Die Zukunft wartet nicht
Beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz hat der Mittelstand deutlichen Nachholbedarf. Doch strenge, komplizierte Vorgaben wie der EU AI Act und die DSGVO erschweren den Einstieg. Warum Unternehmen jetzt trotzdem mutig loslegen sollten.

Dass Unternehmen digitaler werden müssen, steht außer Frage – auch im Mittelstand. Denn dann sind sie produktiver, so eine Studie von KfW Research und ZEW Mannheim: Je digitaler ein Unternehmen bereits aufgestellt ist, desto stärker profitiert es von weiteren Investitionen in die Digitalisierung. Erst wenn ein Grundstock an digitalen Technologien und Erfahrung im Umgang damit vorhanden ist, lassen sich die Produktivitätspotenziale voll ausschöpfen. Digitalisierung ist damit die Grundlage für Innovation und Wettbewerbsfähigkeit. „Deutschland benötigt dringend innovative Unternehmen“, sagt Dirk Schumacher, Chefvolkswirt der KfW.
Unternehmen wie Trumpf. „Für uns ist KI kein Hype-Thema, sondern ein echter Wettbewerbsfaktor“, sagt Sarah Engel, Head of AI bei dem schwäbischen Maschinenbauer. „Wer nicht auf KI setzt, fällt bei Effizienz, Geschwindigkeit und Kundennähe zurück.“ Es gehe jedoch nicht darum, möglichst viel smarte Technologie einzusetzen, sondern „gezielt dort, wo sie wirklich messbaren Mehrwert bringt“.
Das Familienunternehmen aus Ditzingen, das weltweit zu den führenden Anbietern von Fertigungstechnik zählt, gehört auch zu den Vorreitern beim Einsatz von KI in der industriellen Produktion. Trumpf nutzt sie, um Fertigungsprozesse zu optimieren, Fehler frühzeitig zu erkennen und die Qualität automatisiert zu prüfen. Besonders stark sei der KI-Effekt in Produktion, Entwicklung und Service spürbar, „also überall dort, wo viele Daten zusammenkommen und Entscheidungen schneller getroffen werden müssen“, erklärt Engel. „Der eigentliche Wert durch den KI-Einsatz entsteht, wenn wir die dadurch gewonnene Zeit auch bewusst für besseres Arbeiten nutzen.“
Regulierung trübt die Innovationsfreude
„Das Potenzial von KI hat der Mittelstand zwar erkannt“, sagt Daniel Abbou. Für den Geschäftsführer des KI Bundesverbands wirkt jedoch insbesondere der EU AI Act wie eine „Implementierungsbremse“. Mit dem EU AI Act hatte die EU erstmals einen umfassenden Rechtsrahmen für KI geschaffen. Er ist 2024 in Kraft getreten, seine Vorgaben gelten schrittweise. Vor allem für sogenannte Hochrisiko-Anwendungen, etwa in der Medizin, im Personalwesen, im Finanzsektor oder bei kritischer Infrastruktur, gelten umfangreiche Vorgaben zu Risikomanagement, Dokumentation, Transparenz und menschlicher Aufsicht. Hinzu kommen die Anforderungen der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO), wenn KI personenbezogene Daten verarbeitet.
Nicht grübeln, sondern machen
Abbou kritisiert, dass die Regulierung zu wenig innovationsfreundlich sei und auch kleinere Unternehmen mit „übermäßigen Compliance-Lasten“ konfrontiere. Es geht etwa um umfangreiche Dokumentations- und Kontrollpflichten, deren Umsetzung Zeit und Ressourcen bindet. Ein großer Mittelständler wie Trumpf hat die Ressourcen, KMU sind hingegen vorsichtig. Denn bei Verstößen drohen schnell Bußgelder in Millionenhöhe. Hinzu kommen Hürden wie fehlende Dateninfrastruktur und Rechenkapazitäten, Fachkräftemangel und zu langsame Förderprozesse.
„Wir stehen daher leider noch immer am Anfang einer breiten Umsetzung“, sagt Abbou. So setzt knapp ein Drittel der Mittelständler KI ein, etwa in Kundenservice, Produktion oder internen Wissensprozessen. Aber 40 Prozent haben laut KI Bundesverband noch immer keine konkrete KI-Strategie.
