Creditreform Magazin

Grüne Hürden im Bankgespräch

Mit dem Jahreswechsel sind die Anforderungen an Unternehmen in Bezug auf die Nachhaltigkeitsberichterstattung weiter gestiegen. Auch die Finanzinstitute müssen Rechenschaft ablegen – und achten verstärkt darauf, wie nachhaltig ihre Kunden arbeiten.

Wenn etwas von der Weltklimakonferenz COP28 in Dubai in Erinnerung bleiben sollte, dann am ehesten diese Zahl aus dem Bericht zum globalen Kohlenstoffbudget (Global Carbon Budget): 36,8 Milliarden Tonnen CO2 sind 2023 zusätzlich in die Atmosphäre gelangt. 1,1 Prozent mehr als im Jahr 2022 und so viel wie nie zuvor. Und das, obwohl die Emissionen in Europa und den USA bereits sinken. Aber sie können (noch) nicht kompensieren, was durch das industrielle Wachstum in Schwellenländern wie China und Indien dazukommt. Doch um den Klimawandel effektiv zu bremsen und eine realistische Chance zu wahren, das 1,5-Grad-Ziel zu halten, müssten die Emissionen weltweit zwischen 2019 und 2030 um 43 Prozent sinken, stellte der Weltklimarat Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) fest. 

 In Deutschland verlangt die Politik Unternehmen viel ab, um den grünen Umbau der Wirtschaft parallel zur Energiekrise, Inflation und Rezession voranzutreiben. Die KfW hat ausgerechnet, dass Unternehmen allein in Deutschland rund 120 Milliarden Euro in den Klimaschutz investieren müssten, um das Klimaneutralitätsziel bis 2045 zu erreichen. Rund die Hälfte der Investitionen müssten kleine und mittlere Unternehmen stemmen. 

Hinzu kommen umfangreiche Berichtspflichten, die sich 2024 und in den Folgejahren noch einmal verschärfen. Seit dem 1. Januar gilt das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz nicht mehr nur für Unternehmen mit 3.000 Mitarbeitern, sondern schon für alle, die mehr als 1.000 Menschen beschäftigen. Zudem ist die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) der EU nun in Kraft. Zunächst für große Unternehmen, die bereits der Non-Financial Reporting Directive (NFRD) unterliegen. Doch bis 2028 wird sie laut Schätzungen rund 15.000 Unternehmen in Deutschland betreffen, die mindestens 250 Beschäftigte haben, eine Bilanzsumme von mindestens 25 Millionen Euro oder Nettoumsatzerlöse von mindestens 50 Millionen Euro aufweisen oder an der Börse notiert sind. 

Und alle anderen? Sie sind nicht gesetzlich dazu verpflichtet, über ESG zu berichten, für Kleinstunternehmen gibt es sogar explizit Ausnahmeregelungen, doch tatenlos zurücklehnen können sie sich auch nicht. Denn spätestens in Finanzierungsfragen müssen auch sie sprechfähig in Sachen Nachhaltigkeit sein. Welche Rolle ESG bei der Kreditvergabe inzwischen und in Zukunft spielt und warum Banken und Sparkassen Finanzierungen zunehmend davon abhängig machen – die Creditreform-Bankenumfrage beantwortet die wichtigsten Fragen: 

Welche Rolle spielen ESG-Daten inzwischen im Bankgespräch? 

Commerzbank: Umweltkennzahlen wie der CO2-Ausstoß oder die taxonomiekonforme Investitionsquote sind aus unseren Beratungsgesprächen nicht mehr wegzudenken. Neben der Anwendung in nachhaltigen Krediten spielen ESG-Kennzahlen auch in der Kreditentscheidung eine Rolle. Durch unseren ESG-Fragebogen erheben wir Daten zu Nachhaltigkeit und Stand der Transformation unseres Kunden, welche dann wiederum in unsere Risikobewertung mit einfließen. Wir als Bank werden damit in die Lage versetzt, unsere Kreditentscheidungen auf eine immer breitere Datenbasis zu stellen und dementsprechend Konditionen verfeinern zu können. Gleiches gilt für die Steuerung unserer Portfolios in Richtung Net-Zero. 

Wie praktikabel sind die Anforderungen an die Nachhaltigkeitskommunikation, die inzwischen auch an KMU gestellt werden? 

Fritzi Köhler-Geib, KfW: Nachhaltigkeitsaspekte spielen eine Rolle – bei insgesamt jedem fünften Unternehmen, das in Kreditverhandlungen steht. Denn die Bankenaufsicht nimmt verstärkt die Klimarisiken in den Blick, die Finanzinstitute auf ihrer Bilanz haben. Bei der Weiterentwicklung von regulatorischen Rahmenbedingungen ist aber darauf zu achten, dass der bürokratische Aufwand für Unternehmen und Finanzmarktakteure bei der Offenlegung von Klimawirkungen und -risiken handhabbar bleibt. Gerade für mittelständische Unternehmen kann die Umsetzung regulatorischer Anforderungen so herausfordernd sein, dass daraus Finanzierungshürden entstehen können. Ergebnisse unseres KfW-Mittelstandspanels zeigen: Rund 30 Prozent der Unternehmen, die 2023 Schwierigkeiten bei Kreditverhandlungen hatten, gaben einen zu hohen Bearbeitungsaufwand als wichtigen Grund für die Probleme an. 

Wie arbeiten die Kreditinstitute mit ESG-Daten von Unternehmen? 

Michael Holstein, DZ Bank: Durch die wachsenden Anforderungen an die Berichterstattung von Nachhaltigkeitskennzahlen erheben auch immer mehr kleine und mittelständische Unternehmen ESG-Daten. Sofern diese vorliegen, verwenden wir sie im Rahmen unseres Scoring-Modells in der verbundinternen Kreditvergabe, um ESG-Risiken zu identifizieren. Dort, wo Daten noch fehlen, werden Branchendurchschnitte verwendet.  

Welche Chancen für Unternehmen gehen möglicherweise auch mit steigenden ESG-Anforderungen einher?  

Stefan Schneider, Deutsche Bank: KMU werden insbesondere vom wachsenden Bereich der grünen und an Nachhaltigkeitsziele gekoppelten Kredite profitieren können. Dabei verpflichten sie sich, die Kreditsumme für nachhaltige Investitionen, zum Beispiel für die Gebäudesanierung, erneuerbare Energien oder E-Mobilität, zu nutzen und erhalten im Gegenzug einen Zinsnachlass. Reinhold Rickes, DSGV: Unternehmen können mit Nachhaltigkeit im Finanzsystem auf Dauer Kosten sparen, bewältigen unter Umständen Krisen erfolgreicher und werden positiver wahrgenommen. Die Sparkassen unterstützen dabei unter anderem mit Beratung, Finanzierung und dem Sparkassen-ESG-Score. Letzterer misst, wie stark Unternehmen einer Branche durchschnittlich von Nachhaltigkeitsrisiken betroffen sind. Damit steht ihnen ein Instrument zur systematischen Analyse des Nachhaltigkeitsgrads und der damit verbundenen Risiken zur Verfügung. 


Quelle: Magazin "Creditreform"
Text: Christian Raschke
Bildnachweis: Hiroshi Watanabe / Getty Images