Zeit für mutige Karriereschritte
Der Arbeitsmarkt ist momentan nichts für schwache Nerven. Für Führungskräfte kann es dennoch sinnvoll sein, sich auf die Suche nach einem neuen Job zu machen. Wir zeigen, wie Spitzenkräfte in fünf Schritten zu Krisengewinnern werden.

Die Nachfrage nach Arbeitskräften ist im Verlauf des vergangenen Jahres kontinuierlich gesunken. Immer mehr Arbeitssuchende konkurrieren um eine rückläufige Anzahl offener Stellen. Auch an Spitzenkräften geht die volatile Situation auf dem Arbeitsmarkt nicht spurlos vorbei. Laut der aktuellen Umfrage „Manager Barometer“ der Personalberatung Odgers Berndtson denken jedoch nahezu zwei Drittel der befragten Mitarbeiter mit Führungsverantwortung über einen baldigen Arbeitgeberwechsel nach. Insbesondere im mittleren Management ist die Unzufriedenheit groß. Die Jobsuche ist zwar auch für Manager längst kein Selbstläufer mehr, doch: „Jede konjunkturelle Lage bietet Führungskräften Chancen für den Einstieg“, sagt Frank Adensam.
Adensam ist Gründer der gleichnamigen Executive-Placement-Beratung im Rhein-Main-Gebiet. Er arbeitet im Auftrag von Privatpersonen, die eine neue Position suchen. Sein Kundenkreis ist exklusiv und besteht ausschließlich aus Managerinnen und Managern der obersten Führungsebenen mit sechsstelligen Jahresgehältern. „Wir haben derzeit viele Anfragen und arbeiten an unserer Kapazitätsgrenze“, berichtet Adensam von guten Vermittlungsgeschäften. Eine der Kernaufgaben des Personalexperten besteht darin, diskret den Kontakt zu den Entscheidungsträgern in den Unternehmen herzustellen. Und das sind auf diesem Level nicht die Personaler aus der HR-Abteilung, sondern Aufsichtsräte, Beiräte, Vorstände, Inhaber oder auch investierte Private-Equity-Gesellschaften.
„Einen Key Account Manager kriegen wir derzeit in 14 Tagen vermittelt“, sagt Adensam, „aber bei einem CEO oder einem CFO kann es auch schon mal länger dauern.“ Im Durchschnitt benötige er etwa sechs Monate Zeit für eine erfolgreiche Vermittlung. „Es gibt Branchen, in denen Spitzenleute im Moment leichter zu vermitteln sind, zum Beispiel in den Bereichen Robotics, IT, Software oder Verteidigung. Dort geht es relativ gut. Schwierig ist es im Maschinenbau, im Chemiesegment und im Automotivesektor.“ Zuletzt habe Adensam einen Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung im Dentalbereich für ein doppelt so hohes Gehalt auf die CEO-Position in einem großen Labor vermittelt.
Den Blick weiten und sich neu positionieren
Die Personalberaterin Claudia Michalski hat sich im April 2025 nach neun Jahren in der OMC-Geschäftsführung aus dem Unternehmen zurückgezogen. Sie verkaufte ihre Anteile und wechselte in die Rolle der Beirätin. „Meinen Nachfolger habe ich bei einem gemeinsamen Essen gefragt: ‚Ich habe hier ein Beratungsunternehmen. Willst du es haben?‘ Weil ich wusste, dass er selbst Unternehmergeist hat, Coach ist und eine große Affinität für Beratung hat. Und dann sind wir in ernsthafte Gespräche gegangen – mit positivem Ausgang.“ Der Neue heißt Wolfgang Hennen, ein langjähriger Klient. Zuvor war der 53-Jährige Geschäftsführer des Essensretter-Start-ups „Too Good to Go“. Hennen liebäugelte schon länger mit der Selbstständigkeit – und packte die Chance kurzerhand beim Schopf. Wie er sich nach fast einem Jahr als Unternehmer fühlt? „Super. Es ist genau das, was mir Spaß macht. Meinem jüngeren Ich würde ich heute sagen: Trau dich früher!“ Es ist dieser Mut zur Veränderung, der Führungskräften auf einem enger werdenden Arbeitsmarkt Vorteile verschafft: Wer jetzt den Blick weitet und sich neu positioniert, kann bei der Jobsuche zum Krisengewinner werden.
Quelle: Magazin "Creditreform"
Text: Sebastian Wolking
Bildnachweis: Getty Images