Ein bisschen Wachstum?
Erholt sich die Wirtschaft 2026 endlich? Einmal im Jahr fragt das Creditreform Magazin die Chefvolkswirte deutscher Geschäftsbanken nach ihren Prognosen. Die Umfrage zeigt: Es geht bergauf – aber langsam. Und auch nur unter bestimmten Bedingungen.

So hart wie im Frühjahr vergangenen Jahres trifft Donald Trump die deutsche Wirtschaft hoffentlich nicht mehr. Wir erinnern uns an den Auftakt seines drakonischen Zollregiments im Rosengarten des Weißen Hauses, als der US-Präsident eine schwarze Tafel in die auf ihn gerichteten Kameras hielt. Reciprocal Tariffs – gegenseitige Zölle – stand über der Auflistung von Ländern und Zahlen; für den US-Präsidenten ein Beleg der Benachteiligung der USA und die Rechtfertigung von Zöllen für die Länder „auf der ganzen Welt“, die Trump fortan verhängte.
Selbst wenn das Weiße Haus weiterhin die regelbasierte ökonomische Zusammenarbeit pulverisiert: Für die vom Creditreform Magazin befragten Chefvolkswirte deutscher Geschäftsbanken ist seine unberechenbare protektionistische Handelspolitik mit ihren willkürlich verhängten Strafzöllen und dem Ausstieg aus bestehenden Handelsabkommen etwas erwartbarer geworden. Die dadurch ausgelösten Handelskonflikte und geopolitischen Entwicklungen sorgen zwar für Verunsicherung und machen einen gesamtwirtschaftlichen Ausblick schwierig, sagt Reinhold Rickes, Chefvolkswirt beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband DSGV. „Die belastende Wirkung dieser Faktoren ist aber schon weitgehend eingepreist.“
Wachstum mit angezogener Handbremse
Auch Dirk Schumacher, Chefvolkswirt der KfW sieht eine Mäßigung. „Die politische Unsicherheit ist nach den US-amerikanischen Zollankündigungen vom April 2025 im Trend rückläufig, die intensivste Phase der Handelskonflikte scheint hinter uns zu liegen“, so der Ökonom. Unsicherheit sollte damit das Verhalten von Wirtschaftsakteuren 2026 also eher weniger stark bestimmen als noch im vergangenen Jahr. Aber welche Einflussgrößen spielen dann eine Rolle? Wird die deutsche Wirtschaft voraussichtlich wachsen und falls ja, wie stark? Und vor allem: unter welchen Voraussetzungen? Denn in einem Punkt waren sich alle befragten Ökonomen einig: Ein Ende der Stagnation kommt nur unter bestimmten Bedingungen.
Doch die gute Nachricht zuerst. Immerhin gehen fast alle befragten Volkswirte davon aus, dass sich die deutsche Wirtschaft langsam erholt. Aber die Betonung liegt auf „langsam“. Eine kräftige Steigerung nach dem sich für 2025 abzeichnenden Mini-Plus von 0,1 Prozent ist nicht in Sicht. Die befragten sieben Ökonomen erwarten ein Wachstum zwischen 0,9 und 1,5 Prozent. Am optimistischsten ist Dirk Schumacher von der KfW. Er ist überzeugt, dass allein die Milliardenausgaben für Verteidigung und die Investitionen aus den Mitteln des Sondervermögens für Infrastruktur und Klimaneutralität über das Gesamtjahr einen Wachstumsbeitrag von 0,8 Prozent leisten werden: „Von diesem dürfte im Jahresverlauf immer stärker auch die gesamte Wirtschaft profitieren.“ Auf das Gesamtwachstum von 1,5 Prozent kommt Schumacher, weil er erwartet, dass die – bundesweit gesehen – 2,4 Arbeitstage, die 2026 im Vergleich zu 2025 zusätzlich anfallen, weitere 0,3 Prozent bringen. Die am harmonisierten Verbraucherpreisindex gemessene Teuerungsrate sieht der KfW-Chefökonom durch „inflationsdämpfende Effekte der Energiepreise“ bei 2,0 Prozent.
