Wie Betriebe ihre Energiekosten steuern
Die Schockwellen auf den Energiemärkten treffen besonders kleine und mittlere Betriebe. Es gibt aber Instrumente, mit denen Unternehmen sich unabhängiger vom Auf und Ab der Preise machen können. Im Fokus stehen Versorgungssicherheit, Planbarkeit und Effizienz.

Die Preise für Öl und Gas fahren Achterbahn. Seit Jahresbeginn ging es bis Mitte Juni fast nur aufwärts – in einigen Regionen Deutschlands um 25 bis 30 Prozent. Dann fielen die Preise wieder. Geblieben ist die Unsicherheit – insbesondere für Privathaushalte und kleinere Produktions-, Verarbeitungs- und Logistikbetriebe. „Es war für Unternehmen selten so schwierig wie derzeit, ihre Energieversorgung sicher zu planen“, sagt Marcel Quinten, Energie-, Umwelt- und Nachhaltigkeitsberater der Handwerkskammer des Saarlandes und Projektkoordinator der Mittelstandsinitiative Energiewende und Klimaschutz (MIE). Hauptverantwortlich für die Turbulenzen und die Preisexplosion sei, so hat der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung vor wenigen Wochen erklärt, der Angriffskrieg der USA gegen den Iran. Ähnlich wie im Frühjahr 2022, als Wladimir Putin mit dem Überfall auf die Ukraine für Marktverwerfungen gesorgt hatte, verantwortet in diesem Jahr US-Präsident Donald Trump das Tohuwabohu. Eine Folge: Die „fünf Wirtschaftsweisen“ prognostizieren für Deutschland in diesem Jahr noch ein Mini-Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 0,5 Prozent. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer geht sogar von nur 0,3 Prozent aus. So manches kleine und mittlere Unternehmen (KMU) wird das nicht überleben, weil ihm die Energiekosten über den Kopf wachsen. Doch es gibt Auswege aus der Energiekostenfalle.
Unabhängigkeit als Wettbewerbsvorteil
Die Effenberger Vollkornbäckerei in Hamburg (21 Mitarbeiter in sechs Filialen) verbraucht durch Einsparung und Wärmerückgewinnung nur etwa ein Drittel der Energie vergleichbarer Betriebe. Firmenchef Thomas Effenberger hat jeden Stein in seinem Unternehmen umgedreht, um seine Erzeugnisse so ökologisch wie möglich zu produzieren. Eine Maßnahme: die Schwadendampfkondensation. Der beim Backen anfallende Wasserdampf wird zurückgewonnen, die Kondensationswärme für warmes Brauchwasser und Heizung genutzt. Durch diese Maßnahmen erreicht der Backofen einen Wirkungsgrad von gut 116 Prozent, herkömmliche öl- oder gasbetriebene Backöfen kommen auf lediglich rund 60 Prozent. Weitere Mosaiksteine des Energiekonzepts des Mittelständlers: Außendämmung, Solaranlage auf dem Dach, LED-Beleuchtung und fünf Elektrofahrzeuge. Dadurch ist der Betrieb unabhängiger von Energiepreisschwankungen als viele Konkurrenten, hat Energiekosten von nur 1,3 Prozent vom Umsatz. „Ein Wettbewerbsvorteil“, so Effenberger.
So gut geht es nicht vielen KMU. Für Tausende Fleischereien und Wäschereien, Metallbauer, Glas- und Papierhersteller sind die Kosten für Energie mittlerweile „ein existenzieller Wettbewerbsfaktor“, so Marcel Quinten. Im Schnitt liegt der Energieverbrauch im Handwerk bei 1 bis 3 Prozent des Jahresumsatzes. In einzelnen Gewerken – etwa bei Bäckereien – ist er deutlich höher „und kann unter Umständen auf über 10 Prozent ansteigen“, so der Experte (siehe Kasten „Energieintensität“). Die Belastungen der KMU könnten in den nächsten Monaten noch steigen, denn im Zuge der kommunalen Wärmeplanung steht bei vielen Firmen ein Wechsel von Gas oder Öl auf Strom als primären Energieträger an. „Das erfordert von den Betrieben erhebliche Investitionen“, warnt Quinten. Außerdem wisse angesichts der anhaltenden Preisturbulenzen bei fossilen Energieträgern, Strom und Fernwärme kein Unternehmer, „wie sehr bei ihm der Anteil der Energiekosten am Umsatz steigen wird“.
