, sind aber vor allem für die Automobil- und Maschinenbaubranche unverzichtbarer Dienstleister. „Mit unserer Leistung erzeugen wir Nachhaltigkeit. Denn durch die Wärmebehandlung werden die Metallteile, die wir bis zu einem Gewicht von 4,5 Tonnen bearbeiten können, haltbarer. Damit steigt nachgelagert auch die Lebensdauer der Maschinen, in die sie eingebaut werden“, sagt der Familienunternehmer.
Um den CO2-Fußabdruck der Firma zu senken, hat Wingens über die Jahre hinweg eine Reihe von Maßnahmen gestartet. Dazu gehört unter anderem eine Photovoltaikanlage auf dem Betriebsdach, die an sonnenreichen Tagen einen nicht unerheblichen Teil des Stroms für die Produktion erzeugt. Ein smartes System misst dabei den Einzelverbrauch aller Öfen und Anlagen. „Damit bekommen wir Verbrauchsspitzen angezeigt. So können wir Lasten verteilen und Energie effizienter nutzen“, so Wingens. Inzwischen denkt er auch über einen Batteriespeicher nach. Doch wegen des hohen Strombedarfs seines Betriebs bedeutet das eine Großinvestition, die sich noch nicht rechnet.
Seit die Energiepreise im ersten Quartal des Jahres infolge des Iran-Kriegs sprunghaft angestiegen sind, drängt die Frage nach Alternativen zu fossilen Brennstoffen wieder verstärkt bei Unternehmen auf die Agenda. Das hat in einem ersten Schub, neben den privaten Autofahrern, die Logistikbranche zu spüren bekommen. Mittel- bis langfristig droht jedoch vor allem der hohe Gaspreis für den industriellen Sektor zu einem Kostenrisiko zu werden.
Eine schnelle Marktberuhigung ist ungeachtet der politischen Ereignisse dabei nicht zu erwarten. In einem unmittelbar nach Ostern erschienenen Interview mit der „Financial Times“ sagte der Energiekommissar der Europäischen Union, Dan Jørgensen, dass er von einer längerfristigen Krise aufgrund des Iran-Kriegs ausgehe und die Energiepreise für „lange Zeit sehr hoch sein werden“.
Vielen Unternehmensverantwortlichen ist bewusst, dass sie darauf reagieren müssen. Oftmals sind sie sich jedoch unsicher, wie sie dabei vorgehen sollten. „Unternehmen benötigen in der aktuellen Lage mehr denn je ein durchdachtes Energiemanagement und ein strukturiertes Risikomanagement“, stellt Hans-Christoph Thomale, Rechtsanwalt und Partner beim Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen Forvis Mazars, fest.
Versorgung klug absichern
Firmen, die ihr Energiemanagement anpassen beziehungsweise neu aufsetzen wollen, sollten sich Thomale zufolge zwei grundlegende Fragen stellen: Wie sichern wir nachhaltig unsere Energieversorgung zu wettbewerbsfähigen Preisen – trotz volatiler Märkte und geopolitischer Unsicherheiten? Und wie können wir innerhalb unseres Unternehmens Energiepreis- und Versorgungsrisiken managen?
Mit den Antworten ist die Basis gelegt, um eine systematische Beschaffungs- und Versorgungsstrategie zu konzipieren. „Dazu gehört zum Beispiel die Möglichkeit, durch den gemischten Einkauf an Spot- und Terminmärkten gegebenenfalls auch kurzfristig auf Marktdynamiken zu reagieren“, sagt Thomale. Wichtig sei auch, mit Energieberatern und Juristen die aktuelle Beschaffung und laufende Lieferverträge zu analysieren, um herauszufinden, wo Anpassungsbedarf besteht.
