Modefachhandel muss sich warm anziehen

Der Textileinzelhandel steht unter Druck und reagiert mit Schließungen und Insolvenzen. Jüngstes Beispiel: Die Insolvenz von Sinn-Leffers. Die Marktbereinigung ist auch Ausdruck der Verlagerung zum Online-Handel und der Probleme des mittelständischen stationären Handels, die nötigen Investitionen zu stemmen, um gegen große internationale Modeketten und Discounter anzugehen. Sowohl im Internet als auch durch „Erlebniswelten“ in den Einkaufsstraßen gilt es Paroli zu bieten. Für Lieferanten ist dies ein Aufruf zur erhöhten Vorsicht. Nur wer sich frühzeitig über die Bonität seines Abnehmers im Textileinzelhandel informiert, verschafft sich Sicherheit. Die Creditreform Wirtschaftsauskunft ist dazu der beste Weg.

Bonität ist keine Frage der Mode

"Jetzt auch noch Sinn-Leffers", wird es angesichts einer weiteren Insolvenz in der Textil- und Modebranche heißen. Die Bekleidungskette betreibt 22 Filialen und drei Outlets und beschäftigt fast 1.300 Mitarbeiter. Immerhin strebt man eine Eigenverwaltung an. Mit dem jetzt beantragten Schutzschirm wird Zeit gewonnen, um einen Insolvenzplan zu entwickeln, der den Beschäftigten, Gläubigern und nicht zuletzt den Inhabern eine Perspektive bietet. Apropos Eigentümer: Die Familie Wöhrl hat eine zweite Insolvenz zu verkraften. Das ebenso traditionsreiche Modehaus Rudolf Wöhrl AG hatte ebenfalls kurz zuvor einen Schutzschirm beantragt und soll aus der Insolvenz heraus saniert werden. Dabei bleibt festzuhalten, dass die beiden Unternehmen gesellschaftsrechtlich und auch operativ getrennt sind. Sinn-Leffers hat eine schwierige Geschichte hinter sich, in der sich die Probleme der Branche spiegeln. Zunächst gehörte man zu Schickedanz, dann zu Karstadt – deren Pleiten führten schließlich dazu, dass schon einmal 2008 ein Insolvenzverfahren eingeleitet worden war, das aber erfolgreich über einen Insolvenzplan zu einer Restrukturierung und Solvenz geführt hatte.

Insolvenzen rückläufig, aber…

Die Pleiten der beiden Unternehmen der Wöhrl-Familie sind vor dem Hintergrund der Entwicklung der Branche zu sehen. Strenesse, Wöhrl, Steilmann-Gruppe, Promod und zuletzt SinnLeffers sind die herausragenden Beispiele für den dramatischen Umbruch in der Modebranche und dort vor allem im Bereich des mittelständisch geprägte Einzelhandels. Denn insgesamt ist die Insolvenzentwicklung in Deutschland weiter positiv. Im Juni hatte Creditreform die aktuellen Insolvenzzahlen zum ersten Halbjahr 2016 bereits veröffentlicht. Die Insolvenzzahlen in Deutschland entwickelten sich auch in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres rückläufig. Sowohl die Unternehmensinsolvenzen (minus 6,8 Prozent) als auch die Verbraucherinsolvenzen (minus 5,1 Prozent) nahmen weiter ab. Bereits im Vorjahreszeitraum (1. Halbjahr 2015) waren Rückgänge zu verzeichnen gewesen (Unternehmen: minus 4,4 Prozent; Verbraucher: minus 8,1 Prozent). Insbesondere bei den Unternehmensinsolvenzen hat sich der Positivtrend noch verstärkt. In absoluten Zahlen waren von Januar bis Juni 10.750 Unternehmensinsolvenzen und 38.250 Verbraucherinsolvenzen zu verzeichnen. Zusammen mit 11.500 sonstigen Insolvenzen gab es somit deutschlandweit insgesamt 60.500 Insolvenzen. Das war ein Rückgang um 5,3 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum (63.890 Insolvenzen).

...das Risiko steigt dennoch

Dabei findet die Veränderung im Markt  weniger über den „Untergang via Insolvenz“ statt. Eine aktuelle Analyse der Creditreform Wirtschaftsforschung zur Entwicklung der Insolvenzen und Risikoquoten (je 10.000 Unternehmen) in der Branche „Einzelhandel mit Bekleidung“ zeigt, dass die Zahl der Insolvenzanträge sogar in den letzten knapp zehn Jahre abgenommen hat. Dabei gibt die erste Spalte die Zahl der Insolvenzanträge an, die zweite nennt den Risikoindikator Creditreform, der auch harte Negativmerkmale wie etwa die Privatinsolvenz des Inhabers oder massive Zahlungsrückstände einbezieht. Doch auch diese Risikofaktoren haben relativ abgenommen, parallel zur Gesamtentwicklung aller Branchen.

