Die meisten Betriebe sterben leise
Vergangenes Jahr haben so viele Unternehmen ihre Geschäftstätigkeit eingestellt wie seit fast 20 Jahren nicht mehr. Das zeigt eine gemeinsame Untersuchung, die Creditreform und das Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) Mitte August vorlegten. Auch gesunde Betriebe müssen häufiger schließen als früher.
Die Veröffentlichung von Creditreform und ZEW zog ein besonders breites Medienecho nach sich. Zeitungen, TV-Sender und Online-Informationsdienste titelten etwa „Deutschlands stilles Firmensterben“, „Pleitewelle hält bis mindestens 2027 an“, „Wenn der Nachfolger fehlt“ oder „Wenn Deutschland seine Unternehmen einfach verschwinden lässt“.
Die gemeinsame Untersuchung von Creditreform und ZEW lässt keinen Zweifel aufkommen: Bundesweit wurden im Jahr 2025 rund 188.000 Unternehmen geschlossen. Das waren zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Und: Es ist der höchste Wert seit 2007.
Damit ist klar: Die Krisendynamik frisst sich mittlerweile durch die gesamte Breite der Wirtschaft. Die Zahl der Marktaustritte steigt deutlich an. Auch wenn große Unternehmen und Konzerne immer wieder die Nachrichten beherrschen: Die Zahl an kleinen und mittleren Unternehmen, die leise verschwinden, ist um ein Vielfaches größer. Und nicht nur das: Mittlerweile müssen auch Unternehmen mit guter oder zumindest mittlerer Bonität schließen.
Dazu muss man wissen: Die Untersuchung berücksichtigt natürlich auch Insolvenzen, allerdings machen diese nur etwa 13 Prozent aller Schließungen aus. Das heißt umgekehrt: Die allermeisten Schließungen – 87 Prozent – erfolgen „freiwillig“ und meist geräuschlos. Wobei „freiwillig“ es nicht ganz trifft. Gemeint ist: Während Insolvenzanmeldungen aufgrund des Verschuldungsgrades eines Unternehmens vom Gesetzgeber erzwungen werden, entscheiden in allen anderen Fällen die Unternehmer selbst, ob sie schließen.
Und diese Entscheidung fällt inzwischen immer häufiger. Es scheiden vermehrt Unternehmen aus, die noch nicht in unmittelbaren Zahlungsschwierigkeiten steckten, also in finanzieller Hinsicht durchaus hätten fortgeführt werden können.
Dieser Trend lässt sich nicht allein mit Finanzierungsschwierigkeiten erklären. Vielmehr ist es ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren – vom technologischen Wandel über steigenden Wettbewerbsdruck bis hin zum Arbeitskräftemangel. Gestiegene Energie- und Personalkosten sowie zunehmende Bürokratie sind ebenfalls wesentliche Hemmnisse.
Als weiteren Grund für die steigende Zahl der Firmenschließungen nennt die Untersuchung von Creditreform und ZEW die demografische Entwicklung. „Immer mehr Betriebe schließen, weil Firmeninhaber in den Ruhestand gehen und keinen Nachfolger finden. Fast ein Drittel aller freiwilligen Schließungen erfolgt mittlerweile aus Altersgründen – deutlich mehr als noch vor 10 oder 15 Jahren“, sagt Frau Dr. Sandra Gottschalk, Senior Researcher beim ZEW in Mannheim.
Viele Schließungen im Gastgewerbe und Gesundheitswesen
Das Schließungsproblem zieht sich durch zahlreiche Branchen. Gut 11.000 Industrieunternehmen haben beispielsweise 2025 ihren Betrieb eingestellt, was einem Plus von zehn Prozent entspricht. Auch das Baugewerbe verzeichnete erneut eine hohe Zahl an Firmenschließungen: Rund 24.000 Bauunternehmen wurden geschlossen – zwölf Prozent mehr als im Vorjahr.
Den höchsten Anstieg bei den Schließungszahlen verzeichnet das Gastgewerbe. 2025 wurden laut Creditreform und ZEW rund 15.000 Gaststätten und Beherbergungsunternehmen geschlossen. Das sind 15 Prozent mehr als im Jahr davor. Der im Vergleich zu anderen Branchen niedrigere Mehrwertsteuersatz, den die Bundesregierung zur Unterstützung des Gastgewerbes eingeführt hat, konnte demnach die prekäre Situation in dieser Branche nicht abmildern. Im Handel nahm die Zahl der Marktaustritte ebenfalls zu – sie stieg um acht Prozent auf 37.000 geschlossene Unternehmen. Immerhin sank hier das Niveau der Schließungen. Zwischen 2003 und 2011 wurden im Handel noch durchschnittlich rund 55.000 Schließungen pro Jahr verzeichnet.
Einen erneut starken Anstieg der Schließungen gab es auch im Gesundheitswesen. Die seit etwa zehn Jahren anhaltende Negativentwicklung setzte sich fort. Die Zahl der Schließungen in diesem Bereich ist mittlerweile etwa doppelt so hoch wie 2008. Mit insgesamt rund 11.000 Marktaustritten im Jahr 2025 wurde der Vorjahreswert laut dem Schließungsreport um zwölf Prozent überboten. Besonders betroffen waren hierbei Arztpraxen: Bundesweit wurden knapp 5.500 Praxen geschlossen – ein Plus von 23 Prozent gegenüber 2024. Überdurchschnittlich hoch war die Schließungsrate auch bei Gesundheitsdiensten in ländlichen Regionen.
Wie die aktuelle Untersuchung weiter zeigt, weist das Land Bremen regional die höchste Schließungsrate auf. Dort sind 7,8 Prozent aller Unternehmen, die 2024 noch bestanden, inzwischen vom Markt verschwunden. Hohe Schließungsraten finden sich auch in Sachsen-Anhalt, Sachsen, Schleswig-Holstein und Thüringen. Vergleichsweise gering fielen die Schließungsraten mit jeweils 5,3 Prozent in Baden-Württemberg und Hamburg aus.
Aktueller Lichtblick: Institute erhöhen Konjunkturprognose
Eine positive Nachricht kam Anfang September vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin. Demnach zeigte sich die deutsche Wirtschaft im laufenden Jahr widerstandsfähiger und entwickelte sich besser als noch im Frühsommer erwartet. „Nach einer starken ersten Jahreshälfte dürfte die deutsche Wirtschaft 2026 um 1,2 Prozent wachsen“, teilte das DIW am 2. September mit. Ausschlaggebend seien vor allem der im Frühsommer unerwartet kräftige Außenhandel gewesen und dass der Energiepreisschock infolge des Iran-Krieges geringer ausgefallen sei. Auch andere Institute passten ihre Prognosen an – das ifo Institut in München und das IWH aus Halle sogar auf 1,4 Prozent.
Dennoch bleiben die Aussichten laut DIW gedämpft. Hohe Gaspreise, strukturelle Probleme der Industrie und die schwache private Binnennachfrage würden die Konjunktur bremsen. Vorläufiges Fazit des Instituts: „Die deutsche Wirtschaft erholt sich in diesem Jahr etwas besser als gedacht, steht aber noch immer auf etwas wackligen Beinen.“
Quellen:
www.creditreform.de
https://www.diw.de/de/diw_01.c.1018329.de/exportueberraschung_hebt_wachstumsaussichten_erholung_der_deutschen_wirtschaft_bleibt_aber_fragil.html
www.tagesschau.de