Pressemeldungen, Fachbeiträge & Neuigkeiten

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Creditreform Magazin

Ums Ankommen kümmern

Ausländische Fachkräfte suchen und einstellen, das ist nur der erste Schritt. Wer die Mitarbeiter halten will, muss sich weiter ins Zeug legen.

Elektriker, Versorgungstechniker, Stahlbauer, Gebäudemanager: Die Gebrüder Peters Gebäudetechnik in Ingolstadt braucht Facharbeiter und findet sie immer häufiger im Ausland. Aus Bosnien und Rumänien, aus Griechenland, vereinzelt aus Vietnam kommen die Mitarbeiter, vor allem aber aus Polen, weil die Heimfahrt zur Familie in sechs bis sieben Stunden machbar ist. „Wir stellen die Mitarbeiter ein und schauen, wo wir nachschulen müssen“, erklärt Veronika Peters. „Jeder hat andere Lücken und das Berufsanerkennungsverfahren ist kompliziert.“ Für den Deutschunterricht nach der Arbeit hat das Familienunternehmen einen Lehrer eingestellt und das Fachvokabular der einzelnen Gewerke in einem Buch zusammengefasst. Seit 2017 wurden rund zehn Leute anerkannt. Komfortabel möblierte Firmenwohnungen haben einen Garten, in dem sich die Arbeiter treffen. Ein Neubau mit zehn Wohnungen steht gleich neben dem Haus der Firmeninhaber. „Man winkt sich zu“, sagt die Mitinhaberin und Prokuristin, die resolut auf die Probezeit setzt: „Da zeigt sich, wer vorwärtskommen will.“ Veronika Peters gibt nicht den Gutmenschen, sie hat die Gefahren auf der Baustelle und auch das Firmenwohl im Blick: „Wer nur schnell Geld verdienen und nicht lernen will, ist bei uns falsch.“

Nicht ohne Qualifikation

Ausländische Fachkräfte zu rekrutieren, birgt einige Haken. Nur für EU-Bürger gilt die Niederlassungsfreiheit. Mit dem Fachkräfte-Einwanderungsgesetz dürfen ab März 2020 auch qualifizierte Arbeitnehmer aus Ländern außerhalb der EU einreisen, wenn sie eine Stelle in Aussicht haben – aber auch für sechs Monate zur Arbeitssuche in eigener Initiative. Freie Stellen können kostenlos bei der ZAV gemeldet werden, der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung der Bundesagentur für Arbeit, oder kostenpflichtig bei internationalen Jobportalen wie Stepstone. Agenturen wie POD in Würzburg vermitteln Mitarbeiter zur Festanstellung in kleine und mittlere Unternehmen. Und Zeitarbeitsunternehmen wie Piening in Bielefeld beschäftigen Mitarbeiter aus dem Ausland und bilden sie nach den deutschen Normen aus. Nicht zu vernachlässigen ist die Pflege der eigenen Homepage. Doch das alles sind nur erste Schritte. Denn egal ob sich Menschen aus ihrem Heimatland bewerben oder bereits nach Deutschland eingewandert sind: Die Qualifikation muss geprüft werden.

Für Berufsanerkennungsverfahren und Anpassungsqualifizierung in Handwerk und Industrie existieren Regeln. Was und in welchen überbetrieblichen Ausbildungsstätten geschult wird, wie lange es dauert und was die Qualifizierung kostet – das wissen Bildungsberater in den Handwerkskammern und der IHK. Rieke Albrecht, Projektleiterin Unternehmen Berufsanerkennung in der DIHK Service GmbH, will Unternehmern den behördlichen Schrecken nehmen: „Wichtig sind verständliche Informationen auf Plattformen und die Anerkennungsberater vor Ort“, sagt sie. Ute Biallas etwa unterstützt Firmen als Betriebslotsin der Handwerkskammer Südwestfalen in Arnsberg. Sie arbeitet in Netzwerken und präsentiert vor allem Positivbeispiele, wie auf dem Unternehmertreffen „Fachkräfte von morgen“, wo Firmen und ihre ausländischen Auszubildenden gemeinsam berichten.


Wichtige Webadressen

Anerkennung ausländischer Berufsqualifikationen:
anerkennung-in-deutschland.de

Ausländische Berufsqualifikationen und Berufsbildungssysteme:
bq-portal.de

EU-Portal, auf dem Arbeitgeber Stellenanzeigen veröffentlichen können:
ec.europa.eu/eures/public/de/employers-dashboard