Entwicklung der Insolvenzen und Risikoquoten (je 10.000 Unternehmen) in der Branche „Einzelhandel mit Bekleidung“:

Alles also weniger prekär in der Textilhandelsbranche als manche vermuten? Dagegen äußert sich der Insolvenzverwalter Christoph Niering, Vorsitzender des Verbandes Insolvenzverwalter Deutschland (VID): „Trotz  robuster Konjunktur und weiterhin hoher Konsumnachfrage stehen viele etablierte Einzelhandelsketten vor dem Aus." Nach Ansicht des VID befinden sich die betroffenen Unternehmen  teilweise seit Jahren in einem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld und verzeichnen zum Teil bereits die zweite Insolvenz innerhalb weniger Jahre. „Niedrige Zinsen und günstige Konditionen am Anleihemarkt  haben den Konsolidierungsprozess im Einzelhandel wohl nur verlangsamt, ein Ende dieser Entwicklung erscheint nicht in Sicht“, so Niering weiter. 

Survival of the fittest – Mittelstand in der Klemme 

Entscheidend für die Beurteilung sind aber nicht nur die Insolvenzen. Sie sind nur die Spitze des Eisbergs. Der Prozess der Konsolidierung verläuft vor allem über Schließungen, „stelle Heimgänge“, die weniger für Schlagzeilen sorgen. Der Bundesverband des deutschen Textileinzelhandels, BTE, nennt dazu interessante Zahlen. So schreibt er in einer Mitteilung zur aktuellen Lage in seinem Statistik Report: Vor allem kleinere Betriebe verschwinden in Deutschland vom Markt.

Diese Entwicklung führt schon seit Jahren zu einer zunehmenden Markt-Konzentration. Während der Marktanteil von Modegeschäften mit jährlichen Nettoumsätzen unter einer halben Million Euro laut der kürzlich veröffentlichten Umsatzsteuerstatistik für 2014 nur noch 7,5 Prozent erreicht, liegt der Anteil der Großunternehmen mit Umsätzen über 100 Mio. Euro mittlerweile bei 56,5 Prozent. Vor allem Discounter wie Aldi und Lidl brechen mit Billigtextilien in den Markt ein. Einher ging diese Entwicklung mit einem zahlenmäßigen Abschmelzungsprozess bei den kleinen Unternehmen: Waren im Jahr 2010 noch 18.869 Unternehmen mit Nettoumsätzen bis 0,5 Mio. Euro am Markt vertreten, so ist ihre Zahl im Jahr 2014 um mehr als 3.600 auf nur noch 15.265 gefallen. Das entspricht einem prozentualen Rückgang in Höhe von 19 Prozent. Allein in 2014 schlossen 896 der kleineren Unternehmen ihre Türen oder stiegen in die nächste Umsatzgrößenklasse auf. Insgesamt verschwanden im vorletzten Jahr 999 selbstständige Bekleidungsgeschäfte vom Markt. Dagegen stieg die Zahl der Großunternehmen (ab 100 Mio. Euro) von 2010 bis 2014 stark an, und zwar um 50 Prozent von 26 auf 39 Firmen. Und deren Nettoumsatz erhöhte sich im gleichen Zeitraum immerhin noch um 37,7 Prozent.

Gut behaupten konnten sich in diesem Wettbewerbsumfeld die großen Mittelständler in den Größenklassen zwischen 5 und 100 Millionen Euro Nettoumsatz. Von 2010 bis 2014 stieg deren Zahl um gut elf Prozent von 396 auf 441 Unternehmen. Und auch beim Umsatz konnten diese Modehäuser um mehr als zehn Prozent zulegen.

Digitalisierung schreitet voran

Bei guter Konsumlage und nur leichtem Minus in der Umsatzsituation zeigen Berechnungen des Statistischen Bundesamts, dass die Branche weniger unter mangelnder Nachfrage leidet als unter der Konkurrenz aus dem Internet. Überdurchschnittlich hat sich der (Online)Versandhandel in den ersten sechs Monaten 2016 entwickelt. So veröffentlicht das Statistische Bundesamt für den „Versand- und Internethandel mit vorwiegend Textilien, Bekleidung, Schuhen und Lederwaren“ per Ende Juni ein Umsatzplus in Höhe von 5,8 Prozent. Dieser Wert liegt unter der Wachstumsrate des allgemeinen (Online)Versandhandels, der danach ein Plus von 7,6 Prozent erzielen konnte, aber markant  unter den Zahlen, die nach BTE-Berechnungen genannt werden. Danach lag der Umsatz des kleinen und mittelgroßen Textileinzelhandels in den ersten sechs Monaten im Durchschnitt rund ein bis zwei Prozent unter dem Vorjahreszeitraum – bei zum Teil großen Unterschieden zwischen den einzelnen Unternehmen. Die ersten sechs Monate liefen damit für die meisten Modegeschäfte unbefriedigend, da das erste Halbjahr 2015 schon mit einem Umsatzminus von rund einem Prozent abgeschlossen hatte. 

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