Die übrigen sechs befragten Volkswirte bleiben mit ihren Konjunktureinschätzungen unterhalb der Prognose der Bundesregierung, die für dieses Jahr ein Plus von 1,3 Prozent vorhersagt. Die meisten der Fachleute halten sie angesichts des anhaltenden Pessimismus im Privatsektor für etwas zu optimistisch. Die Rentendiskussionen und Querelen in der Koalition hemmen ihrer Ansicht nach die Neigung zum Konsum. Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, ist zudem der Überzeugung, „dass sich die Konsumenten noch nicht vollständig vom Inflationsschock des Jahres 2022 erholt haben“. Nach Ansicht von Andreas Bley, Chefökonom des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR), kann die Wachstumseinschätzung der Bundesregierung trotzdem erreicht werden, „wenn das Jahr gut läuft“. Voraussetzungen: Bürokratie muss abgebaut, die verstaubte öffentliche Verwaltung modernisiert und die Investitionen aus dem Sondervermögen müssen umgehend realisiert werden. Ähnlich sieht das Michael Holstein, Leiter Volkswirtschaft der DZ Bank: „Entscheidend ist, wie schnell die staatlichen Investitionen umgesetzt werden, da Verzögerungen den Aufschwung bremsen könnten. Insgesamt ist die Prognose der Bundesregierung ambitioniert, aber nicht unrealistisch.“
Wie die KfW schauen auch die Verantwortlichen der ING, die ein Wachstum von 0,9 Prozent vorhersagen, besonders erwartungsvoll auf die geplanten Ausgaben des Staates. Chefvolkswirt Carsten Brzeski spricht in diesem Zusammenhang von einer „Ketchupflasche“, die lange geschüttelt wird, bis plötzlich alles auf einmal herausschießt: „Das sollte in der zweiten Jahreshälfte passieren.“ Verzögerungen beim geplanten Fiskalimpuls könnten schwerwiegende Folgen haben, warnt KfW-Chefvolkswirt Schumacher. Es sei ein „merklich niedrigeres Wachstum“ denkbar als die von der Bundesregierung avisierten 1,3 Prozent.
Die ING rechnet mit einer Inflationsrate von 2,1 Prozent und einem Euro-Dollar-Wechselkurs von 1,20. Der BVR prognostiziert ein Wachstum des preisbereinigten Bruttoinlandsprodukts von 1,0 Prozent. Treiber seien die Anlageinvestitionen, die laut dem Verband 2026 um 3,0 Prozent steigen könnten. „Die Entwicklung des Konsums dagegen bleibt stabil und von den Exporten gehen nur moderate Wachstumsimpulse aus“, bremst Bley allzu große Optimisten. Die Preise werden nach seiner Einschätzung im neuen Jahr um 2,2 Prozent steigen, beim Wechselkurs erwartet er eine Seitwärtsbewegung im Korridor zwischen 1,15 und 1,20 US-Dollar. Seine Kollegen von der DZ Bank schätzen die Entwicklung ähnlich ein: 1,0 Prozent Wachstum durch erhöhte staatliche Nachfrage, 2,1 Prozent Inflation und ein nur leichter Anstieg des Euro-Wechselkurses gegenüber dem US-Dollar auf 1,22.
Ebenfalls 1,0 Prozent Wachstum des Bruttoinlandsprodukts erwartet Reinhold Rickes. Für den DSGV-Chefvolkswirt wäre eine verhaltene Konjunkturbelebung, die seiner Ansicht nach in der zweiten Jahreshälfte 2026 kommen könnte, „zumindest eine graduelle Besserung“. Die Geldentwertung werde „vorbehaltlich neuer unabsehbarer Schocks“ 2,0 Prozent betragen. Sollte die Trump-Administration weiter die Unabhängigkeit der Federal Reserve angreifen und ihren fiskalischen Schuldenkurs weiterfahren, könnte sich die 2025 bereits spürbare Abwertung des US-Dollar fortsetzen.
