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Exklusivinterview: „Weinwirtschaft katert aus!“

Die Weinwirtschaft in Deutschland steckt in der Krise. Der Alkoholkonsum in der Bevölkerung geht zurück und es herrscht ein Verdrängungswettbewerb. Was ist da los? Antworten von Prof. Dr. Simone Loose, Leiterin des Instituts für Wein- und Getränkewirtschaft an der Hochschule Geisenheim.

Wieso sorgen Sie sich eigentlich so um die Weinwirtschaft?
Vor fünfzehn Jahren hatte die Branche eine sehr gute Zeit und war mit deutschem Wein gut aufgestellt. Dann kam die Finanzkrise. Die großen Betriebe haben es seitdem geschafft, sich weiter zu professionalisieren. Viele kleinere stecken in Schwierigkeiten. Die jetzige Krise hat mehrere Hintergründe. Es hat zum einen mit der Inflation zu tun, mit sinkendem Realeinkommen. Zum anderen macht der Weinwirtschaft der demografische Wandel zu schaffen. Es kommen einfach immer weniger Menschen nach, die Wein trinken. Uns brechen damit also die Verbraucher weg.

Können Sie Zahlen nennen?
Der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch von Alkohol in Deutschland ist beispielsweise zwischen 2012 und 2023 von 11,4 auf 10,2 Liter gesunken. Vor allem die jüngeren Generationen trinken heute deutlich weniger Bier und Wein. Gleichzeitig sind die Kosten im Weinbau stark gestiegen – allein seit Corona um 30 Prozent. Das hat mit dem Mindestlohn zu tun, aber auch mit höheren Energiepreisen, die sich für die Winzer vor allem in höheren Bezugspreisen für Flaschen und Kartonagen niederschlagen. Diese Kosten lassen sich nur zu einem geringen Teil weitergeben.

Wir sehen also eine Nachfrage- und eine Angebotskrise.
So ist es. Die deutschen Weingüter befinden sich seit langem im Strukturwandel, bei dem größere und professionellere Betriebe entstehen. In diesem Zuge hat die Zahl der selbst vermarktenden Weingüter, die in Deutschland für ein Viertel der Weinmenge stehen, zwischen 2016 und 2023 um etwa 1.400 Betriebe – fast 20 Prozent – abgenommen. Der Rückgang setzt sich fort, denn die Insolvenzen und Betriebsaufgaben sowie die Anpassung der Rebfläche durch die gegenwärtige wirtschaftliche Krise sind in diesen Zahlen noch nicht reflektiert. Das nimmt seit 2024/25 Fahrt auf.

Wie reagieren die Betriebe auf diese Entwicklung?
Die Branche ist sehr breit aufgestellt. Geprägt ist sie insgesamt aber immer noch eher traditionell agrarisch, bäuerlich. Seit Gründung der Bundesrepublik ging es stetig bergauf, es lief gut. Die Branche hat durchaus Krisen erlebt, aber eben auch, dass es danach weiterging. Dass es aber eines Tages zu so einem starken Einbruch kommen würde wie seit ein paar Jahren, das hat man in der Branche lange nicht gesehen oder verdrängt. Das hat auch mit den Strukturen zu tun. Das sind häufig immer noch kleine Familienbetriebe mit einer ganz eigenen Dynamik. Oft gibt es solche Betriebe in einer Gemeinde, die sich alle untereinander kennen. Da will man nicht der Erste sein, der seinen Weinberg rodet, weil es nicht mehr weitergeht. Man setzt auf Hoffnung, statt auf nüchterne Analyse. Auch deshalb zögern manche die notwendigen Schritte hinaus und geraten in Schieflage. Auch die Verbände sind eher konservativ eingestellt. Das alles ist eine Gemengelage, die den Wandel, die Veränderung nicht unbedingt fördert.

Was empfehlen Sie den Unternehmen in dieser Lage?
Viele Betriebe haben sich in den vergangenen Jahren bereits neu aufgestellt, weil sie erkannt haben, dass es anders nicht geht. Ihnen ist klar, dass sie die jüngere Generation mit neuen Konzepten gewinnen und an sich binden müssen. Viele andere haben das noch vor sich. Als erstes sollten sie einen ehrlichen Blick auf ihre Zahlen werfen, eine Bestandsanalyse durchführen. Um dann zu entscheiden: Sollte ich besser sofort aufhören, weil ich auf jeden Liter Wein, den ich produziere und verkaufe, noch Geld drauflege? Oder bin ich ein Auslaufbetrieb, der besser nicht mehr investieren, aber das bisher investierte Kapital noch nutzen sollte? Oder bin ich ein Zukunftsbetrieb, bei dem der Cashflow weiterhin stimmt, so dass ich weiterhin investieren kann? Ist Letzteres der Fall, dann muss ich Gas geben.

Wie könnte das aussehen? Kosten senken?
Das ist nicht so einfach, wie es klingt. Sie haben draußen eine Dauerkultur, die sie kontinuierlich pflegen und weiter bewirtschaften müssen. Das sind laufende Kosten, die unabhängig davon anfallen, ob man erntet oder nicht. Durch Umstellung auf Minimalschnitt und Vollernter lassen sich mittelfristig Kosten senken. Das geht aber nur für Weine in Basisqualität, vor allem sogenannte Fassweine. Zudem müssen die Betriebe auch für diesen Schritt teilweise zunächst investieren.

Was dann? Was machen erfolgreiche Betriebe anders?
Das ist durchaus komplex. Da gibt es zum Beispiel Betriebe, die eine echte Marke haben und ein unverwechselbares Profil. Das kann mit der Landschaft, mit der Tradition, mit einem neuen Herangehen oder mit dem geschaffenen Image zusammenhängen. Entscheidend ist, das alles dann auch konsequent zu kommunizieren – vor allem gegenüber den Direkt- und B2B-Kunden. Guter Wein allein ist dabei nur eines von mehreren Kriterien. Zumal es im Grunde gar keinen wirklich schlechten Wein mehr gibt. Dazu haben zum Beispiel wir in Geisenheim die Menschen in den Betrieben viel zu gut ausgebildet. Es geht um mehr als Weinberg und -keller. Dieser Zweiklang war so ungefähr zwischen den 1980er- und 2010er-Jahren der wesentliche Schlüssel. Heute sind eher diejenigen vorne dabei, die rechtzeitig zu echten Unternehmern geworden sind, sich der Komplexität stellen und ihr Geschäft ganzheitlich betrachten.

Quellen:
https://www.creditreform.de/aktuelles-wissen/pressemeldungen-fachbeitraege/news-details/show/kippt-der-weinmarkt-junge-verzichten-zu-oft
Frau Prof. Dr. Simone Loose