Wachsen gegen den Trend

Geopolitische Unsicherheiten, globale Handelskonflikte und eine schwächelnde Konjunktur machen dem deutschen Mittelstand schwer zu schaffen. Wie sich mit Innovationsfreude und einer klaren Strategie der Krise trotzen lässt, zeigen beispielhaft vier erfolgreiche KMU.

 

Ob World Beer Cup, European Beer Star oder International Craft Beer Award: Die kleine Brauerei Kundmüller aus Weiher in Oberfranken hat mit ihren Brauerzeugnissen bereits mehrfach die wichtigsten Bierwett­bewerbe der Welt gewonnen. „Wir sehen uns als Botschafter für Bier aus Bayern“, sagt Geschäftsführer Oswald Kundmüller. Der Kaufmann und Biersommelier lenkt den Familienbetrieb zusammen mit seinem Bruder Roland, seines Zeichens Bierbrauer, bereits in siebter Generation.

In Weiher wird Tradition aber nicht nur bewahrt, sondern weiterentwickelt. Mal wird ein neuer Hopfen getestet, mal ein neues Brauverfahren. Neben dem Traditionssortiment entstehen in Zusammenarbeit mit Brauhäusern aus den Niederlanden, Brasilien oder den USA regelmäßig neue Sorten, darunter das Fat Head’s Imperial Ipa mit Karamell-Malzen. Die Liebe zum Produkt befeuert die Innovationsfreude der Kundmüllers immer wieder aufs Neue: So haben die Brüder durch Tüftelei etwa festgestellt, dass sich die Holzfässer, die sie von Weinbauern der Region übernehmen, besonders gut für die Reife des Weizenbocks eignen. Acht Monate lagert der Sondersud in Eichenfässern, die zuvor drei Jahre lang mit Dornfelder aus den Südhängen von Weiher befüllt waren, und geben dem Bier einen leicht süßlichen Geschmack.
 

Effizienz als wichtiger Hebel  

Frische Ideen sind gefragt, denn der Bierdurst der Deutschen lässt stark nach. Laut Statistischem Bundesamt ist der Absatz im ersten Halbjahr 2025 um 6,3 Prozent eingebrochen. Viele Brauereien geraten in Existenznot, weil der rückläufige Absatz auf steigende Energie- und Personalkosten trifft. Bei Kundmüller läuft es deutlich besser: 25.000 Hektoliter Bier produzierte die Brauerei 2025, damit liegt ihr Ausstoß weiterhin auf stabilem Niveau. Der Betrieb, zu dem auch ein Gasthof und eine Pension gehören, erwirtschaftet mit 75 Mitarbeitern rund vier Millionen Euro Umsatz. In Weiher blickt man auch in sehr schwierigen Zeiten für die Branche mit Zuversicht in die Zukunft. Was können andere KMU von diesem Beispiel lernen?

„Unternehmen, die innovativ, anpassungsfähig und resilient sind, haben deutlich bessere Chancen, durch die aktuelle Krise zu kommen“, sagt Gérard Richter, Leiter des Life-Sciences-Sektors bei der Strategieberatung McKinsey Deutschland. Für den Tech-Experten ist Effizienz einer der wichtigsten Hebel, um „besser, schneller und qualitativ hochwertiger zu produzieren“. Dabei können insbesondere Betriebe punkten, die frühzeitig in ihre Digitalisierung oder Automatisierung investieren, um den Personaleinsatz zu optimieren und Energiekosten zu sparen. So hat die Brauerei Kundmüller bereits vor rund fünf Jahren ein neues Sudhaus gebaut. Ein finanzieller Kraftakt, der sich nun auszahlt: Durch den Einsatz moderner Technik konnte der Energieverbrauch im Brauprozess um mehr als 40 Prozent gesenkt werden. „Die gesamte Produktion läuft heute mit 100 Prozent erneuerbaren Energien“, berichtet Oswald Kundmüller. Die nachhaltige Strategie zahlt auch auf das Image des regional verwurzelten Familienbetriebs ein und ist ein Trumpf im Marketing. Ebenso wie etwa die Goldmedaille beim World Beer Cup in den USA oder die Auszeichnung mit dem Bayerischen Exportpreis 2025. Die Ehrungen sorgen für mehr Sichtbarkeit, auch über die Grenzen Deutschlands hinaus: Der Export macht mittlerweile 13 Prozent des Gesamtumsatzes aus. „Die wachsende Nachfrage aus dem Ausland kommt uns in diesen schwierigen Zeiten sehr entgegen“, betont Oswald Kundmüller. Gemeinsam mit seinem Bruder denkt der Biersommelier schon über die nächste neue Bierspezialität aus bayerischen Landen nach. 

