Creditreform Magazin

Indien - Traumziel für den Mittelstand?

Auf der Suche nach Alternativen zu den USA und China, rückt Indien in den Blick deutscher Unternehmen. Sie finden dort unter anderem günstige und gut ausgebildete Fachkräfte. Warum jetzt auch immer mehr kleinere Betriebe den Sprung auf den Subkontinent wagen.

Frank Brehmer hat Fernweh. Der Geschäftsführer der 20-Mitarbeiter-Firma ITB Ingenieurgesellschaft für technische Berechnungen in Dortmund hat zusammen mit seinem Mitarbeiter Rushab Ashok Oswal eine Private LimitedCompany in Pune im westindischen Bundesstaat Maharashtra gegründet. Der gebürtige Inder und Ingenieur Oswal wird die Niederlassung der nordrhein-westfälischen Firma, die auf Festigkeitsberechnungen und Strömungssimulationen für Maschinen- und Anlagenbauer spezialisiert ist, führen. Brehmer sagt: „Wir versprechen uns von diesem Schritt einen Ausstieg aus der Lohn-Preis-Spirale hierzulande, wollen dem Fachkräftemangel begegnen und durch den Zeitunterschied von vier Stunden unsere zeitliche Erreichbarkeit verbessern.“ Bis Jahresende will das Duo die Dependance aufbauen und mit Aufträgen aus Deutschland versorgen. 2025 sollen dann Berechnungen und Simulationen für Kunden auf dem indischen Binnenmarkt durchgeführt werden.

Zwischen Deutschland und Indien liegen rund 6.700 Kilometer. Die enorme Entfernung hält viele Unternehmer aus „good old Germany“ aber nicht ab, ihr geschäftliches Glück im mit 1,4 Milliarden Menschen bevölkerungsreichsten Land der Welt zu suchen. Laut der Deutschen Botschaft in New Delhisind mittlerweile fast 1.800 deutsche Firmen in Indien präsent.Etwa 1.000 von ihnen sind 100-prozentigeige Töchter, die übrigen Verbindungsbüros, Joint Ventures und Agenturen.Sie stehen für gut 400.000 Arbeitsplätze. Neben Konzernen wieAdidas, Bosch, Bayer, Braun und Volkswagen tummeln sich im 3,3 Millionen Quadratkilometer großem Land zwischen Himalaya und Indischem Ozean auch viele Mittelständler.

Kuldeep Nagpal ist Geschäftsführer der Steuer- und Rechtsberatungs KNM im Bundesstaat Haryana und unterstützt deutsche Unternehmen beim Markeintritt in Indien – etwa bei der Marktforschung, Due Diligence-Prüfungen oder der Gründung einer indischen Tochtergesellschaft, Repräsentanz oder Niederlassung. Zu den erfolgreichsten bisher erfolgreichsten deutschen Mittelständlern in Indien zählt Nagpal die baden-württembergischen Unternehmen Maschinenfabrik Gustav Eirich und Pilz, Anbieter von Komplettlösungen für die Sicherheits- und Steuerungstechnik, den Pumpenspezialisten Wilo aus Dortmund sowie das Hamburger Familienunternehmen Murrelektronik, das mit Automatisierungstechnik sein Geld verdient. Nagpal hat allein im vergangenen Jahr „60 bis 80“ deutsche Neuankömmlinge gezählt, darunter der Garchinger Anlagenbauer M. Braun Inertgas-Systeme, die Bonner Unternehmensberatung Simon-Kucher & Partners und die Nürnberger Personalberatung Mediatos.

Kontakte nach Indien helfen beim Start

Und das scheint erst der Anfang zu sein. „Indien boomt“, sagt Daniel Raja, Leiter der Indien-Vertretung des Bundesverbandes der mittelständischen Wirtschaft (BVMW). „2023 hatten wir 65 Anfragen, etwa 40 Prozent mehr als im Jahr zuvor.“ Er sehe aktuell, „dass sich auch kleinere Betriebe informieren, weil sie sich mit dem Gedanken einer Expansion nach Indien tragen“. Die ITB Ingenieurgesellschaft für technische Berechnungen sei dafür ein Beispiel. Die meisten deutschen Betriebe, die in Indien Fuß fassen, seien „global tätige Unternehmen, die auch in anderen Ländern vertreten sind“ – etwa in den USA, Kanada, Japan oder China. Apropos China. Raja registriert, dass so manche deutsche Firma, die bisher in China ansässig war, ihren Standort jetzt nach Indien verlegt: „Gründe sind die geringeren Personalkosten und die stabilen politischen Umstände.“ Kuldeep Nagpal bestätigt das, verweist darauf, dass von indischen Universitäten jedes Jahr rund 1,5 Millionen Ingenieure abgehen, die fließend Englisch sprechen. Er schränkt aber ein: „Trotz des niedrigeren Lohnniveaus, hochqualifizierte Arbeitskräfte können teuer sein.“

