Privatinsolvenz verlangt nicht nur finanzielle Opfer

In einem Gastbeitrag für den aktuellen Schuldneratlas von Creditreform haben die Autoren Dr. Marion Müller, Prof. Dr. Patricia Pfeil und Dr. Udo Dengel unter dem Titel „Die angegriffene Mitte – Überschuldung und Insolvenz in der Mittelschicht“ aufgezeigt, wie Familien der Mittelschicht mit der Konfrontation mit der Privatinsolvenz umgehen.

Mit der Insolvenz werden die Zeichen der Mittelschichtexistenz brüchig. Verbunden mit der Anpassung an die neuen, von außen gesetzten Anforderungen und dem unbedingten Zwang zur Einhaltung des Plans in der Wohlverhaltensperiode ist eine soziale wie personale Deplatzierung. Die Zugehörigkeit zur Mittelschicht ist nicht mehr selbstverständlich, sondern muss explizit hergestellt werden. Dies gilt für die eigene Wahrnehmung, wie auch für die Darstellung nach außen. Die Überschuldeten müssen Strategien entwickeln, die ihnen eine Zuschreibung zur Mittelschicht nach wie vor ermöglichen, der finanzielle Abstieg muss vom sozialen Abstieg entkoppelt werden. In Konsequenz erfolgt in vielen Fällen nicht nur eine Veränderung der Finanzlage, die keine großen Spielräume und Ausweichmöglichkeiten mehr erlaubt, wie sie zuvor durch Kreditaufnahmen oder Ratenkäufe möglich waren, sondern damit verbunden ist der Versuch, diese Veränderung ohne große Abstriche zu durchleben und in die bisherige Lebensform einzupassen. Dies erfordert für die Befragten ein hohes Maß an Anpassungsleistungen, das sie nicht nur nach außen darstellen, sondern auch innerlich vollziehen müssen. Um Orientierung und Handlungsfähigkeit zu behalten oder wieder neu zu erlangen, müssen sie verstärkt Identitätsarbeit leisten.

Die Autoren der Studie sehen drei grundlegende Strategien der Betroffenen, um mit der neuen Lebenssituation umzugehen.

Weiter so – koste es, was es wolle

So versucht ein Großteil der Befragten (Strategie 1) mit aller Vehemenz, an den durch die Überschuldung resp. der bereits erfolgten oder anstehenden Privatinsolvenz brüchig gewordenen „Mittelschichtidentität“ festzuhalten. Eine Form der Identitätsarbeit, das sogenannte ‚Weiter so‘, lässt sich daran festmachen, dass die Betroffenen mittelschichtsrelevante Verhaltensmodi, Normen und Werte hinsichtlich Konsumverhalten, Bildungsvorlieben oder auch einer uneingeschränkten Mobilität beibehalten. Diese Personen versuchen, die gewohnte Lebensweise soweit als möglich aufrecht zu erhalten, auch wenn ihnen das nur eingeschränkt gelingt. Sie formulieren das Bedürfnis nach Urlaub, kulturelle Aktivitäten, Besuch von Freizeitparks, Wohneigentum (oder zumindest besseren Wohnoptionen) und nehmen deren Verlust als bedrückend wahr. Oft wird dem Beibehalten und Erwerb von „Statussymbolen“ innerhalb der Überschuldung oberste Priorität eingeräumt. Und oft wird in diesem Zusammenhang der Erhalt dieser Statussymbole ganz zentral für das persönliche Befinden der Kinder und ein Abwenden von Exklusion als notwendig begründet. Dieses „Weiter so“ wird unter großen Anstrengungen verrichtet und fordert den Betroffenen viel ab. So werden zum Beispiel neben der Hauptberufstätigkeit Nebenjobs angenommen, um sich weiterhin Dinge leisten zu können und die mit einer Zugehörigkeit zur Mittelschicht verbundenen gesellschaftlichen Anforderungen (weiterhin) zu erfüllen. Als Beispiel können der Besuch einer Privatschule durch die Kinder oder die Betonung einer gesunden Ernährungsweise durch Bioprodukte genannt werden. Um dies in der prekären Situation der Insolvenz (weiterhin und so lange als möglich) zu gewährleisten, wird zum Teil ein extrem hoher Arbeitsaufwand betrieben. In Einzelfällen geht dieser bis zum psychischen Zusammenbruch.