Zu einem strukturierten Energiemanagement gehört allerdings nicht nur die Beschaffungsseite. Auch Verbrauchsprofile sollten kritisch geprüft werden. „Abhängig vom individuellen Ausgangszustand des Betriebs ergeben sich durch einfache und schnell umzusetzende Maßnahmen häufig Einsparpotenziale von 10 bis 15 Prozent im Verbrauch“, weiß Thomale. Außerdem sollte regelmäßig ein gründlicher Check der Gebäude- und Produktionsinfrastruktur erfolgen. Kleine Leckagen, etwa in Versorgungsleitungen oder Pressluftsystemen, können in der Summe zu unnötig hohen Energieverlusten führen. Der Preisanstieg bei fossilen Energieträgern sollte für Unternehmensverantwortliche aber auch Anlass sein, ihren Erzeugungs-Mix zu diversifizieren und stärker als bisher in erneuerbare Energien zu investieren. In einem zweiten Schritt haben sie dann auch die Möglichkeit, die Nutzung von selbst erzeugtem Öko-Strom auszuweiten – etwa, indem sie die unternehmenseigene Fahrzeugflotte auf E-Mobile umstellen. Möglichkeiten für ein Hochfahren der erneuerbaren Energien gibt es viele – zum Beispiel Photovoltaik (PV), Wind, Geothermie oder industrielle Abwärmenutzung in Kombination mit Wärmepumpen und Energiespeichern.
Ein solcher Ansatz reduziert selbst für weniger energieintensive Betriebe nicht nur langfristig Kosten, sondern liefert auch überzeugende Argumente bei Finanzierungsgesprächen. Forvis-Mazars-Experte Thomale hat ein Beispiel dazu parat: Ein Einzelhandelsunternehmen aus der eigenen Mandantschaft hat im vergangenen Jahr seine Gebäude an mehreren Standorten in Citylage mit Photovoltaikanlagen ausgerüstet. Die Maßnahme hat den Wert der Gebäude deutlich verbessert – was sich im Nachgang dann auch in einem besseren Rating bei den finanzierenden Banken niederschlagen wird.
Inwiefern sich ein (teilweiser) Umstieg auf erneuerbare Energien lohnt, hängt an der Preisentwicklung fossiler Brennstoffe. Mit jedem Cent, den der Gaspreis steigt, rechnet sich eine Investition mehr. Einer Marktanalyse des Bundesverbands Energie- und Wasserwirtschaft zufolge zahlen kleine und mittlere Firmen in Deutschland derzeit durchschnittlich etwa 18 Cent pro Kilowattstunde für ihren Strom. Demgegenüber liegen die Kosten für die Stromerzeugung aus selbst genutzten gewerblichen Photovoltaik-Dachanlagen nach einer Studie des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme bei 5,7 bis 12 Cent pro Kilowattstunde – abhängig vom Standort und weiteren Faktoren. „Es kommt immer auf die individuellen Gegebenheiten an“, sagt Theresa Paul, Energieberaterin bei der Regionalen Energieagentur Ulm. „Aber in den allermeisten Fällen amortisiert sich eine PV-Anlage heute innerhalb von drei Jahren.“
Kostenvorteil durch Photovoltaik
Dabei macht sich bemerkbar, dass vor allem die Kosten für Solarmodule drastisch gesunken sind. Sie liegen je nach Qualität und Wirkungsgrad zwischen 100 und 200 Euro pro Kilowatt-Peak (kWp). Rechnet man Module, Wechselrichter, Unterkonstruktion und Installation zusammen, betragen die Gesamtkosten für eine einsatzfertige PV-Anlage nach Angaben des Fachverbands Solar Cluster Baden-Württemberg heute nur noch ein Drittel bis ein Viertel der Kosten von Mitte der 2000er-Jahre. Das Land, der Bund und die Europäische Union fördern zudem zum Beispiel über die staatliche KfW Bank Investitionen in nachhaltige Energieanlagen mit einer Vielzahl von Programmen. Zwar ist nicht ausgeschlossen, dass sich die Preissituation bei fossilen Brennstoffen in ein paar Jahren wieder entspannt. Doch für Thomale sollten Unternehmensverantwortliche den strategischen Vorteil eines diversifizierten Energiemixes im Auge haben.
Viele Industrieunternehmen zahlen zudem bei ihrem Stromtarif neben einem Arbeits- einen Leistungspreis, der sich nach der höchsten gemessenen Leistungsspitze im Abrechnungszeitraum richtet – meist in einem 15-Minuten-Intervall. Durch die Kombination eines Batteriespeichers auf dem eigenen Werksgelände mit einer PV-Anlage lassen sich diese kurzzeitigen Spitzen abpuffern. Positive Konsequenz: Die gemessene Spitzenlast gegenüber dem Versorger sinkt, was zu erheblichen Kosteneinsparungen beim Netzentgelt führt. Diese Lastspitzenreduktion, von Energie-Experten Peak Shaving genannt, ist besonders kostenrelevant bei Unternehmen mit stark schwankenden Energielasten.