Daniel Raja nennt seinen Bundesverband einen Brückenbauer: „Kleine und mittelständische Betriebe stehen bei ihrem ersten Auslandsengagement vor gefühlt 1.000 Fragen. Da ist ein erprobtes Netzwerk, wie wir es bieten, eine enorme Hilfe. Auch bei einer Expansion nach Indien. Wir bemühen uns, zwischen den deutschen Firmen und unseren Partnern vor Ort, etwa Regierungsvertretern oder Lieferanten, Vertrauen aufzubauen. Denn ohne das fühlen sich die meisten Firmen wie im Nebel.“ Der Aufklärung des Dunstes und dem Networking dienen auch diverse Veranstaltungen, die der BVMW organisiert, etwa der Deutsch-Indische Mittelstandsdialog, der am 21. März in Dortmund stattfindet. Auch die indische Regierung wirbt um deutsche Firmen, etwa mit der Initiative „Make in India Mittelstand“. Und mit starken Zahlen. So prognostiziert die Asian Development Bank dem Land für 2024/25 ein Wachstum des Bruttoinlandsproduktes von 6,7 Prozent. Beste Marktchancen bestünden auf den Feldern Biotechnologie, Chemie, Maschinenbau, Medizinische Geräte, Nahrungsmittelverarbeitung, Pharma, Textilmaschinen und Verpackungsindustrie.

Gute Vorbereitung ist das A und O

Klar ist: Ob ein deutsches Unternehmen erfolgreich in den indischen Markt eintritt, hängt ganz entscheidend von der Vorbereitung ab. Zur Liste der Expertenratschläge, die ein Mittelständler vor dem Sprung auf den Subkontinent beherzigen sollte, gehören unter anderen diese Punkte:

  • Betrachten Sie Indien als eine Ansammlung verschiedener regionaler Märkte und verstehen Sie die Nuancen des lokalen Marktes!
  • Identifizieren Sie Kernprodukte und -dienstleistungen, die für den indischen Markt geeignet sind!
  • Definieren Sie klare, auf den indischen Markt zugeschnittene Vertriebs-, Produkt- und Preisstrategien!
  • Bieten Sie Ihren Mitarbeitern interkulturelle Schulungen an, damit sie die indische Arbeitskultur und die indischen Werte kennenlernen und sich daran anpassen können.

Der BVMW verfügt über ein Netzwerk an Unterstützern vor Ort. Hilfe ist oft notwendig, denn die größte Herausforderung beim Sprung auf den Subkontinent ist, so Nagpal, „die Komplexität des Markteintritts“. Das indische Regelwerk sei selbst für erfahrene Unternehmen schwer zu verstehen: „Es gibt mehrere Regierungsbehörden, die für Genehmigungen zuständig sind und die Vorschriften selbst sind komplex und oft widersprüchlich.“ Überrascht seien Neuankömmlinge auch, dass die Kosten für die Gründung einer Firma und die Anmietung von Büroräumen nicht selten höher als in Deutschland sind. Ähnlich verhalte es sich mit den oft hohen Kosten für Transport und Logistik innerhalb Indiens „aufgrund von Infrastrukturbeschränkungen und geografischen Bedingungen“. Beachten müsse man zudem, dass beim Import von Maschinen, Rohstoffen oder Halbfertigwaren aus Deutschland hohe Einfuhrzölle anfallen können. Der Kenner der indischen Verhältnisse warnt Firmen vor Blauäugigkeit, wenn diese ihre Tochter aus der Ferne und unterschiedlichen Zeitzonen managen wollen: „Da sind Kommunikations- und Koordinationsprobleme programmiert.“ Lokale Besonderheiten, Markttrends und Aktivitäten der Konkurrenz könne man nur mit lokaler Präsenz erkennen.

Daniel Rajas fasst für Fernwillige noch einmal zusammen: „Die meisten Hürden des Markteintritts lassen sich am besten durch eine klar definierte Strategie, die Zusammenarbeit mit zuverlässigen lokalen Unternehmen und durch professionelle Beratung überwinden.“


Quelle: Magazin "Creditreform"
Text: Jürgen Hoffmann
Bildnachweis: Jiraroj Praditcharoenkul / iStock



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