Gründer dringend gesucht

In Deutschland werden immer weniger Unternehmen gegründet. Das hat zum einen mit der guten Konjunktur zu tun. Manchmal fehlt potenziellen Jungunternehmern aber auch das Startkapital. Abhilfe soll das Förderprogramm Invest bieten. ZEW, VDI und Creditreform Wirtschaftsforschung haben untersucht, ob es diesen Auftrag erfüllt.

Nicht immer einfach: Unternehmensgründung in Deutschland
Unternehmensgründung, Creditreform, Junge Unternehmer

Im Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) hat man eine düstere Vision: Danach könnte es im Jahr 2050 bundesweit etwa eine Million Unternehmen weniger geben als heute. So weit ist es zwar noch längst nicht. Tatsache ist aber, dass sich die Gründertätigkeit hierzulande auf niedrigem Niveau bewegt. Experten, etwa des Instituts für Mittelstandsforschung, der KfW Bank oder des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), verwenden unterschiedliche Berechnungsmethoden, aber der Befund ist stets derselbe: Die Zahl der neu gegründeten Unternehmen sinkt. Die amtliche Statistik registrierte in den ersten sieben Monaten 2016 einen Rückgang von 4,4 Prozent. Dabei hatte sich die Gründertätigkeit bereits 2015 auf dem niedrigsten Niveau seit zwei Jahrzehnten bewegt. Ist dies ein Indiz für schwindenden Gründergeist? Allein aus den Zahlen lässt sich das nicht ableiten. Vielmehr muss man zunächst fragen, mit welchen Motiven Menschen ein Unternehmen gründen. Manche machen es, weil sie selbstbestimmt arbeiten möchten. Andere reizt es, eine konkrete Geschäftsidee zu verwirklichen. Viele gründen ein Unternehmen aber auch aus Mangel an Alternativen: Sie finden in ihrem angestammten Job keine Anstellung und sehen in der Selbstständigkeit einen Ausweg aus der Arbeitslosigkeit. Deshalb gehen die Gründerzahlen in Zeiten guter Konjunktur üblicherweise zurück. Wenn die Wirtschaft brummt, stellen viele Unternehmen Mitarbeiter ein. Und vor die Wahl gestellt zwischen einem gut dotierten Angestelltendasein und dem unsicheren Schicksal als Jungunternehmer, entscheiden sich viele gegen das Risiko. Deshalb sind niedrige Gründerzahlen nicht automatisch ein Alarmsignal. Sie sind zunächst einmal das Spiegelbild einer guten Konjunktur.

Wann gilt ein Unternehmen als innovativ?

Gleichwohl benötigt eine export- und technologieorientierte Wirtschaft wie Deutschland eine Vielzahl von Gründungen insbesondere in forschungs- und wissenschaftsorientierten Branchen. Als Anschubhilfe hat das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) das Förderprogramm „Invest – Zuschuss für Wagniskapital“ aufgelegt. Das Ziel: mehr Wagniskapital von Privatinvestoren zu mobilisieren und so junge, innovative Unternehmen zu unterstützen. Seit Mai 2013 erhalten die geförderten Investoren einen steuerfreien Zuschuss in Höhe von 20 Prozent ihrer in ein junges Unternehmen eingebrachten Investitionssumme bis zu einer Obergrenze von 250.000 Euro (seit Herbst 2016: 500.000 Euro) je Investition. Insgesamt ist der Zuschuss auf eine Million Euro pro Jahr und Unternehmen begrenzt. Dabei darf die Firma nicht älter als zehn Jahre sein und höchstens 50 Mitarbeiter beschäftigen. Weitere Bedingung: Das Start-up muss einer als innovativ eingestuften Branche angehören. Wenn das nicht der Fall ist, gilt ein Unternehmen aber auch dann als innovativ, wenn es entweder ein höchstens 15 Jahre altes Patent besitzt, das im direkten Zusammenhang zum Geschäftszweck steht. Oder wenn es in den beiden Jahren vor Antragstellung eine öffentliche Förderung für ein Forschungs- oder Innovationsprojekt erhalten hat.