Der Mittelstand geht leer aus
Die Lage kleiner und mittlerer Firmen ist prekärer als die vieler Großunternehmen. Zwei Beispiele: Während die meisten Konzerne ein professionelles Energiemanagement mit einer systematischen Überwachung, Steuerung und Optimierung des Energieverbrauchs haben, fehlt dieses Instrument fast allen KMU. Das liegt vor allem an den hohen Initialkosten und mangelnden personellen Kapazitäten. So werden für die Einführung und Zertifizierung eines Systems wie nach ISO 50001 feste Verantwortliche gebraucht. Zudem sind die meisten KMU in Deutschland nicht gesetzlich zu einem Energieaudit oder einem Managementsystem verpflichtet.
Und auch der Industriestrompreis, der rückwirkend ab Januar 2026 bis Ende 2028 die Kosten auf einen Zielwert von fünf Cent pro Kilowattstunde senkt und energieintensive Unternehmen etwa der Aluminium-, Chemie- oder Stahlbranche entlasten soll, landet bei kaum einem kleineren Betrieb. Warum nicht? Im Gegensatz zu Großverbrauchern erreichen Handwerksbetriebe und kleinere Mittelständler die hohen Verbrauchsschwellen nicht, die Voraussetzung für eine Förderung sind. Auch den Nachweis internationaler Wettbewerbsfähigkeit kann kaum ein KMU erbringen. Das kritisieren sowohl der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) als auch der Bundesverband mittelständische Wirtschaft. Die Subventionen würden nur der Großindustrie helfen, „während Handwerk und breiter Mittelstand die Entlastung mitfinanzieren, aber weitgehend leer ausgehen“, so ZDH-Präsident Jörg Dittrich. Für ihn ist der Industriestrompreis „ein Schlag ins Kontor für den Mittelstand“.
Bedarfsgerechte Maschinensteuerung
Welche Spielräume bleiben den KMU? Einer betrifft die Beschaffung. „Der Nahost-Konflikt zeigt, dass geopolitische Risiken zu einem zentralen Faktor für das operative Geschäft geworden sind“, konstatiert Lars Kleeberg, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik: „Viele Unternehmen überdenken deshalb ihre bisherigen Beschaffungsstrategien. Der Fokus verschiebt sich zunehmend von reinen Kosteneinsparungen hin zu resilienteren Lieferketten.“ Das gilt ganz besonders für das „Blut der Märkte“. Marcus Seidel, Geschäftsführer des Ingolstädter Energieunternehmens Meistro: „Bei der Energieversorgung geht es für Unternehmen längst nicht mehr nur um den günstigsten Preis, sondern zunehmend um Versorgungssicherheit, Planbarkeit und Effizienz.“ Die Nachfrage nach Beratung rund um Energiesparmaßnahmen steige spürbar, „weil ein professionelles Energiemanagement für Unternehmen immer wichtiger wird“. Meistro versorgt deutschlandweit rund 24.000 überwiegend mittelständische Kunden mit Strom und Gas, die ihre Energieversorgung durch Erneuerbare, Kraft-Wärme-Kopplungssysteme, Photovoltaikanlagen und Speicher nachhaltiger und widerstandsfähiger aufstellen wollen.
Für Marcus Seidel gibt es drei wesentliche Faktoren, mit denen Mittelständler ihre Energiekosten senken können: „Transparenz schaffen, den Betrieb bedarfsgerecht steuern und Technik gezielt modernisieren.“ Er geht ins Detail: „Das Erste sind Lastgangmessungen. Sie zeigen, wann Energie tatsächlich benötigt wird.“ Oft liefen Anlagen auch ohne tatsächliche Nutzung. Folge: Effizienzverlust. Seidel: „Der Nutzen von Langzeitmessungen ist eine schnelle Identifikation unnötiger Laufzeiten.“ Außerdem empfiehlt der Meistro-Geschäftsführer intelligente Zähler: „Die schaffen die Datengrundlage, um Verbrauch überhaupt zu verstehen. Erst durch Messdaten wird aus Vermutungen eine solide Entscheidungsbasis.“ Der Nutzen: Transparenz im Tagesverlauf statt nur Monatswerte. Ein weiterer Hebel seien Druckluft-Checks: „Viele Systeme laufen im Dauerbetrieb. Druckluft-Checks zeigen Muster und decken versteckte Verluste auf.“ Das Einsparpotenzial durch Optimierung sieht Seidel bei „10 bis 25 Prozent“.
