Creditreform Rating untersucht Unternehmenserfolge in Ostdeutschland

Auch mehr als 25 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung liegt Ostdeutschland in Hinblick auf bedeutende ökonomische Größen im Vergleich zu Westdeutschland zurück. So beträgt das ostdeutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) je Einwohner nur ca. 70 Prozent des Westniveaus; der Abstand beim BIP je Erwerbstätigen beläuft sich auf rund 20 Prozentpunkte. Auch die hieraus abgeleiteten bzw. abhängigen Größen – wie Einkommen der Beschäftigten, Steuerkraft, Exporttätigkeit oder Innovationsaktivitäten der Unternehmen – liegen nach wie vor deutlich hinter dem Niveau der westdeutschen Bundesländer. Betrachtet man allein diese volkswirtschaftlichen Makro-Größen, so muss seit Ende der 1990er Jahre von einer deutlichen Verlangsamung des Angleichungsprozesses zwischen Ost- und Westdeutschland ausgegangen werden.

Wachstum der Gazellen

Die vom Bundeswirtschaftsministerium in Auftrag gegebene Untersuchung von Ramboll Management Consulting in Zusammenarbeit mit dem ifo-Institut Dresden und der Unternehmensdatenbank von Creditreform zeigt, dass es in Ostdeutschland eine durchaus beachtliche Anzahl wachstumsintensiver Unternehmen (SWU) gibt. Rund 3.200 Unternehmen oder 7,7 Prozent aller Unternehmen mit mehr als zehn Beschäftigten wachsen jährlich um mindestens 10 Prozent über einen Zeitraum von sechs Jahren (kumuliert mindestens 77,2 Prozent Beschäftigungszuwachs im Zeitraum von 2010 bis 2016). Knapp 30 Prozent dieser schnell wachsenden Unternehmen sind gleichzeitig sogenannte „Gazellen-Unternehmen“. Darunter versteht man Unternehmen mit einem Beschäftigungswachstum von mindestens 20 Prozent pro Jahr über einen Zeitraum von drei Jahren (mindestens 72,8 Prozent Beschäftigungszuwachs im Zeitraum von 2013 bis 2016). Schnell wachsende Unternehmen finden sich nicht nur in einzelnen, sondern in allen Branchen. Und: Schnell wachsende Unternehmen müssen nicht jung sein. Über vier Fünftel von ihnen sind älter als fünf Jahre.

Alles in allem gilt: SWU und Gazellen tragen in erheblichem Maße zur Schaffung neuer Arbeitsplätze bei und haben eine entsprechend hohe Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung in Ostdeutschland. Allen widrigen Umständen zum Trotz gibt es in Ostdeutschland wachstumsstarke Mittelständler, die schnell wachsen und auf deren Konto zwischen 2010 und 2016 fast die Hälfte (47 Prozent) aller neu geschaffenen Arbeitsplätze im privaten Sektor gehen.

Und was macht die Bonität?

Hinzu kommt ein Aspekt, der gerade für Creditreform entscheidend ist: Die Bonität. Gazellen und SWU haben keine schlechtere Bonität als Unternehmen, die kein schnelles Wachstum aufweisen. Im Gegenteil: Die Bonität der SWU ist im Durchschnitt sogar höher. Zwischen der Bonität der Gazellen und der Bonität aller Unternehmen in der diesbezüglichen Grundgesamtheit lassen sich auf Basis des Creditreform Bonitätsindexes kaum Unterschiede ausmachen. Lediglich die mittleren Bonitätsklassen sind bei den Gazellen etwas stärker ausgeprägt als in der Grundgesamtheit, die Bonitätsklassen, die von einer höheren Kreditwürdigkeit zeugen, dafür etwas schwächer. Die SWU haben im Durchschnitt eine höhere Bonität als die Gazellen und auch eine etwas höhere Bonität als alle Unternehmen in ihrer Grundgesamtheit.