In Deutschland muss investiert werden
Etwas mehr als sein Kollege vom DSGV traut Andreas Rees der deutschen Wirtschaft zu. Der oberste Ökonom der Unicredit Bank prognostiziert beim BIP bis Jahresende ein Plus von 1,2 Prozent, eine Teuerung von 1,9 Prozent und einen Eurokurs gegenüber dem US-Dollar von 1,18. Für Schwung könnten die Ausgaben der öffentlichen Hand sowie der Wohn- und Gewerbeimmobiliensektor sorgen. Jörg Krämer von der Commerzbank sagt zwar ebenfalls ein Wirtschaftswachstum in Höhe von 1,2 Prozent vorher, versieht aber seinen Ausblick aufgrund zuletzt schwächerer Frühindikatoren „mit gewissen Abwärtsrisiken“. „Ein nachhaltiger Aufschwung ist angesichts der zahlreichen strukturellen Probleme und fehlender Reformen in der Breite nicht in Sicht“, sagt er mit Blick auf die Politik. Die Inflationsrate wird seiner Ansicht nach um das 2,0-Prozent-Ziel der Europäischen Zentralbank schwanken und der Euro-Dollar-Wechselkurs Ende des Jahres bei 1,22 liegen.
Apropos Zuverlässigkeit der Ausblicke: Wie Commerzbank-Volkswirt Krämer lassen sich die meisten Ökonomen bei ihren Prognosen ein Türchen offen. Allzu volatil seien die Rahmenbedingungen, betont etwa Carsten Brzeski. Eine Prise Vorsicht sei deswegen bei den Vorhersagen angebracht. Dirk Schumacher ergänzt, dass es schwierig sei, „die Wirkungen des historisch einmaligen Fiskalimpulses in Höhe und zeitlicher Verteilung zu quantifizieren“. Andreas Rees fügt hinzu: „Früher dominierten konjunkturelle Zyklen, heutzutage können geopolitische Veränderungen diese überlagern.“ Ein Beispiel nennt Reinhold Rickes mit Blick auf den deutschen Export, der in der Vergangenheit konjunkturelle Erholungen oft angeführt hat. Der Export habe in den vergangenen Jahren aber „erheblich gelitten“ und falle nun als Wachstumsimpuls aus. „Prognosen bergen immer eine beträchtliche Unsicherheit“, bringt es Jörg Krämer auf den Punkt. „Wegen der zahlreichen Konflikte und der erratischen Handelspolitik der US-Regierung ist diese aktuell aber noch einmal höher, als dies sonst schon der Fall ist.“
Fakt ist:
In Deutschland muss dringend investiert werden. Die Unternehmen – und der Staat – müssen Geld in die Hand nehmen, um die Zukunft zu sichern, um zu forschen und zu entwickeln, Innovationen zu kreieren, neue Märkte zu betreten und neue Zielgruppen zu gewinnen. Bankkredite spielen bei Expansionen eine große Rolle. In den letzten zwei Dekaden aber ist der Fluss frischen Kapitals aus den Geldhäusern in die Betriebe für Investitionen geringer geworden. Setzten Mittelständler Mitte der 2000er Jahre noch rund 40 Prozent ihrer Kredite für Investitionen ein, waren es 2024 nur noch 28 Prozent. Und gesteckt werden die Mittel in erster Linie in den Erhalt des Status quo. Andreas Bley: „Die meisten Mittelständler tätigen nur die wichtigsten Erhaltungsinvestitionen, geben aber kaum Geld zur Erweiterung der Produktionskapazitäten aus.“ Auch Rupert Wieninger, Abteilungsleiter Kredit-Firmenkunden bei der DZ Bank, registriert „auf niedrigem Niveau“ vornehmlich Ersatz- und Modernisierungsinvestitionen. Für KfW-Ökonom Schumacher sind die zwei wichtigsten Ursachen für die Darlehensflaute die anhaltend schlechte Konjunktur in Deutschland und die strenger gewordenen Kreditstandards der Banken, „was angesichts des Risikoumfelds verständlich ist“.
Quelle: Magazin "Creditreform"
Text: Jürgen Hoffmann
Bildnachweis: Getty Images