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20-Jahres-Hoch bei Insolvenzen: Europas Krise verfestigt sich weiter

Die Wirtschaft in Europa befindet sich in der Krise – nicht nur konjunkturell, sondern strukturell: Einer aktuellen Analyse der Creditreform Wirtschaftsforschung zufolge verzeichnete Westeuropa 2025 die höchste Zahl an Unternehmensinsolvenzen seit mehr als 20 Jahren.

Deutschland ist nicht allein mit seinen wirtschaftlichen Problemen. 2025 gerieten in Europa so viele Unternehmen ins Straucheln wie lange nicht mehr: Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in Westeuropa stieg im Jahr 2025 auf ein 20-Jahres-Hoch. Mit insgesamt 197.610 Insolvenzen lagen die Fallzahlen laut einer aktuellen Analyse der Creditreform Wirtschaftsforschung vergangenes Jahr um 4,8 Prozent über dem Niveau des Vorjahres. Zugleich handelt es sich um den vierten Anstieg in Folge. Das Niveau ist inzwischen höher als nach der Finanzkrise 2008/2009. Allenfalls die Dynamik hat sich abgeschwächt: 2024 lag der Zuwachs noch bei nahezu zwölf Prozent, 2023 sogar bei gut 20 Prozent. Die Lage verschlechtert sich offenbar nicht mehr sprunghaft, aber sie verfestigt sich auf einem dauerhaft hohen Krisenniveau.

Am stärksten fiel der Zuwachs in der Schweiz aus – plus 35,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Es folgen Griechenland, Finnland und Deutschland. Immerhin sechs Länder verzeichneten hingegen einen Rückgang der Insolvenzzahlen, insbesondere die Niederlande, Irland und Norwegen.

Zudem fällt auf, dass die Fallzahlen in vielen Ländern inzwischen über dem Vor-Corona-Niveau liegen – darunter in Großbritannien, Frankreich, Spanien und Deutschland. Auch in den Benelux-Staaten sowie in Skandinavien überschreiten die Unternehmensinsolvenzen inzwischen dieses Niveau.

Dominiert wird das Insolvenzgeschehen von Frankreich. Auf die Grande Nation entfallen gut ein Drittel aller Unternehmensinsolvenzen. Der Anteil Deutschlands erhöhte sich von 11,7 auf 12,1 Prozent. Großbritannien liegt bei 12,7 Prozent.

Dienstleistungen haben größten Anteil am Insolvenzgeschehen

Wirft man einen Blick auf die einzelnen Wirtschaftsbereiche, so verzeichnete vor allem das Verarbeitende Gewerbe erneut steigende Insolvenzzahlen – sie nahmen um 3,6 Prozent zu. Bei den Dienstleistern war ein Anstieg um 8,7 Prozent zu verzeichnen, im Handel einschließlich Gastgewerbe erhöhten sich die Fallzahlen um drei Prozent. Hier schlägt sich die gesunkene Verbraucherstimmung infolge der schwachen Konjunktur und anhaltender Preissteigerungen nieder. Im Baugewerbe blieben die Fallzahlen quasi unverändert, nachdem sie im Vorjahr allerdings um über 15 Prozent gestiegen waren. Hier hat inzwischen offenbar eine Konsolidierung eingesetzt.

Den größten Anteil am Insolvenzgeschehen hat erneut der Dienstleistungssektor. Inzwischen entfallen mehr als 43 Prozent aller Unternehmensinsolvenzen in Westeuropa auf dieses Gewerbe. Der Handel steht für 29,4 Prozent der Insolvenzen, das Baugewerbe für 18,7 Prozent und das Verarbeitende Gewerbe für 8,8 Prozent.

Wirtschaftliche Spaltung in Europa nimmt zu

Ein zweiter zentraler Befund der Untersuchung der Creditreform Wirtschaftsforschung ist die zunehmende wirtschaftliche Spaltung Europas. Europa driftet auseinander – und das gleich mehrfach. Zum einen leiden insbesondere große Industrieländer wie Deutschland, Frankreich und Italien unter einer anhaltenden Konjunkturschwäche. Hier liegt das Wirtschaftswachstum derzeit unter dem europäischen Durchschnitt. Die Krise in diesen „Ankerländern“ treibt jedoch die Insolvenzzahlen in ganz Westeuropa.

Zum anderen verläuft eine Trennlinie zwischen Westeuropa und anderen Staaten. In den osteuropäischen Ländern war der Analyse zufolge nämlich ein Rückgang der Unternehmensinsolvenzen zu verzeichnen. Die Gesamtzahl verringerte sich dort deutlich um 7,1 Prozent. Damit liegen die Zahlen etwa auf dem Niveau von 2020.

Trotz Rückgängen in vielen osteuropäischen Ländern bleiben jedoch die Fallzahlen hoch – bedingt durch Nachholeffekte nach Corona, hohen Zinsen und gestiegenen Kosten. Der prozentuale Rückgang ist also noch keine Entwarnung.

Zudem zeigt die Analyse von Creditreform: Die Krise beschränkt sich längst nicht mehr auf klassische Industrieprobleme, sondern hat die breite Binnenwirtschaft erreicht. Eine schwache Konsumneigung und anhaltender Preisdruck treffen insbesondere konsumnahe Branchen und verschärfen dort die wirtschaftliche Lage.

Zudem wird Europa von einem neuen, energiebedingten Versorgungsschock im Zusammenhang mit dem Krieg im Nahen Osten getroffen. So steht es im „Regionalen Wirtschaftsausblick Europa“ des Internationalen Währungsfonds (IWF) vom April 2026. Dies dämpft laut IWF das Wachstum, treibt die Inflation an und verschärft die Unsicherheit in der gesamten Region. Erste Anzeichen deuten laut dem Bericht auf schwächere Investitionen und einen rückläufigen Konsum hin.

Die Unsicherheit bleibt also hoch. Es ist leider wahrscheinlich, dass die Zahl der Unternehmensinsolvenzen weiter steigen wird.

Quellen:
www.creditreform.de
www.imf.org