Investitionen amortisieren sich schnell
Der Meistro-Chef führt weitere Möglichkeiten auf. Zunächst die Wärmerückgewinnung: „In vielen raumlufttechnischen Anlagen fehlt sie komplett. Durch Nachrüstung lassen sich zwischen 60 und 80 Prozent der thermischen Energie zurückgewinnen, wodurch die Heiz- und Kühlkosten deutlich reduziert werden.“ Auch im Heizsystem eines Unternehmens schlummere oft ungenutztes Potenzial: „Ohne hydraulischen Abgleich werden Räume ungleichmäßig versorgt und Pumpen arbeiten ineffizient. Ein sauber abgeglichenes System senkt den Energiebedarf deutlich und verbessert gleichzeitig den Komfort.“ Erfolg: weniger Energieverbrauch bei gleichmäßiger Wärmeverteilung. Die Heizkosten könnten damit, so Seidel, um
10 bis 20 Prozent reduziert werden. Und schließlich geht der Energieexperte auf Audits ein: „Eine systematische, unabhängige und dokumentierte Überprüfung von Prozessen, Systemen oder Informationen hilft, Potenziale zu strukturieren – von ineffizienten Betriebszeiten bis zu technischen Schwächen – und wirtschaftliche Maßnahmen zu priorisieren.“ Seinen Erfahrungen nach sind durch die Kombination mehrerer Maßnahmen Energiekosteneinsparungen von 20 bis 40 Prozent realistisch: „Investitionen an diesen Stellen amortisieren sich schnell.“
Auch kleinere Betriebe können durch gezielte Maßnahmen ihre Abhängigkeit von Energiepreisschwankungen minimieren – und das ohne großen Aufwand. Am effizientesten ist die Eigenstromerzeugung. Nachdenken sollten KMU aber auch über Einkaufsgemeinschaften und die Nutzung von Förderprogrammen.
Energiedaten im Griff
Die MIE bietet zwei Unterstützungsangebote: Die Website energieeffizienz-handwerk.de fungiert als Informationsportal für Betriebe, die sich energieeffizienter aufstellen möchten und das E-Tool www.e-tool.de als Instrument für die Erfassung und Auswertung von Energie- und Emissionsdaten. „Um Unternehmen eine Einschätzung geben zu können, wo sie in Sachen Energie stehen und wo sie anpacken können, um Kosten einzusparen, ist ein Verständnis der grundlegenden Energieverbräuche notwendig“, erläutert Energieberater Marcel Quinten. „Mit dem E-Tool Webportal lassen sich diese Verbräuche über Jahre hinweg systematisch und kostenlos erfassen sowie auswerten. Das ist die Basis für Energieeffizienz-Maßnahmen und ermöglicht gleichzeitig eine regelmäßige Erfolgskontrolle.“
Energiebedarf nach Branchen
Geringe Intensität (ca. 1–2 Prozent des Umsatzes)
Friseure, Augenoptiker, Hörakustiker, Elektrotechnik.
Energie fließt insbesondere in Raumwärme, Warmwasser, Beleuchtung und kleinere Maschinen/Werkzeuge/Elektrogeräte.
Hebel: Gebäudeeffizienz, LED-Umstellung sowie smarte Steuerung der Gebäude- und Lichttechnik.
Mittlere Intensität (ca. 2–5 Prozent des Umsatzes)
Kfz-Werkstätten (ohne Lackiererei), Tischler und Schreiner, Metallbau.
Energie für Fahrzeug- und Maschinenparks, Absauganlagen und zeitweise genutzte Werkzeuge.
Hebel: Standby-Verluste und Effizienz der Absaug-, Druckluft- und sonstigen Anlagen sowie Fuhrparkoptimierung.
Hohe Intensität (oft weit über 5 Prozent, teils um 10 Prozent des Umsatzes)
Bäcker, Fleischer, Textilreiniger und Wäschereien, Kfz-Betriebe mit Lackierkabine, Galvaniseure.
Prozesswärme- und prozesskälteintensiv. Öfen, Kühlhäuser, Waschstraßen und Trockner oft im Dauerbetrieb.
Hebel: Wärmerückgewinnung, effiziente Kältetechnik, Optimierung der Auslastungszeiten.
Quelle: Mittelstandsinitiative Energiewende und Klimaschutz (MIE)
Quelle: Magazin "Creditreform"
Text: Jürgen Hoffmann
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