Den Kopf in den Sand stecken

Konträr hierzu lässt sich dies in Strategie 2 charakterisieren, bei der ein (zumindest über einen gewissen Zeitraum) Verharren in der Situation und Aussetzen jeglicher Identitätsarbeit im Zentrum steht. Im Vordergrund steht hier ein Nicht-Handeln oder auch ein Nicht-Handeln-Können der Betroffenen in der Situation der Insolvenz. Mit dem „Verharren“ verbunden sind eine Form des Leidens und das Gefühl der Machtlosigkeit. Die Privatinsolvenz wird als (mehr oder weniger) traumatisches Ereignis wahrgenommen. Durch die mit dem Beginn der Insolvenz einhergehenden (von außen gesetzten) Limitationen bezüglich der Verfügbarkeit von finanziellen Mitteln und die fehlende Möglichkeit, eigene Konsumentscheidungen treffen zu können, kommt es zu einer gefühlten Entmündigung bzw. Entmachtung, dem Verlust jeglicher Autonomie. Auch hieraus resultiert eine starke psychische Belastung.

In Konsequenz verfallen manche Betroffene in eine Schockstarre – die bisherigen Identitätsaspekte, Rollenmuster und Verhaltensgewohnheiten sind nicht mehr gültig bzw. nicht mehr anwendbar. Den Betroffenen ist es nicht möglich, innerhalb der neuen, prekären Situation handlungsfähig zu sein oder zu bleiben. Es erfolgt (noch) keine (erkennbare) Identitätsarbeit: Ein Handeln ist den Betroffenen in diesen Fällen nicht möglich, sie erleben sich als machtlos und verharren in einem Stillstand, der sie handlungsunfähig macht.

Es muss sich etwas ändern

Ein gegenteiliger Ansatz zeigt sich in Strategie 3, wenn Überschuldung und Privatinsolvenz als Chance begriffen werden und auf einen Umbau und eine Neudefinition von Identität hingewirkt wird. Hierbei steht ein persönliches Wachsen, ein Reifeprozess in Verbindung mit der Situation der Insolvenz im Vordergrund. Die Betroffenen verändern sich, sind nicht mehr so (leichtsinnig, unbeschwert) wie früher. Oft wird als Wendepunkt für die persönliche Wandlung der Beginn der Insolvenzphase ausgemacht. Das „Wachsen“ ist eng verbunden mit einer Reflektion über Vergangenes, über den Verlauf des Überschuldungsprozesses. Dabei werden einerseits negative Erfahrungen mit Institutionen, aber auch die eigene Rolle im Verlauf der Überschuldung kritisch betrachtet. Dieser Blick auf sich und andere führt bei den Betroffenen dazu, sich selbst nicht als Opfer, sondern Handelnde zu verstehen und daraus wiederum (neue) Handlungsfähigkeit und Autonomie zu schöpfen. Gibt es zwar Einschränkungen im Hinblick auf die durch die Insolvenz begrenzten finanziellen Gestaltungsmöglichkeiten, sehen sie darüber hinaus in der individuellen Lebensgestaltung Freiräume, die sie nutzen. Im Hinblick auf Geld und Konsum – Faktoren, die zuvor hohe Bedeutung für die Befragten hatten – zeigt sich nun eine kritische Haltung. Die Befragten nehmen eine Veränderung an sich wahr, stellen fest, nun „klüger“ geworden zu sein, vor allem im Umgang mit Geld und Konsumausgaben. Diese Personen machen im Rückblick auf die vergangene Phase der Überschuldung einen Lerneffekt bei sich aus.

© 2018 Verband der Vereine Creditreform e.V.

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