Wachstum gegen den Trend, das gelingt auch der Thieme Gruppe aus Stuttgart. Das Unternehmen besteht in fünfter Generation und hat sich als traditioneller Verlag im Bereich Fachbücher und -zeitschriften für Medizin und Gesundheit einen Namen gemacht. Doch Holzmedien sind längst auf dem absteigenden Ast, darum baut Thieme konsequent sein Digitalgeschäft aus: Dessen Anteil am Gesamtumsatz beträgt bereits 50 Prozent und soll in den kommenden Jahren weiter steigen. Für Unternehmensberater Richter ist das die richtige Strategie: „Der Einsatz neuer Technologien trägt wesentlich dazu bei, den Herausforderungen des Marktes zu begegnen und die Zukunftssicherheit zu stärken.“ Viele KMU würden sich damit aber noch schwertun, so der Experte. Laut einer Erhebung des Instituts der deutschen Wirtschaft setzt nur ein Drittel der befragten KMU KI-Technologien strategisch ein, bei den Großunternehmen sind es hingegen doppelt so viele. „Nur wenige KMU sind bisher in der Lage, Mehrwert aus KI zu generieren. Viele leben noch in der technologischen Steinzeit. Dabei ist erwiesen, dass der Einsatz von KI wesentlich dazu beiträgt, die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen zu erhalten“, sagt Richter. 
 

Starke Partner für neue Technologien  

Um den Digitalisierungsrückstand aufzuholen, fehlen Mittelständlern jedoch häufig die notwendigen Ressourcen. Richters Empfehlung lautet daher, sich Technologiepartner zu suchen – die Thieme Group gibt dafür ein gutes Beispiel. Um nicht ChatGPT als Behandlungsratgeber an den Patientenbetten das Feld zu überlassen, hat sich das Stuttgarter Unternehmen mit dem Wiener Healthtech Scale-up Xund zusammengetan und eine eigene generative KI entwickelt. „Wir bieten seit einem Jahr unseren AI Assistant in der Wissensdatenbank eRef an, eine KI made in Germany und Austria“, erklärt Chief Transformation Officer Joana Hauff. Sie ist Teil der fünften Generation des Familienunternehmens. ERef liefert zuverlässige Antworten auf medizinische Fragen und kann direkt im Krankenhaus, in der Arztpraxis sowie in der Fort- und Weiterbildung genutzt werden. „Der AI Assistant generiert die Antworten aus unseren zugrundeliegenden Inhalten und liefert auch die Quellenangabe, was in der Medizin sehr wichtig ist. Außerdem halluziniert unsere KI nicht“, sagt Hauff – das heißt, diese KI liefert keine blindlings zusammengereimten Informationen. Das Familienunternehmen setzt KI zudem im Bereich Augmented Reality ein. „Diese Technologie ermöglicht es, angehende Ärzte oder Pflegekräfte virtuell in eine konkrete Behandlungssituation zu versetzen, um ganz praxisnah zu lernen.“

