Auf Du und Du mit dem Boss?

Duzen oder Siezen im Job – was ist passender? Ein „Du“ kann unangemessene Nähe provozieren, ein „Sie“ wiederum kühle Distanz, die das Teamwork trüben kann. Zwei junge Führungskräfte und ein Experte berichten, warum sie sich für welche Anrede entschieden haben und welchen Einfluss das auf den Führungsstil hat.

✪ DER PERSÖNLICHE: Gleb Tritus, 33, Managing Director des Lufthansa Innovation Hub, einer Art Digitalisierungs- und Zukunftswerkstatt des Luftfahrtkonzerns, bevorzugt einen lockeren Umgang und das freundschaftliche „Du“. 

Im Sommer 2016 habe ich unter unseren Mitarbeitern eine Umfrage durchführen lassen. „Würdest du uns deiner Familie, Freunden oder Bekannten als Arbeitgeber weiterempfehlen?“, haben wir gefragt. Die Ja-Quote lag bei über 90 Prozent, da habe ich mich gefreut! Es zeigt mir, dass ich im Umgang mit meinem Team auf dem richtigen Weg bin. Es ist ein freundschaftlicher Umgang mit flachen Hierarchien.

Dementsprechend duzen wir uns! Schon in unseren Stellenausschreibungen sprechen wir potenzielle Bewerber mit „Du“ an. Wenn wir die Talente anziehen wollen, die wir brauchen, müssen wir das! Mein Team beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Umsetzung digitaler Innovationsprozesse. Hierfür suchen wir „Millennials“, also junge Menschen, die in etwa zwischen 1980 und den frühen 2000er-Jahren geboren wurden. Bei den meisten von ihnen würde ein dickes Fragezeichen auftauchen, wenn wir sie steif mit „Sie“ ansprechen würden! Siezen schafft in meinen Augen sowieso eine imaginäre Mauer, die Baustein ist für Ängste und Vorbehalte. Mit einem respektvollen „Du“ als Anrede versuche ich das zu vermeiden.

Grundsätzlich finde ich Nähe im Job besser als Distanz. Denn durch Nähe habe ich mehr zu gewinnen als zu verlieren. Die erwähnten Millennials, mit denen ich zusammenarbeite, sind professionell genug, dass sie im Umgang mit Kunden auch auf ein förmliches „Sie“ umschalten könnten, wenn das angemessen ist. Und ich habe keine Bedenken, dass ihre Lockerheit mir gegenüber in Despektierlichkeit kippen könnte. Denn ich weiß mir im Austausch über die Sache, also die fachliche Ebene, genügend Respekt zu verschaffen, als dass mir da noch eine spezielle Tonalität die letzte Sicherheit verschaffen müsste. Auch oder gerade in kritischen Gesprächen bietet die Vertrautheit zu meinen Mitarbeitern eine gute Basis, um so offen wie möglich miteinander zu kommunizieren.

Und wenn es mal Mehrarbeit gibt, durch die ein Mitarbeiter zu Überstunden angehalten ist, stellt auch hier der lockere Umgang kein Problem dar. Gerade weil ich unserem Team locker die Daseinsberechtigung von Mehrarbeit vermitteln kann, um ein Projekt so perfekt wie möglich umzusetzen, versteht es mich umso schneller und ist umso leidenschaftlicher für uns im Einsatz!“

✪ DIE TRADITIONELLE: Nathalie Kletti, 32, Vice President Enterprise Development und Prokuristin beim Hard- und Softwareentwickler MPDV Mikrolab, geht das „Sie“ beruflich leichter über die Lippen.

Mir ist ein traditioneller Führungsstil mit klaren Umgangsformen sehr wichtig. Zu diesen Formen gehören Pünktlichkeit, Höflichkeit und Strukturiertheit. Und vor allem gegenseitiger Respekt. Deshalb sieze ich meine Mitarbeiter. Siezen bildet eine wichtige Hürde zwischen mir und meinem Gegenüber, die mich zwingt, immer wieder innezuhalten und darüber nachdenken, wie und in welchem Ton ich gerade mit anderen kommuniziere. Welche Worte ich wähle und ob diese Worte angebracht sind. Siezen verhindert, dass die Kommunikation mit der Gegenseite in saloppe Flapsigkeit kippt, die alle Hemmschwellen und damit die Wertschätzung im Miteinander ad acta legen lässt.

