Teilzeitarbeit: KMU im Flexibilitätsrisiko

Die Teilzeitquote in Deutschland erreicht Rekordwerte. Für Großunternehmen ist die Entwicklung besser verkraftbar als für kleine und mittlere Betriebe. Was bedeutet die fortschreitende Zersplitterung der Arbeitszeiten für Mittelständler auf der Suche nach Fachkräften?

In Deutschland arbeiten 40 Prozent der Beschäftigten in Teilzeit, das ist ein historischer Höchstwert und eine der höchsten Teilzeitquoten in der EU. 30 Jahre zuvor lag dieser Wert hierzulande noch bei rund 20 Prozent. Teile der Union und der Wirtschaft sehen in der hohen Teilzeitquote einen Grund für den akuten Fachkräftemangel und wollen deshalb den Rechtsanspruch auf Teilzeit einschränken, insbesondere auch mit Blick auf den gesetzlich festgeschriebenen Rückkehranspruch in Vollzeit. Dass die Diskussion über Teilzeit nun lebhaft geführt wird, ist nicht zuletzt dem polemischen Begriff der „Lifestyle-Teilzeit“ zu verdanken, den die Mittelstands- und Wirtschaftsunion zwischenzeitlich verwendete und sich dann aber schnell wieder davon distanzierte. Gut so: Denn statt um die kaum zu beziffernde Arbeitsmoral der Deutschen, sollte es in der wichtigen gesellschaftlichen Debatte um die Belange des Mittelstands gehen, der angesichts der hohen und stetig steigenden Teilzeitquote vor einem Dilemma steht.

In einer aktuellen Studie hat das Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (KOFA), ein Projekt im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie, den Fachkräftemangel in kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) untersucht. Eine neue Auswertung der Daten der Bundesagentur für Arbeit erlaubt dabei erstmals die Analyse der Fachkräftelücke nach Betriebsgröße. Laut Studie zeigen die Daten, dass zwischen Juli 2024 und Juni 2025 72,3 Prozent aller offenen Stellen von KMU ausgeschrieben wurden und ihnen insgesamt 281.532 Fachkräfte fehlten. Den größten absoluten Engpass verzeichneten demzufolge mit 177.347 fehlenden Fachkräften die Kleinunternehmen mit maximal 49 Beschäftigten. Im Vergleich dazu lag die Lücke in Großunternehmen lediglich bei 111.240 fehlenden Fachkräften. Unter dem Strich entfielen damit 71,7 Prozent aller nicht besetzbaren offenen Stellen auf KMU.
 

Teilzeit bedeutet: Mehr Fachkräfte müssen rekrutiert werden

In kleinen und mittleren Unternehmen arbeiten nahezu zwei Drittel aller qualifizierten sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland. Die Beitriebe konkurrieren nicht nur untereinander um Fachkräfte, sondern auch zunehmend mit Konzernen. Während KMU innerhalb der letzten zehn Jahre ihr Beschäftigungsniveau leicht ausbauen konnten (kleine Unternehmen plus 6,6 Prozent, mittlere Unternehmen plus 15 Prozent), verzeichneten Großunternehmen ein deutlicheres Beschäftigungswachstum um plus 23,8 Prozent, heißt es in der KOFA-Studie. Um das gleiche Arbeitsvolumen zu leisten, müssen in Anbetracht der Teilzeitquote mehr Köpfe rekrutiert werden. Laut einer Schweizer KMU-Studie von AXA kann das wiederum den Fachkräftemangel verschärfen, von dem KMU am stärksten betroffen sind.

Dabei ist die Konkurrenzsituation in verschiedenen Berufen und Branchen sehr unterschiedlich ausgeprägt. In einigen Berufen stehen KMU mit Großunternehmen in direktem Wettbewerb um Fachkräfte, so die KOFA-Studie. Dazu gehören etwa Fachkräfte in der Elektrischen Betriebstechnik, im Maschinenbau oder in der Kinderbetreuung. Dieser Wettbewerb erhöht den Druck durch Fachkräfteengpässe für KMU zusätzlich, betonen die Forscher. Und während Teilzeitquoten etwa in der Automobilbranche, im Kreditgewerbe oder im Handwerk jeweils deutlich unter dem gesamtwirtschaftlichen Schnitt liegen, beträgt der Teilzeitanteil etwa im Einzelhandel mit seinen mehrheitlich weiblichen Beschäftigten mehr als zwei Drittel. Zum Vergleich: In DAX-Unternehmen arbeiten aktuell nur 15 Prozent der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in Teilzeit.
 

