SchuldnerAtlas Deutschland 2012

Die Überschuldung von Privatpersonen in Deutschland ist 2012 nach einem leichten Rückgang im Vorjahr wieder merklich angestiegen. So hat sich die Zahl der überschuldeten Personen im Jahr 2012 gegenüber dem Vorjahr um rund 190.000 auf bundesweit 6,6 Millionen Betroffene erhöht (+ 3,0 Prozent). Damit sind 9,65 Prozent aller erwachsenen Deutschen über 18 Jahre zum Stichtag 1.Oktober 2012 überschuldet und weisen nachhaltige Zahlungsstörungen auf (2011: 9,38 Prozent). Die aktuelle Schuldnerquote (9,65 Prozent) bleibt aber trotz des Anstieges weiterhin deutlich unter den Höchstwerten von 2005 bis 2008.

Die Gründe hierfür liegen überwiegend in einer Zunahme der Fälle, die auf Konsumverschuldung zurückzuführen sind. Dies zeigt sich im deutlich stärkeren Anstieg der Fälle mit „geringer Überschuldungsintensität“ (+ 4,2 Prozent), der in den ostdeutschen Ländern zudem höher lag (+ 7,1 Prozent). Nach Jahren des Rückgangs der Überschuldung sind jetzt bei steigenden Einkommen und vergleichsweise positiven ökonomischen Rahmenbedingungen – etwa am Arbeitsmarkt – mehr ostdeutsche Verbraucher dabei, entgangenen Konsum nachzuholen und auf diese Weise in nachhaltige Zahlungsstörungen zu geraten.

Überschuldung liegt vor, wenn ein Schuldner die Summe seiner fälligen Zahlungsverpflichtungen auch in absehbarer Zeit nicht begleichen kann und ihm weder Vermögen noch andere Kreditmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Am stärksten zugelegt haben bei den Hauptursachen der Überschuldung derzeit unangemessenes Konsumverhalten (Veränderung 2011/12: + 31 Prozent), Scheidung/Trennung (+ 29 Prozent) und Krankheit (+ 19 Prozent). Vorwiegend ökonomische Auslöser wie Arbeitslosigkeit (- 15 Prozent) und gescheiterte Selbstständigkeit (- 20 Prozent) haben zumindest vorläufig an Bedeutung verloren, was zum Großteil auf die noch relativ stabile Konjunkturentwicklung in Deutschland zurückzuführen sein dürfte.

Die leicht verschlechterte Überschuldungssituation spiegelt sich 2012 in allen 16 Bundesländern Deutschlands wider. Alle Bundesländer weisen eine Zunahme der Schuldnerquote auf. Wie in den Jahren bis 2010 bleiben nur vier Bundesländer (Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen, Thüringen) unterhalb der Schuldnerquote für ganz Deutschland. Weiterhin führen Bayern (6,98 Prozent) und Baden-Württemberg (7,66 Prozent) das Ranking der Bundesländer mit der geringsten Überschuldungsquote an. Sachsen folgt mit 8,72 Prozent auf Platz drei. Thüringen (8,78 Prozent) verbleibt wie seit 2009 auf Rang vier. Das Land Hessen (9,69 Prozent) liegt wieder auf Rang fünf vor Brandenburg (9,77 Prozent), das sich wieder auf Rang sechs verschlechtert hat. Die Schlusslichter bilden wie in den Vorjahren Bremen (13,62 Prozent), Berlin (12,56 Prozent) und Sachsen-Anhalt (12,14 Prozent).

Frauen holen auf – junge Überschuldung bleibt virulent

Die aktuellen Daten bilden zunächst zwei insgesamt stabile Trends der Vorjahre ab: Weiterhin nimmt der Anteil der Frauen am Überschuldungsgeschehen zu und: Überschuldete werden zunehmend jünger. So liegt der Anteil männlicher Schuldner bei 63,6 Prozent und hat im Vergleich zum Vorjahr leicht abgenommen (2011: 63,8 Prozent). Gleichzeitig hat der Anteil von überschuldeten Frauen binnen Jahresfrist leicht zugenommen: von 36,2 Prozent im Vorjahr auf aktuell 36,4 Prozent. Insgesamt sind 2012 rund 4,2 Millionen Schuldner männlichen und rund 2,4 Millionen Schuldner weiblichen Geschlechts.

In der längerfristigen Betrachtung wird deutlich, dass Frauen ihren Anteil an der Überschuldung gegenüber Männern merklich vergrößert haben. Waren im Jahr 2004 nur 2,09 Millionen Frauen von Überschuldung betroffen, sind es 2012 bereits 2,4 Millionen. Dies entspricht einem Anstieg um 14,8 Prozent. Bei den Männern ist tendenziell eine Abnahme zu erkennen: Von 4,45 Millionen in 2004 auf 4,2 Millionen im Jahr 2012 – ein Rückgang um 5,7 Prozent. Hauptgrund für den Langzeittrend: Frauen müssen im Rahmen veränderter Lebensformen und Rollenbilder vermehrt, insbesondere als Alleinerziehende oder gleichberechtigte Einkommensbezieherinnen, für auflaufende Schulden geradestehen.

Und auch wenn die Schuldnerquote der jüngsten Verbrauchergruppe (18 bis 20 Jahre) in diesem Jahr einen Rückgang der Überschuldung aufweist, bleibt das Thema „Junge Überschuldung“ virulent. In Deutschland sind 2012 immer noch rund 216.000 Schuldner jünger als 20 Jahre (Schuldnerquote: 1,65 Prozent; - 27.000 Fälle). Gleichzeitig hat die Anzahl der Schuldner in der zweitjüngsten Altersgruppe (20 bis 29 Jahre) um rund 122.000 Fälle auf rund 1,56 Millionen Überschuldete zugenommen.

Bedenklich stimmen auch starke Zunahmen der Überschuldung bei den Älteren. Sowohl in der Altersgruppe von 50 bis 59 Jahre, aber auch in der Gruppe der 60- bis 69-Jährigen lässt sich ein Zuwachs um 4,0 Prozent verzeichnen (+ 35.000 bzw. + 17.000 Schuldner). Selbst bei den über 70-Jährigen ist die Zahl der Schuldner um ein Prozent gestiegen (+ 1.000 Schuldner). Ein Rückgang der Überschuldung wird vor allem bei den 40- bis 49-Jährigen verbucht – um minus drei Prozent gegenüber dem Vorjahr auf rund 1,56 Millionen Fälle. Zusammengefasst sind mittlerweile rund 27 Prozent aller Schuldner jünger als 30 Jahre (2012: 26,9 Prozent; 2011: 26,3 Prozent).

Privater Konsum zur Konjunkturstützung überfordert Verbraucher – Überschuldung wird steigen

Der gegenwärtige Anstieg der Überschuldung in Deutschland stellt möglicherweise eine „Nebenwirkung“ der gesellschaftspolitisch durchaus gewünschten Inanspruchnahme des privaten Konsums zur Wirtschaftsbelebung nach sich. Dabei könnte eine Konsumausweitung die ökonomische Situation und Überschuldungslage mancher Verbraucher mittel- bis langfristig schwächen oder gar überfordern. Ein Anstieg der Schuldnerquoten in der nächsten Zeit ist nicht auszuschließen.

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