Trotzdem sollten deutsche Unternehmen das Thema KI nicht zuerst über die Compliance-Brille betrachten, meint Jan Hildburg, Director AI & Product Engineering bei der Bielefelder Digitalagentur U+I Interact, die Mittelständler bei der KI-Einführung berät. Viele mittelständische Unternehmen fühlen sich vom Thema KI überfordert und sind nicht sicher, wie und wo sie überhaupt anfangen sollen. Manche starten dann ein großes Vorzeigeprojekt, beobachtet Hildburg. „Dann heißt es: ‚Wir bauen einen KI-Agenten, der unseren kompletten Kundenservice automatisch übernimmt.‘ Doch solche Vorhaben scheitern häufig, weil sie zu komplex sind.“
Klein anfangen ist also keine schlechte Strategie. Entscheidend ist: „Unternehmen sollten ins Handeln kommen und jetzt anfangen, sich KI-fit zu machen sowie die KI-Transformation einzuleiten“, betont der Digitalberater. Dann hätten sie in zwei, drei Jahren „einen strukturellen Wettbewerbsvorteil“. Damit KI erfolgreich im Unternehmen implementiert werden kann und tatsächlich für eine höhere Produktivität sorgt, ist es entscheidend, das Personal mit ins Boot zu holen. „Es ist ein wichtiger Hebel, wenn man jeden einzelnen Mitarbeiter in die Lage versetzt, KI zu nutzen“, so Hildburg: „Dann entstehen wirklich große Effekte.“
Diese Erfahrung hat auch Trumpf gemacht. „Wir haben früh damit begonnen, KI für alle erlebbar zu machen, nicht nur für Spezialisten“, sagt Sarah Engel. „Uns war es wichtig, dabei klarzumachen, dass KI die Arbeit nicht wegnimmt, sondern verändert.“ Künftig würden Routinetätigkeiten zunehmend automatisch erledigt, wodurch sich Mitarbeiter stärker auf anspruchsvolle Tätigkeiten konzentrieren könnten. Die KI-Zukunft bringt nicht nur neue Regeln und Herausforderungen, sondern auch gute Nachrichten für KMU, die um jede Fachkraft kämpfen müssen.
„Ein klares Signal für mehr Tempo bei der KI-Einführung im Mittelstand“
Der KI Bundesverband mit Sitz in Berlin will KI-Unternehmen mit Politik und anderen Branchen vernetzen. 500 Unternehmen gehören dem Verband an. Geschäftsführer Daniel Abbou erklärt, wie Politik und Mittelstand gemeinsam mehr intelligente Helfer in die Unternehmen bringen können.
Was muss die Politik tun, um den KI-Einsatz im Mittelstand zu pushen?
Wir fordern gezielte und schnelle Maßnahmen, zum Beispiel die Einführung eines KI-Vouchers. Unternehmen können damit Zuschüsse für KI-Projekte beantragen, die sie mit deutschen KI-Start-ups oder KMU umsetzen. Das hat einen doppelten Nutzen: Es senkt das wahrgenommene Investitionsrisiko bei den beauftragenden KMU und stärkt gleichzeitig gezielt deutsche KI-Anbieter, ohne direkte Subventionierung. Ein solcher Voucher wäre ein klares Signal für mehr Tempo bei der KI-Einführung im Mittelstand und ein wichtiger Beitrag zur Sicherung seiner Wettbewerbsfähigkeit.
Was müsste der Mittelstand selbst tun?
Unternehmen sollten KI nicht nur als IT-Thema betrachten, sondern als strategische Managementaufgabe. Viele Unternehmen warten noch auf die perfekte Lösung. Sinnvoller ist es aber, früh Erfahrungen zu sammeln und kleinere Pilotprojekte schnell umzusetzen. Der Mittelstand hat dabei sogar Vorteile: kurze Entscheidungswege, hohe Spezialisierung und viel Praxisnähe. Genau daraus können sehr innovative KI-Anwendungen entstehen.
Was sind Quick Wins des KI-Einsatzes?
Man muss nicht sofort mit Großprojekten starten. Viele Quick Wins lassen sich relativ einfach umsetzen, etwa bei Dokumentenanalyse, Kundenservice, Angebotserstellung, Übersetzungen oder bei internen Wissensassistenten. Vor allem aber geht es um Lernkurven. Wer heute beginnt, baut Wissen und Erfahrung auf. Und genau dieser Vorsprung wird in den kommenden Jahren entscheidend sein. Deutschland hat beim Thema KI noch Aufholbedarf, aber gerade im Mittelstand sehen wir enormes Potenzial.
Quelle: Magazin "Creditreform"
Text: Claudia Frickel
Bildnachweis: Getty Images