Wenn man anstelle verschiedener Bonitätsklassen die durchschnittliche Bonität betrachtet, sind kaum signifikante Unterschiede zwischen Gazellen (216) und allen Unternehmen in der diesbezüglichen Grundgesamtheit (215) erkennbar. Und auch bei differenzierter Betrachtung einzelner Branchencluster liegen die Werte in der Regel eng beieinander. Der einzige stärker ausgeprägte Unterschied ist im Cluster „Bau“ zu erkennen (Gazellen: 245, Grundgesamtheit: 235). Die beste Bonität ist sowohl bei den Gazellen (216) als auch in der relevanten Grundgesamtheit aller Unternehmen (215) im Verarbeitenden Gewerbe zu beobachten.

Bei den SWU bestätigt der Blick auf die Durchschnittswerte ihre im Vergleich zur diesbezüglichen Grundgesamtheit aller Unternehmen höhere Bonität. Dieser Unterschied zieht sich durch alle betrachteten Branchencluster. Besonders stark ausgeprägt ist er im Cluster „Groß- und Einzelhandel“ (SWU: 213, Grundgesamtheit: 224) sowie (in geringerem Maße) im Cluster „Forschungs- und wissensintensive Dienstleistungen“ (218 gegenüber 225) und im Verarbeitenden Gewerbe (208 gegenüber 213).

Wachstum nicht auf Kosten der Bonität

Betrachtet man die Veränderung der Bonität zwischen 2014 und 2016 (bei den Gazellen und ihrer Grundgesamtheit) bzw. zwischen 2011 und 2016 (bei den SWU und ihrer Grundgesamtheit) wird deutlich, dass insgesamt eine relative Mehrheit der ostdeutschen Unternehmen ihre Bonität in beiden Zeiträumen verbessern konnte. Mit 30,1 Prozent der Unternehmen mit verbesserter Bonität ist der Anteil der Gazellen höher als der Anteil aller Unternehmen in der diesbezüglichen Grundgesamtheit (22,6 Prozent). Bei den SWU fällt der Unterscheid noch deutlicher aus (45,7 Prozent gegenüber 35,0 Prozent). Außerdem ist der Anteil der SWU mit verschlechterter Bonität mit 8,7 Prozent geringer als der Anteil aller Unternehmen mit verschlechterter Bonität (13,0 Prozent). Bei den Gazellen entspricht die Ausprägung dieser Kategorie mit 12,6 Prozent beinahe exakt dem Wert aller Unternehmen (12,5 Prozent).

In der Gesamtbetrachtung deutet die Bonitätsanalyse darauf hin, dass schnelles Wachstum keinesfalls eine schlechtere Bonitätsbewertung nach sich ziehen muss. Im Gegenteil: Sowohl Gazellen als auch SWU verbessern ihre Bonität in den betrachteten Zeiträumen in stärkerem Maße als die jeweilige Grundgesamtheit aller Unternehmen. Interessant sind darüber hinaus auch die Unterschiede zwischen den beiden Gruppen schnell wachsender Unternehmen. Denn hier wird deutlich, dass Unternehmen, die über einen längeren Zeitraum substanziell wachsen, sowohl im Er- gebnis eine höhere Bonität als auch eine im Durchschnitt stärkere Verbesserung der Bonität aufweisen als Unternehmen, bei denen solches Wachstum sprunghaft erfolgt.

Zartes Wachstum

So erklärt die Staatssekretärin und Ostbeauftragte Iris Gleicke: „Das macht Mut, aber das kann und darf nicht über die fortbestehenden Strukturschwächen Ostdeutschlands hinwegtäuschen. Wir haben es hier nicht mit einer starken, selbsttragenden Struktur zu tun, die man getrost sich selbst überlassen dürfte, sondern mit einem zarten Pflänzchen, das gewissenhafter Pflege und Zuwendung bedarf. Der noch immer strukturschwache Osten braucht deshalb gezielte Förderung über das Auslaufen des Solidarpakts II im Jahr 2019 hinaus. So, wie auch die strukturschwachen Regionen im Westen gefördert werden müssen.“

Eine vertiefte Untersuchung der unternehmerischen Entwicklung zeigt, dass solche Wachstumserfolge insbesondere auf individuellen Unternehmensstrategien beruhen, wobei ein ausgeprägter „Wachstumswille“ und kontinuierliche Innovationen von besonderer Bedeutung sind.

© 2018 Verband der Vereine Creditreform e.V.

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