Insolvenzen - wie geht es weiter?

Eine Prognose für die Insolvenzentwicklung in diesem Jahr ist noch vergleichsweise einfach. Für das Jahr 2018 ist von einem weiteren Rückgang bei den Insolvenzen auszugehen. Creditreform schätzt die Zahl der Gesamtinsolvenzen auf 107.000 bis 113.000 Fälle. Diese Zahl ist die Summe der Unternehmensinsolvenzen, die mit 18.000 bis 20.000 Anträgen zu veranschlagen sind und der Verbraucherinsolvenzen, mit einer Prognose von 66.000 bis 68.000 Fällen in 2018. Hinzu kommen die sonstigen Insolvenzen in Höhe von 23.000 bis 25.000. Die prognostizierten Rückgänge sind die Fortsetzung einer Entwicklung, die seit den Höhepunkten 2003 mit rund 40.000 Unternehmensinsolvenzen und 2010 mit etwa 110.000 Verbraucherinsolvenzen anhält.

Voraussetzung für diese positive Prognose sind zwei Annahmen: Dass sich die gute gesamtkonjunkturelle Entwicklung fortsetzt und dass die Finanzierung sowie die Liquiditätslage der Unternehmen im Zeichen der Niedrigzinspolitik der EZB in diesem Jahr zumindest erhalten bleibt. Insolvenzen werden im Unternehmensbereich durch die Probleme einiger Branchen – wie im Einzelhandel durch den E-Commerce oder etwa im Tourismus oder beim Transport – bleiben. Auch die konstant hohe Zahl überschuldeter Verbraucher macht für viele Betroffene ein Privatinsolvenzverfahren wünschenswert. Alles in allem aber bleibt es bei der kurzfristigen Prognose bei den guten Aussichten.

Tanz auf dem Vulkan?

Welche Folgen aber hätte eine Erhöhung der Leitzinsen durch die Europäische Zentralbank (EZB) und folglich ein Anstieg der Fremdkapitalzinsen für die traditionell fremdfinanzierte deutsche Wirtschaft? Damit verbunden ist eine vergleichsweise große Abhängigkeit von Banken und Kreditgebern. Trotz der historisch niedrigen Kreditzinsen und einer allgemein guten Ertragslage konnten viele Unternehmen (15,4 Prozent) im Betrachtungszeitraum 2014 bis 2016 ihre Zinsaufwendungen nicht aus dem operativen Geschäftsergebnis finanzieren. Unter diesen Unternehmen ist eine höhere Ausfallgefährdung zu vermuten. Dieser Anteil würde entsprechend ansteigen, wenn sich die Finanzierungsbedingungen verschlechtern, weil die Zinsen steigen. Das ergab eine Auswertung der Bilanzdatenbank von Creditreform.

Bereits ein moderater Zinsanstieg für langfristiges Fremdkapital um plus 1,5 Punkte durch den Kreditgeber würde die Schuldentragfähigkeit verringern und den Anteil der Unternehmen, die keine adäquate Zinsdeckung erreichen, um 1,5 Prozentpunkte ansteigen lassen (16,9 Prozent der Unternehmen). Bei einer Erhöhung der Zinsen um drei Prozentpunkte für die Unternehmensfinanzierung würde fast jedes fünfte Unternehmen (19,3 Prozent) keine adäquate Zinsdeckung mehr erreichen. Das heißt: Die erwirtschafteten Erträge (EBIT) würden bei diesen Unternehmen bei weitem nicht ausreichen, um die Zinsen für die aufgenommenen Kredite zu bedienen (Anstieg der betroffenen Unternehmen um 3,9 Prozentpunkte).

