Vom Lenkrad zum Laptop

In wenigen Jahren könnte das Auto weit mehr sein als ein reines Fortbewegungsmittel – es hat das Zeug zum vollwertigen Arbeitsplatz. Während Hersteller weltweit an futuristischen Konzepten tüfteln, verschwimmen die Grenzen zwischen Fahrzeug und Büro. Kommt nach dem Homeoffice bald das Caroffice?

Als rollender Blickfang im Film „I, Robot“ aus dem Jahr 2004 gleitet der Audi RSQ Concept durch das Chicago des Jahres 2035. Am Steuer sitzt Will Smith alias Del Spooner, das Auto bewegt sich vollautonom durch den US-amerikanischen Großstadtdschungel der Zukunft, gesteuert lediglich durch ein zentrales Verkehrsleitsystem. Aus der Perspektive der Filmemacher von 2004 mag das noch eine ferne Vision gewesen sein. Für uns heute sind es nur noch knappe zehn Jahre, bis wir das Jahr 2035 schreiben. Und immer klarer wird schon jetzt: Sehr weit sind wir von der I, Robot-Vision gar nicht mehr entfernt.

Die vergangenen Jahre brachten enorme Fortschritte in Sachen Automatisierung, Digitalisierung und Vernetzung. Gerade in urbanen Ballungsräumen, wo Pendelwege viel Zeit, Geld und Nerven kosten, wäre ein vollautonomes Fahrzeug ein hoher Produktivitätsgewinn. Da der Fahrer nicht mehr aktiv in den Verkehr eingreifen muss, wandelt sich der fahrbare Untersatz zum mobilen Lebens- und Arbeitsraum. Die Idee dabei: Die Zeit, die man bisher im Stop-and-Go-Verkehr beim Weg ins Büro vergeudete, lässt sich im Auto als Beifahrer auch produktiver nutzen: für ein Meeting, die Vorbereitung einer Präsentation oder auch für einen Powernap.
 

Audi und BMW mit Innovationen – doch Asiens Hersteller sind aktuell enteilt

Bereits 2022 gab Audi mit der Studie „Urbansphere“, einem elektrischen Crossover-Van, einen ersten Ausblick, wie sich ein digitales Fahrercockpit dank Augmented-Reality-Interface zum Büro auf Rädern transformieren lässt. Wettbewerber BMW stellte im Januar 2025 sein „Panoramic iDrive“ vor. Es stellt Informationen über die gesamte Breite der Windschutzscheibe dar. Bereits Ende dieses Jahres soll das System bei BMWs „Neue Klasse“-Modellen zum Einsatz kommen. Auch der südkoreanische Hersteller Hyundai plant, in Zusammenarbeit mit dem Optoelektronik-Spezialisten Zeiss, ab 2027 holografische Großprojektionen auf die Windschutzscheibe zu zaubern. Schon heute setzen zahlreiche Hersteller auf Sprachsteuerung und KI-gestützte Assistenten. Per Sprachbefehl ein Dokument diktieren sowie E-Mails lesen und versenden ist keine Zukunftsmusik mehr. Chinesische Hersteller nehmen hier eine zunehmend führende Rolle ein. Nio beispielsweise integriert bereits seit 2021 einen KI-basierten Sprachroboter namens „Nomi“ in seine Fahrzeuge. In Zukunft soll dieser das produktive Arbeiten im Auto erheblich erleichtern und Termine managen, Videokonferenzen starten, durch Folien von Präsentationen navigieren und To-Do-Listen verwalten.
 

Das Auto wird für den Fahrer nicht nur zum Büro, sondern auch zur Lounge

Der ebenfalls aus China stammende Hersteller BYD fokussiert sich auf Businessflotten und bietet bereits Fahrzeuge mit drehbaren Vordersitzen, faltbaren Tischen und großflächigen Displays an. In der Entwicklung befinden sich Modelle mit trennbaren Office-Zonen für Meetings oder konzentriertes Arbeiten. Über die neue Funktionalität des Autos als Arbeitsraum entscheidet nicht nur die Software, auch die Materialwahl im Innenraum spielt eine wichtige Rolle: Nachhaltige, akustisch optimierte Oberflächen, kabellose Lademöglichkeiten, smarte Klimatisierung und anpassbare Lichtstimmungen schaffen eine anregende Büroatmosphäre. Konnektivität ist dabei ebenso entscheidend: 5G, Wi-Fi-Hotspots, Edge Computing und Cloud-Zugänge sichern die reibungslose Anbindung an Unternehmensnetzwerke.
 

Die Basis für komplett mobiles Arbeiten bleibt das autonome Fahren

Doch erst wenn der Fahrer nicht mehr aktiv lenken muss, wandelt sich der Innenraum zum vollständigen Büro. Je höher der Autonomiegrad, desto größer wird das Potenzial für das mobile Office. Level 4 (vollautomatisiertes Fahren) und Level 5 (autonomes Fahren) würden es erlauben, während der Fahrt zu arbeiten, ohne länger auf den Verkehr achten zu müssen. Hersteller wie Tesla, Mercedes-Benz, BMW, Audi und

Volvo investieren Milliarden in automatisierte Fahrsysteme. Mercedes hat mit dem „Drive Pilot“ für S-Klasse und EQS, BMW mit dem „Personal Pilot L3“ für 5er- und 7er-Modelle bereits nach Level 3 (hochautomatisiertes Fahren) zugelassene Systeme in Deutschland eingeführt. Unter bestimmten Bedingungen fahren diese Modelle bereits selbstständig. Tesla arbeitet an der „Full-Self-Driving-Technologie“ und Google-Schwester Waymo testet aktuell eine Flotte von 250 Robotaxis im Stadtgebiet von San Francisco. Volkswagen probiert sich derweil in Hamburg an autonomen, vollelektrischen ID.-Buzz-Fahrzeugen, die als Robo-Sammeltaxis betrieben werden sollen. Die Tests mit den autonomen Fahrzeugen sollen, gute Probeerfahrungen vorausgesetzt, bis Ende 2026 in den Regelbetrieb übergehen.
 

Die Frage ist nicht, ob die Technik kommt, sondern wann

Die grundsätzliche Richtung ist klar: Das Auto wird sich von seiner Rolle als reines Transportmittel von A nach B verabschieden. Schon in absehbarer Zeit wird es zum vollwertigen Arbeitsort. Die Vision von 2004 aus „I, Robot“ ist näher denn je. Die ersten Schritte sind mit Office-Apps und großen Head-up-Displays getan. Immersive Augmented-Reality-Interfaces sind ab Ende dieser Dekade in der Serienproduktion zu erwarten. Ein vollautonomes Fahrzeug, wie der Audi RSQ Concept, könnte 2035 also durchaus Realität sein. Dann dürfen wir uns alle ein bisschen wie Del Spooner fühlen.


Quelle: Magazin "Creditreform"
Text: Matthias Techau
Bildnachweis: Getty Images