Infos zu Fachkräftesicherung und Personalarbeit:
kofa.de


Pragmatisch europäisch denken

Das Prognos Institut schätzt, dass bis zum Jahr 2025 rund 2,9 Millionen Fachkräfte fehlen. Doch der bedrohlichen Aussicht hält Philipp Erik Breitenfeld, geschäftsführender Gesellschafter der Humanus Personalservice Group, pragmatisch entgegen: „Es gibt keinen Fachkräftemangel, wenn man europäisch denkt.“ Sein Zeitarbeitsunternehmen beschäftigt rund 2.400 Fachkräfte, vorwiegend aus Osteuropa. Nach einem Jahr wechseln etwa 30 Prozent in Kundenunternehmen, die anderen bleiben bei Humanus. Das mag daran liegen, dass mehr gezahlt wird, als der Tarifvertrag der Zeitarbeitnehmer mindestens festlegt. Aber auch die Betreuung spielt eine Rolle. Jeder ausländische Arbeiter trifft auf einen Disponenten, der seine Heimatsprache spricht und hilft: bei Behördengängen, Unterkunftssuche, Sprachkursen, Schweißprüfungen oder Schulungen. Das Spektrum reicht von Organisation über Fachliches bis hin zu Gesprächen über Heimweh. „Wir wünschen uns in den Firmen mehr Sensibilität“, sagt Breitenfeld, dessen Rekrutierer in Litauen und Bulgarien, in der Slowakei und Tschechien auf gute Facharbeiter treffen, „für die das unfreundliche Deutschland verbrannt ist“. Schlechte Erlebnisse machen in Online-Foren die Runde. „Wir dürfen nicht vergessen, dass wir mit Skandinavien, der Schweiz und den Niederlanden konkurrieren.“  

Das trifft alle Berufe vom Maler über den Tischler bis zum Schleifer. Elektroberufe sind sogar noch gefragter als IT-Spezialisten. Aber auch Lager- und Transportarbeiter gehören, so der DEKRA Arbeitsmarkt-Report 2019, inzwischen zur seltenen Spezies auf dem Arbeitsmarkt. „Neben der Qualifikation muss auch die Chemie stimmen“, sagt Oliver Kreh, der für die IHK Region Stuttgart Ende Oktober die siebte Jobmesse für ausländische Fachkräfte und Auszubildende organisiert hat. Es kamen 420 Bewerber und 32 Unternehmen ins IHK-Haus. Unter den Firmen nahmen etliche zum wiederholten Mal teil: der Gartenbaubetrieb, der erneut Landschaftsgärtner sucht, genauso wie der IT-Spezialist mit Dauerinteresse an Programmierern. Und Kreh plant schon die nächste Messe, denn „auch wenn die Konjunktur schwächelt, wird sich der Fachkräftemangel nicht erledigen“. 

Toleranz öffnet Türen

Deshalb müssen sich auch kleine Firmen auf die Suche­ machen. Volker Wenzel, Geschäftsführer von Wenzel Marine in Stuhr-Brinkum bei Bremen, ist sein internationales Team eine Herzensangelegenheit. 14 Jahre hat der Seemann selbst im Ausland gelebt, seine Firma auf Zypern gegründet. Heute zählt das Unternehmen 60 Mitarbeiter aus 14 Nationen, die Schiffsersatzteile auf dem Markt suchen und reparieren. Aus Spanien blieben ein Programmierer und ein Kaufmann nach dem Studentenaustausch bei Wenzel, eine syrische Praktikantin macht jetzt die Ausbildung zur Systemadministratorin, die koreanische Vertriebsfachfrau kam mit einem Kunden. „Man muss beim Einstellen das Konfliktpotenzial erforschen und Toleranz gegenüber religiösen Riten und andersfarbiger Haut strikt einfordern“, erklärt Wenzel. „Dann laufen einem die guten Fachleute zu.“ Das gelingt auch beim Gebäudetechnik-Spezialisten Gebrüder Peters, nämlich über die eigenen Mitarbeiter, die von den fairen Arbeitsbe­dingungen erzählen und für ihren Betrieb werben. „Wisst ihr jemanden, der etwas kann?“, lautet die einfache Frage, die Erfolg verspricht. Und wenn das Heimweh doch einmal zu groß wird, weiß Veronika Peters zumindest für polnische Angestellte eine Lösung: „Wir bieten ihnen eine Stelle in Legnica an, unserem Standort zwischen Görlitz und Breslau.“ 


Profitipps

„Ausländische Mitarbeiter sind Botschafter“

Der Kölner Berater Lars Holldorf coacht und begleitet Unternehmer, die im Ausland Fachkräfte rekrutieren wollen.

Warum sollten auch mittelständische Firmen im Ausland Mitarbeiter suchen?

Die Schmerzkosten sind zu hoch, wenn man Aufträge ablehnen muss oder verliert, weil das Personal fehlt.

Was sind die typischen Fehler bei der Rekrutierung?

Die liegen weniger in der Suche als in der Eingewöhnungsphase und Bindung. Ausländer, die neu nach Deutschland kommen, brauchen einen Kümmerer – fürs Fachliche, aber auch für die Gepflogenheiten in der Firma, bei den Behörden und im Alltag. Wer keine Extrameile gehen will, verbrennt nur Geld.

Und wie klappt es?

Die ausländischen Mitarbeiter und das heimische Team müssen gut vorbereitet werden. E-Learning vereinfacht und fördert die sprachliche Verständigung. In den nächsten Jahren werden der Mitarbeitermangel größer und die Auslandsrekrutierung automatisch wichtiger. Die Unternehmer sollten also daran denken, dass ausländische Mitarbeiter auch Botschafter sind.


Quelle: Magazin „Creditreform"

Text: Ruth Lemmer