Auf die Bonität kommt es an

Keine guten Aussichten für die Stabilität der Unternehmen also, wenn es zur Zinswende kommt. Neben dieser Perspektive auf der Basis von Bilanzauswertungen würde ein weiterer Ausblick auf die Insolvenzlage in den nächsten Jahren mit Hilfe des Creditreform Bonitätsindexes geben. Grundlage ist eine gemeinsame Studie von KfW Research und Creditreform. Denn sie zeigt, wie stark die finanzielle Stabilität der Unternehmen in der Finanzkrise gelitten hat, aber auch, dass acht Jahre später die kleinen und mittleren Unternehmen Deutschlands ihre Bonität wieder sichtbar verbessert haben und deutlich widerstandsfähiger gegenüber neuen Krisen geworden sind. Die Ergebnisse indizieren aber auch: Hinter dem Anstieg der durchschnittlichen Bonität versteckt sich auch ein gestiegener Anteil an Unternehmen mit schwacher oder sehr schwacher Bonität. „Eine schwache Unternehmensbonität kann gefährlich werden, denn sie bestimmt den Kreditzugang in besonderem Maße“, kommentiert Dr. Jörg Zeuner, Chefvolkswirt der KfW Bankengruppe die Ergebnisse der Studie. Vor allem in Krisenzeiten spüren bonitätsschwache Unternehmen die Rationierung des Kreditangebotes besonders stark, wie KfW Research und Creditreform mittels statistischer Analysen ermitteln konnten.

Risiken im Kreditbuch

Denn die Unterschiede in der Wahrscheinlichkeit von erfolgreichen oder nicht-erfolgreichen Kreditverhandlungen zwischen Unternehmen mit guter und schwacher Bonität sind nicht über die Zeit konstant. Hatten kurz vor Ausbruch der Finanzkrise auch Unternehmen mit tendenziell schwächerer Bonität einen relativ guten Kreditzugang, kam es während der Krise zu einer deutlichen Selektion. Während der Kreditzugang für Unternehmen mit sehr guter Bonität fast unverändert gut war, sahen sich Unternehmen mit schwacher Bonität einer teils erheblichen Kreditrationierung ausgesetzt. Diese Unternehmen sind somit besonders krisenanfällig. Käme es aufgrund von konjunkturellen Schwankungen, Turbulenzen in den Finanzmärkten oder einer unerwarteten und raschen Straffung der Geldpolitik zu einer Reduzierung des Kreditangebotes, wären bonitätsschwache Unternehmen überproportional stark davon betroffen.

Es besteht bereits jetzt die Gefahr, dass durch einen zu lockeren Kreditzugang Insolvenzen verschleppt werden und tendenziell unproduktivere Unternehmen im Markt bleiben. Die sinkenden Insolvenzraten, die in den letzten Jahren in Deutschland zu beobachten sind, bei gleichzeitig steigendem Anteil an Unternehmen mit schwacher Bonität, könnten als ein mögliches Indiz für diese Entwicklung gedeutet werden. Dass ein unterdrückter Restrukturierungsprozess im Unternehmenssektor langfristig negative Folgen für eine Volkswirtschaft haben kann, zeigt das Beispiel Japan sehr deutlich. Ein Anreiz für die Banken, die Kreditvergabe an schwächere Bonitäten auszuweiten, liegt gerade in dem niedrigen Zinsniveau. So würden die Geschäftsbanken zulasten der Risikoresistenz ihr Kreditbuch auf der Suche nach Ertrag ausbauen.

Dieses nicht sehr freundliche Szenario ist mit Zahlen zu konkretisieren. Von den rund 3,2 Millionen Unternehmen in Deutschland weisen rund 300.000 eine ungenügende Bonität aus, weitere 150.000 eine schwache oder mangelhafte Bonität. Natürlich werden wir auch im Worst Case keine knappe halbe Million Insolvenzen zu gegenwärtigen haben – dennoch ist vor Euphorie zu warnen. Doch der Mittelstand hat sich in Krisen immer als besonders wendig und überlebensfähig erwiesen.

© 2018 Verband der Vereine Creditreform e.V.

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