Doch erfüllt Invest seinen Auftrag? Das haben ZEW, VDI Technologiezentrum und Creditreform Wirtschaftsforschung untersucht. Wichtigstes Ergebnis: Die Zielgruppen sind hochzufrieden mit dem Förderprogramm. Es sei effizient, zielgenau und unbürokratisch in der Abwicklung. 97 Prozent der befragten Investoren und 64 Prozent der geförderten Start-ups würden erneut einen entsprechenden Antrag stellen. Seit dem Start von Invest gewährte das BMWi mehr als 2.200 Zuschüsse mit einem Volumen von etwa 35 Millionen Euro und bezuschusste so rund 175 Millionen Euro Wagniskapital.

Mit dem Förderprogramm ist es offensichtlich gelungen, auch Anreize für Privatinvestoren zu schaffen, die bisher nicht als Business Angels in Erscheinung getreten sind, die aber das finanzielle und unternehmerische Potenzial dazu besitzen: Bei gut einem Fünftel der befragten geförderten Investoren handelte es sich um sogenannte Virgin Angels. Dies sind Personen, die erstmalig Firmengründer und junge Unternehmer mit Kapital und Know-how unterstützen.

Aktive Investoren, nicht nur Geldgeber

Wer sind diese Geldgeber? Ehemalige Unternehmer, die sich im Ruhestand langweilen? „Das ist eher selten der Fall“, heißt es beim Business Angels Netzwerk Deutschland (BAND). Häufiger handele es sich um Berater und Manager, um die 50 Jahre alt und vermögend. Sie hätten Spaß daran, eine Pflanze wachsen zu sehen, die sie mit aufs Beet gesetzt hätten – und wollten natürlich mit ihren Investments Geld verdienen.

Die Studie stellt fest, dass die von Invest geförderten Kapitalgeber in der Mehrheit Business Angels sind, also Investoren, die sich aktiv mit Rat und Tat einbringen – und keineswegs nur passive Geldgeber, die darauf vertrauen, dass die Empfänger ihren Einsatz vervielfältigen. Ausräumen konnten die Wissenschaftler auch die Kritik, bei vielen Investoren handele es sich um Trittbrettfahrer: Sie würden unabhängig von öffentlichen Zuschüssen ohnehin Kapital zur Verfügung stellen und nähmen die Invest-Mittel gerne mit. Nach Auskunft von BAND investieren die Geldgeber 88 Prozent der bewilligten Summe zusätzlich in Start-ups. Vor allem Virgin Angels nutzten den Zuschuss, um ihre Investitionen aufzustocken. Brigitte Zypries, Parlamentarische Staatssekretärin im BMWi, spricht von einer „beachtlichen Hebelwirkung“ des Förderprogramms: „Für jeden Euro, der an Zuschuss gezahlt wird, werden im Durchschnitt 1,50 Euro vom Investor zusätzlich in ein Unternehmen investiert. Mehr als ein Fünftel der so durch Invest geförderten Start-ups beginnen deshalb zusätzliche Innovationsprojekte und stellen zusätzliche Mitarbeiter ein.“

Invest ist zu wenig bekannt

Eine Schwäche des Förderprogramms haben ZEW, VDI Technologiezentrum und Creditreform Wirtschaftsforschung in ihrer Untersuchung freilich doch offengelegt: den geringen Bekanntheitsgrad. Nur 20 Prozent der befragten Kapitalgeber kannten das Programm. Anders ist die Situation bei Business Angels, die bei BAND oder in regionalen Netzwerken engagiert sind – sie sind mit Invest vertraut. Deshalb raten die Autoren der Studie, stärker die Werbetrommel für das Förderprogramm zu rühren und insbesondere auf Messen und Veranstaltungen auf die Vorzüge von Invest hinzuweisen. Wenn das gelingt, wird die düstere Vision des Instituts der Deutschen Wirtschaft Köln vielleicht doch nicht Realität.

Quelle: Creditreform Magazin
Text: Stefan Weber

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