Brexit: So denkt der Mittelstand

Am 23. Juni dieses Jahres stimmte die Mehrheit der britischen Wähler bei einem Referendum gegen der Verbleib Großbritanniens in der Europäischen Union (EU). Dieses Votum kam für viele Beobachter überraschend. Nun geht es darum, den Austritt Großbritanniens, den sogenannten Brexit, für beide Seiten möglichst ohne große Nebenwirkungen über die Bühne zu bekommen. Unmittelbar nach der Abstimmung wurden schnell Befürchtungen laut, die einen nennenswerten negativen Einfluss auch auf das hiesige Wirtschaftswachstum sahen. In der kurzen Frist jedenfalls scheint die deutsche Konjunktur robust zu sein. Die befürchtete Konjunkturdelle blieb bislang aus. Im Gegenteil: Die Konjunkturindikatoren sind weiter aufwärtsgerichtet und für das laufende Jahr wird eine überdurchschnittliche Wachstumsrate des Bruttoinlandsproduktes erwartet.

Allerdings lassen sich negative Folgen eines EU-Austritts für die exportabhängige deutsche Wirtschaft nicht gänzlich verneinen. Vieles wird davon abhängen, wie die EU und Großbritannien in bilateralen Abkommen ihre weitere wirtschaftliche Zusammenarbeit gestalten. Hierbei sollten größere wirtschaftliche Folgen vermieden werden.

Schaden für alle

Wie hat der deutsche Mittelstand den Brexit aufgenommen? Immerhin 43,1 Prozent der befragten Unternehmen haben Handelsbeziehungen ins Ausland – allen voran das Verarbeitende Gewerbe und der Handel. Hier könnten schneller negative Folgen drohen, als in anderen Wirtschaftsbereichen. Insgesamt sehen die befragten Unternehmen den Austritt Großbritanniens daher pessimistisch. Knapp die Hälfte der Befragten (47,8 Prozent) glaubt, dass die EU Schaden nimmt. Diese Einschätzung ist dabei unabhängig davon, ob bereits in den eigenen Geschäftszahlen Folgen zu spüren sind. Das dürfte eher selten der Fall sein, wie auch eine aktuelle KfW-Studie nahelegt. Einen Vorteil für die EU durch die Abkehr Großbritanniens will lediglich jeder siebte Befragte (14,6 Prozent) erkennen. Viele (36,5 Prozent) können sich allerdings noch nicht festlegen. Wirtschaftsbereiche mit starken Auslandsbeziehungen sowie größere Unternehmen sehen häufiger die Nachteile des Brexit.

Ein „Weiter so“ wird es in der EU nach dem Austritt eines Schwergewichtes wie Großbritannien sicher nicht geben. Was aber sind die Optionen und die Erkenntnisse aus diesen Entwicklungen und anderen nationalistischen Tendenzen innerhalb der EU? Für eine knappe Mehrheit der befragten mittelständischen Unternehmen (43,0 Prozent) sollte die EU den einzelnen Mitgliedsstaaten mehr Autonomie zubilligen. Etwas geringer mit 39,4 Prozent ist der Anteil der Befragten, die meinten, die EU solle sich nun stärker zusammenschließen und beispielsweise den gemeinsamen Binnenmarkt vorantreiben. 15,8 Prozent der Unternehmen hatten hierzu keine Meinung.

Was auf dem Spiel steht

Oft wird die „Wirtschaftsferne“ der EU-Kommission kritisiert, das Anwachsen der Bürokratie durch die Vielzahl an Regelungen und Richtlinien. Wie betroffen sehen sich kleine und mittlere Unternehmen in Deutschland?

Für viele Befragte (51,3 Prozent) haben die Spielregeln der EU indes keine oder nur geringe Bedeutung im täglichen Business – auch deshalb, weil die Unternehmen beispielsweise gar nicht grenzüberschreitend tätig sind. Insgesamt wird die zunehmende Regulierungsdichte in der EU aber auch nicht unkritisch gesehen. 11,2 Prozent der Unternehmen fühlen sich bei ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit durch die Vorgaben der Union belastet. Vor allem Dienstleister nannten diesen Punkt überdurchschnittlich oft.

Die Europäische Union wurde kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet, um nach einem halben Jahrhundert kriegerischer Auseinandersetzungen Frieden auf den Kontinent zu bringen. Klar war schon damals, dass der Weg für die einzelnen Länder Europas nur ein gemeinsamer sein kann, wenn er zu wirtschaftlicher und kultureller Stärke führen sollte. Das „Projekt Europa“ ist nicht nur in die Jahre gekommen, es hat auch in den letzten Jahren einigen Schaden genommen. Sichtbarster und jüngster Ausdruck dieser Probleme ist der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Gemeinschaft, der Brexit.

Der DIHK hat in einer kurzen Darstellung die enge Verflechtung britischer und deutscher Wirtschaft aufgezeigt. Sie macht deutlich, was – neben allen ideelen Antrieben – auf dem Spiel steht:

Wirtschaftliche Verflechtungen mit dem Vereinigten Königreich

  • Das Vereinigte Königreich ist Deutschlands 5. wichtigster Handelspartner (2015: Export + Import = 127 Mrd. Euro).
  • Das Vereinigte Königreich ist drittgrößter Abnehmer deutscher Exporte welt- weit nach den USA und Frankreich. Die deutsche Wirtschaft liefert Waren für rund 90 Mrd. Euro ins Vereinigte Königreich, insgesamt 750.000 Arbeitsplätze hängen davon in Deutschland ab.
  • Wie wichtig das Vereinigte Königreich als Markt für exportierende deutsche Firmen ist, zeigt auch der große (zweitgrößte weltweit) Handelsüberschuss Deutschlands gegenüber UK: 50,9 Mrd. Euro – nach den USA: 54,3 Mrd. Euro.
  • Gleichzeitig ist das Vereinigte Königreich der größte Direktinvestor in Deutschland, über 200.000 Beschäftigte arbeiten bei britischen Unternehmen in Deutschland.
  • Etwa 2.500 deutsche Unternehmen haben Niederlassungen im Vereinigten Königreich und beschäftigen etwa 400.000 Mitarbeiter.
  • Im Vereinigten Königreich befinden sich 13% der EU-Einwohner und 17 % der EU-Wirtschaftskraft.
  • Der DIHK erwartet einen Rückgang der deutschen Exporte ins Vereinigte Königreich von 1% in 2016 und 5% in 2017.

Quelle: DIHK: Brexit - Was ist den Unternehmen wichtig?

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