Vor allem kritische Gespräche mit Mitarbeitern kann ich besser führen, wenn ich die Mitarbeiter sieze. Das Gespräch hat dann einen ganz anderen Professionalitätslevel, auf dem ich und mein Gegenüber persönliche Emotionen besser ausklammern können und unsere Worte mit Bedacht wählen. Grundsätzlich ist für mich persönlich die professionelle Distanz zu meinem Team besser als Nähe. Aus der Distanz kann ich Sachverhalte aus der Vogelperspektive betrachten und verstricke mich nicht in mir selbst.

Ich finde, man kann die Wahl der Anrede nicht am Alter festmachen. Man kann nicht davon ausgehen, dass eine Führungskraft automatisch mit der neuen Kultur des Duzens Schritt halten sollte, nur weil sie noch so jung ist, wie ich. Ich persönlich erschrecke mich immer erst mal ein wenig, wenn mir andere Führungskräfte das „Du“ anbieten. Ich muss dann für mich prüfen: Geht mir der Vorname des anderen wirklich über die Lippen? Vermutlich hat so etwas auch mit der eigenen Erziehung zu tun und ist letztlich eine Wohlfühlfrage.

DER EXPERTE

Professor Uwe Kanning, Wirtschaftspsychologe an der Hochschule Osnabrück, beschäftigt sich wissenschaftlich mit der richtigen Anrede im Arbeitsalltag. Seine Studien zeigen: Duzen ist keinesfalls ein Muss.

Herr Professor Kanning, warum gehen immer mehr Unternehmen derzeit zu einer Duzkultur über?
Weil es scheinbar immer irgendeinen Trend geben muss. Die Personalabteilungen in Deutschland sind leider getrieben von Trends. Zurzeit geht die Annahme um, die Millennials oder auch die Generation Y würden ein „Du“ als Anrede in der Arbeitswelt bevorzugen. Ich halte das für einen Trugschluss.

Wie belegen Sie Ihre Einschätzung?
Ich habe mit meinem Team mehr als 1.000 Menschen aus dieser Generation befragt. Wir interessierten uns für ihre Arbeitsmotive, zum Beispiel für das Streben nach Work-­Life-Balance oder Leistung. Dabei kam heraus: In dieser Generation gibt es wie bei jeder anderen auch große Unterschiede zwischen den einzelnen Menschen. Nicht alle ticken gleich! Auch zeichnete sich eine weitere Tendenz ab: Die jungen Menschen der Generation Y zeigen sich sogar etwas leistungsorientierter als Vertreter älterer Generationen!

Und inwiefern spricht das für oder gegen das „Du“?
In einer anderen Studie überprüften wir, wie Schüler und Studenten ein- und dieselbe Stellenanzeige erleben, wenn sie in dieser Anzeige einmal geduzt und einmal gesiezt werden. Es zeigte sich, dass sich bei der Anzeige mit dem „Du“ das Image des Unternehmens wandelte. Es wirkte nicht mehr so leistungsorientiert und erweckte in der lockeren Anrede den Anschein, als gäbe es nur wenige Karrieremöglichkeiten. Junge Menschen, die selbst karriereorientiert sind, werden sich auf eine solche Stellenanzeige daher mit geringerer Wahrscheinlichkeit bewerben.

… mit entsprechenden Konsequenzen für die Zahl und die Qualität der Bewerber?
Dazu kann ich eine schöne Geschichte erzählen. Eine meiner Studentinnen bewarb sich auf einen Praktikumsplatz. In der Ausschreibung duzte das Unternehmen potenzielle Bewerber, die Studentin nahm das ernst und duzte die Firma im Bewerbungsschreiben zurück. Als sie zum Vorstellungsgespräch eingeladen wurde, herrschte in dem Gespräch eine kühle Atmosphäre. Eine der ersten Fragen war, ob sie die Personalerin denn persönlich kenne oder warum sie sonst auf die vertrauliche Anrede käme? Die Studentin entschied sich letztlich für ein anderes Unternehmen. Was ich damit sagen will: Wenn Unternehmen das „Du“ unbedingt einführen wollen, dann bitte konsequent und in beide Richtungen.  

Quelle: Creditreform Magazin
Text: Almut Steinecke

© 2018 Verband der Vereine Creditreform e.V.

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