Der Thieme Gruppe ist es gelungen, ihr Verlagsgeschäft fit fürs digitale Zeitalter zu machen. Sie konnte ihren Umsatz im Jahr 2024 um 2,3 Prozent steigern – und liegt damit knapp 3 Prozent über dem Durchschnittswert der darbenden deutschen Fachmedienbranche. Wachstum gegen den Trend. Kein Hexenwerk für McKinsey-Berater Richter: „KI ist einer der wichtigen Treiber unserer Wirtschaft. Man sollte sie als große Chance sehen, um Produktivität zu erhöhen, aber auch, um das Geschäftsmodell weiterzuentwickeln. Wer sich da gut aufstellt, hat bessere Chancen.“
 

Führung wie bei Amazon  

Ihre Chance gesehen und genutzt hat die Herweck AG mit Sitz im Saarland. Wer heute in einem Telekommunikationsladen ein Handy bestellt, bekommt es mit einiger Wahrscheinlichkeit aus St. Ingbert geliefert. Aus seinem Logistiklager verschickt der Hidden Champion im Segment der IT- und Kommunikationstechnik jährlich rund 500.000 Pakete. Entgegen dem Markttrend konnte das 1985 gegründete Unternehmen zuletzt vor allem durch den Ausbau des Dienstleistungsgeschäfts wachsen. Es erzielte im vergangenen Jahr 500 Millionen Euro Umsatz. Den Grund für seinen Erfolg sieht CEO Jörg Herweck in der Fähigkeit, die Umbrüche der Zeit offen anzunehmen und für sich zu nutzen: „Der Plan ist, dass es keinen Plan gibt. Das ist Teil unserer Unternehmens-DNA.“ Der Unternehmer führt sein Business nach Vorbild der Amazon-Strategie „Day One“ (das Unternehmen führen, als sei es frisch am Markt) und setzt auf konsequente Kundenorientierung.

Von Amazon war allerdings noch keine Rede, als Herweck seinen Karriereweg mit dem Import von Design-Telefonen aus Hongkong begann. Sie hatten in den 1980er-Jahren Kultstatus: In der Fernseh­serie „Denver Clan“ spann Joan Collins über Apparate in Form einer Micky Maus oder Ananas Intrigen. „Alle wollten sie haben, doch keiner bot sie an“, erinnert sich Herweck. So setzte sich der damalige Student in den Flieger nach Fernost und organisierte von dort aus die erste Lieferung. Das Geschäft mit den Schnurlostelefonen nahm schließlich Fahrt auf und erfuhr mit der massenhaften Verbreitung von Mobiltelefonen ab Mitte der 1990er-Jahre einen weiteren Wachstumsschub. 

Doch Herweck hat sich nicht an seine Erfolgsformel geklammert. Vor etwa zwei Jahren erkannte der Unternehmer, dass die Zukunft des Geschäfts im Bereich Dienstleistung liegt: Device as a Service, Supplier as a Service. Die IT-Abteilungen vieler Betriebe verfügen nicht mehr über die nötigen Ressourcen, um die Hardware zu verwalten. „Geräte besorgen, registrieren, versichern, bei Schaden ersetzen – das alles übernehmen jetzt wir.“ In einer Art Leasingmodell stellt Herweck die gesamte Kommunikationsinfrastruktur zur Verfügung, darunter Mobiltelefone und Telefonanlagen. „Das ist für Unternehmen weniger investitionsintensiv und gleichzeitig leichter zu verbuchen.“ 

Unternehmensberater Gérard Richter fasst die veränderte Erfolgsformel der Herweck AG in einem Wort zusammen: Mehrwertdienstleistung. „Sie gehen über die Kernfunktion eines Produktes hinaus und bieten den Kunden einen besonderen Nutzen.“ Für ihn ist die Strategie der Saarländer ein klassisches Beispiel dafür, wie man sich durch Mehrwert abhebt. So konnte die Herweck AG in diesem Jahr mit den rund 320 Mitarbeitern ihr 40-jähriges Bestehen feiern, während ein langjähriger Konkurrent in diesem Frühjahr Insolvenz anmelden musste. „Wir sind ein Business-Chamäleon, das ist unsere Stärke“, sagt Jörg Herweck. „Und sollten morgen wieder Micky-Maus-Telefone gefragt sein, werden wir sie übermorgen auf Lager haben.“
 