Hoher Koordinierungsaufwand bei geringer Planungssicherheit

Mit Blick auf die größer werdende demographische Lücke verschieben sich die Kräfteverhältnisse in Jobverhandlungen besonders in Mangelberufen zugunsten der Beschäftigten. Auch kleine und mittlere Unternehmen müssen daher wachsenden, nicht familiär bedingten Bedürfnissen nach Teilzeitarbeit nachkommen, um die Attraktivität des Betriebs im scharfen Personalwettbewerb zu steigern. Laut Erhebung des Statistischen Bundesamtes arbeitet derzeit nahezu jede zweite berufstätige Frau (49 Prozent) in Teilzeit, bei den Männern ist es nur jeder neunte (zwölf Prozent). Hier liegt großes Entwicklungspotenzial: Wenn 50 Prozent der teilzeitbeschäftigten Frauen ohne betreuungspflichtige Kinder so viel arbeiten würden wie Männer in entsprechenden Altersgruppen, stünden dem Arbeitsmarkt rechnerisch 1,7 Millionen zusätzliche Vollzeitkräfte zur Verfügung, so die Rechnung des Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung im Auftrag der Stiftung Familienunternehmen. Auch lässt sich die Teil-Arbeitszeit erhöhen: Laut dem zur Bundesagentur für Arbeit gehörenden Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung leisten Teilzeitbeschäftigte heute mehr Arbeitsstunden als in früheren Jahren, derzeit im Durchschnitt gut 18 Wochenstunden.

Was für den Konzern in puncto Teilzeitmanagement gut verkraftbar ist, ist jedoch für viele Mittelständler ein riesiger Kraftakt. So analysiert Stepstone, dass Teilzeitarbeit häufig zu höheren Personalkosten führt, da mehrere Teilzeitkräfte eine Vollzeitstelle ersetzen können. Darüber hinaus benötigen zwei Halbtagskräfte oft zwei ausgestattete Arbeitsplätze. Außerdem erhöht sich der Verwaltungs- und Koordinationsaufwand signifikant, weil die Planung, Koordination und Gehaltsabrechnung mehrerer Teilzeitkräfte aufwändiger ist als bei Vollzeitkräften. Nicht zuletzt erschweren laut Stepstone-Analyse unterschiedliche Arbeitszeiten die Personalsteuerung sowie den Informationsfluss im Team: Teilzeitkräfte sind seltener im Betrieb, was den Austausch von Know-how hemmen kann.
 

Gefahr zunehmender Arbeitsverdichtung

Gleichzeitig nehmen Teilzeitbeschäftigte seltener an Weiterbildungen teil und kommen in der Folge seltener für Führungsaufgaben infrage. Für KMU könnten sich dadurch die Nachwuchsprobleme auf der mittleren Führungsebene verschärfen. Im Unterschied zu Großunternehmen fällt das Flexibilitätsrisiko bei kleineren Unternehmen auch deutlich stärker ins Gewicht, wenn wichtige, aufgrund von spezifischer Erfahrung kaum ersetzbare Mitarbeiter ihre Arbeitszeiten reduzieren – dauerhaft oder temporär. Wenn als Brückenlösung eingestellte Ersatzkräfte dann auf Vollzeit zurückkehrende Kollegen treffen, wird Personalplanung in kleinen Betrieben zur Jonglage.

Ein weiteres Teilzeit-Risiko liegt für Mittelständler auch in der Gefahr der Arbeitsverdichtung: Wenn das Arbeitsvolumen gleichbleibt, aber auf weniger Stunden verteilt wird, kann es insbesondere in kleineren Teams zu Überlastungen der Teilzeitkräfte kommen.

So kommt eine Studie des Regionalportals meinestadt.de zu dem Ergebnis, dass 54 Prozent der Vollzeitbeschäftigten den eigenen Gesundheitszustand als „sehr gut“ oder „gut“ einschätzen, bei den Beschäftigten in Teilzeit waren es hingegen nur 44,6 Prozent. Dabei gab rund ein Fünftel der befragten Teilzeitkräfte „weniger gut“ oder „schlecht“ an, fünf Prozent mehr als bei den Vollzeitbeschäftigten in diesen Einschätzungskategorien. Das Arbeitspensum und die reduzierten Arbeitszeiten müssen daher optimal aufeinander abgestimmt werden. Teilzeitlösungen machen viel Arbeit, insbesondere Mittelständlern.


Text: Ralf Kalscheur
Bildnachweis: iStockPhoto