„Kombiniert ein Betrieb also etwa Photovoltaik mit einem Batteriespeicher, erlangt er nicht nur Versorgungssicherheit, sondern ist auch weniger abhängig von schwankenden Energiepreisen“, sagt Thomale. Die im Akku gespeicherte Energie reicht zwar selten aus, um den kompletten Produktionsbetrieb über längere Zeit aufrechtzuerhalten. Aber er kann kritische Betriebsbereiche wie etwa die IT ähnlich wie ein Notstromaggregat weiterversorgen. „Das ist ein Zuwachs an Resilienz, der sich ebenfalls in der Unternehmensbewertung niederschlägt.“
Ein Wermutstropfen indes ist, dass seit dem 1. Februar 2026 die garantierte Einspeisevergütung bei großen Anlagen auf weniger als sechs Cent pro Kilowattstunde gesenkt worden ist. Perspektivisch plant die Bundesregierung, sie sogar ganz wegfallen zu lassen. Lohnt sich eine PV-Anlage unter diesen Bedingungen noch für Unternehmen? „Bei einer Volleinspeisung des erzeugten Stroms ist das in der Regel nicht wirtschaftlich“, sagt Kai Wuttke, Partner und Leiter der Service Line Sustainability bei Forvis Mazars. „Anders sieht die Rentabilitätsrechnung jedoch aus, wenn der Strom überwiegend im eigenen Betrieb genutzt wird.“ Denn die Einspeisevergütung spielt dann keine Rolle. Die von der Bundesregierung im vergangenen Jahr eingeführte Sonderabschreibung senkt dabei die Netto-Investitionskosten. Zudem stehen weiterhin Förderinstrumente zur Verfügung.
„In den allermeisten Fällen amortisiert sich eine PV-Anlage heute innerhalb von maximal drei Jahren.“
Theresa Paul, Regionale Energieagentur Ulm
Unabhängiger werden von externen Energie-Schocks
Mit diesen sechs Maßnahmen verbessern Unternehmen ihre Versorgungs- und Beschaffungsstrategie:
1. Gemischter Einkauf an Spot- und Terminmärkten, um kurzfristig auf Marktdynamiken reagieren zu können.
2. Die aktuelle Beschaffung und die laufenden Lieferverträge analysieren, um herauszufinden, wo Anpassungsbedarf besteht.
3. Verbrauchsprofile prüfen, um mögliche Einsparpotenziale zu realisieren.
4. Die Gebäude- und Produktionsinfrastruktur checken, um Energieverluste zu vermeiden.
5. Erzeugungs-Mix diversifizieren und verstärkt in erneuerbare Energien investieren, um unabhängiger von fossilen Brennstoffen zu werden.
6. In einem zusätzlichen Schritt horizontal diversifizieren (etwa unternehmenseigene Fahrzeugflotte auf E-Mobile umstellen), um verstärkt vom selbst erzeugten Strom zu profitieren.
Hilfe bei der Klimatransformation
In Deutschland gibt es eine Vielzahl von staatlich und halbstaatlich organisierten Klimanetzwerken für unterschiedliche Zielgruppen wie Industrieunternehmen und mittelständische Betriebe. Eine Übersicht gibt es im Internet zum Beispiel unter: effizienznetzwerke.org/netzwerkkarte
Bei vielen dieser Netzwerke können Betriebe online eine Beratung beantragen, bei der ein unabhängiger Fachmann vor Ort einen kostenlosen Check macht. Interessierte Unternehmen bekommen damit unter fachlicher Anleitung und in einem abgeschlossenen Rahmen einen Überblick in puncto Reduktion des eigenen klimatischen Fußabdrucks. Außerdem erhalten sie Informationen, wie sie am besten in Erneuerbare-Energien-Anlagen investieren und wie sie Energie sparen können.
Quelle: Magazin "Creditreform"
Text: Thomas Luther
Bildnachweis: Getty Images