Erfolgsfaktor Agilität 

Schnelle Lösungen hat die Baubranche für ihre aktuelle Entwicklung indes nicht auf Lager. Trotzdem gibt es auch in diesem Markt Player, die sich nicht nur gegen die Krise behaupten, sondern sogar auf Wachstumskurs sind. Zu ihnen zählt das Unternehmen Spiegltec, das als Generalplaner für Kunden in den Bereichen Pharma und Chemie tätig ist. Es plant und betreut den Bau komplexer technischer Anlagen und Gebäude. Dabei deckt die eigentümergeführte Firma mit Hauptsitz in Österreich sämtliche Disziplinen ab – vom Engineering über das Procurement und Construction Management bis hin zur Validation.

Einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren für Spiegltec ist Agilität. Sie betrifft nicht nur die Arbeitsweise, die im Unternehmen praktiziert wird, sondern auch das Arbeiten mit den Kunden. Spiegltec etabliert beispielsweise dort Präsenzen, wo große Kunden sitzen. Diese räumliche Nähe ermöglicht es, Projekte kundenorientierter zu realisieren. Zuletzt wurden neue Standorte in Basel, Bonn und im Rhein-Neckar-Raum eröffnet. „Wir verfolgen das Ziel, näher an den Kunden zu sein, um Projekte effizienter und präziser umzusetzen“, sagt der Geschäftsführer von Spiegltec, Christian Peintner. Den Standort Bonn beispielsweise wählte die Firma, um Kunden vor Ort in den Chemparks besser bedienen zu können. Zudem sitzen viele weitere potenzielle Kunden im Rheinland und im nahen Ruhrgebiet.

Ein weiteres zentrales Unternehmensziel ist der Ausbau des Projektgeschäfts, sowohl mit bestehenden als auch mit neuen Partnern. Dabei setzt das Unternehmen auf organisches Wachstum, dem eine klare strukturelle Ausrichtung zugrunde liegt. „So sind wir beispielsweise eine Beteiligung mit einem bayerischen Ingenieurbüro eingegangen oder haben ein Berliner Büro für Anlagenplanung und einen thüringischen Anlagenbauer übernommen“, erklärt Peintner. Mittlerweile umfasst das Team von Spiegltec mehr als 350 Mitarbeiter an 16 Standorten im deutschsprachigen Raum. Doch das ist nur ein Zwischenstand: Das 1998 gegründete Unternehmen wolle seinen Expansionskurs „mit Augenmaß“ fortsetzen, sagt Peintner. 35 neue Stellen sind derzeit ausgeschrieben. Das ist ein Signal und ein Grund für Optimismus in schwierigen Zeiten: Der Mittelstand hat die Kraft, sich auch in der Krise neue Wachstumsfelder zu erschließen. 

Drei Hebel für mehr Wachstum im Mittelstand

von Gérard Richter, McKinsey Deutschland 

Innovationskooperationen:
Um mit dem hohen Tempo des Innovationszyklus mithalten zu können, neue Fähigkeiten oder Technologien ins Unternehmen zu bringen.  

Differenzierung:
Bei bestehenden Produkten eine Mehrwertdienstleistung anbieten, wie Wartungsmanagement oder Ausfallversicherung. Das treibt die Margen, denn diese Dienstleistungen lassen sich zusätzlich abrechnen.

Effizienz:
Um besser, schneller, qualitativ hochwertiger zu werden, sollten KMU stärker auf KI und Automatisierung setzen. Damit lässt sich Mehrwert generieren.

 


Quelle: Magazin "Creditreform"
Text: Lisa Priller-Gebhardt
Bildnachweis: Getty Images