Creditreform Magazin

Von Kiew nach Lengerich

Viele Unternehmen hierzulande spüren die Auswirkungen des Krieges in der Ukraine wirtschaftlich. Gleichzeitig krempeln sie die Ärmel hoch, um jenen zu helfen, die ganz persönlich vom Krieg betroffen sind. In Windeseile sorgen sie für Schlafplätze oder Büroräume für Geflüchtete, organisieren Sach- und Geldspenden – und neue Jobs.

Was brauchen Menschen, die vor dem Krieg in der Ukraine fliehen und in Deutschland ankommen am dringendsten? Ein warmes Bett. Insofern war der Name für die Plattform warmes-bett.de schnell gefunden. Aber auch mit der Programmierung legten sich der Softwareentwickler Hive-IT und die Maklerwerft, ein Beratungsunternehmen für Immobilienmakler, mächtig ins Zeug. Schon am 28. Februar, vier Tage nach dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine, war die Plattform zur Koordination und Vermittlung von Unterkunftsangeboten online. „Wir betreiben eigentlich Webseiten für Immobilienmakler“, erklärt Jan Thiel, 34, Geschäftsführer der Hive-IT GmbH. „Also haben wir unser technisches Know-how genutzt, um warmes-bett.de zusammen mit unseren Partnern aufzubauen“ – als eine Art gemeinnützige Airbnb-Plattform. Wer ein Zimmer oder eine Wohnung frei hat, kann sich dort unkompliziert registrieren und sein Angebot einstellen. Hilfsorganisationen und ehrenamtliche Helfer wiederum können die Datenbank nutzen, um Unterkünfte für Geflüchtete zu finden. 

„Das Land NRW und die Stadt Köln haben uns beworben, bekannt wurden wir aber vor allem durch Mundpropaganda“, sagt Thiel, der das ganze Projekt wie alle Beteiligten pro bono betreibt. Das Feedback war „astronomisch. Bis heute können wir über zwölftausend Unterkünfte mit mehr als 60.000 Schlafmöglichkeiten anbieten. Wir mussten sogar unsere Severkapazitäten um ein Drittel aufstocken, damit warmes-bett.de reibungslos läuft“. Den Großteil der Schlafplätze bieten Privatpersonen an. Aber auch andere Unternehmen tun sich hervor. 

Wer hilft, hat weniger Zeit, sich zu sorgen

Eine größere Unterkunft für Geflüchtete hat etwa die Alois Müller GmbH, ein Anbieter von industriellen Energiesystemen und technischer Gebäudeausrüstung aus dem bayerischen Memmingen, möglich gemacht. In Westerheim, nur wenige Kilometer vom Hauptsitz entfernt, hat das Unternehmen einen ehemaligen Gasthof umgebaut, ursprünglich gedacht als Unterkunft für Mitarbeiter und Monteure. Nun haben dort Frauen und Kinder aus der Ukraine ein Dach über dem Kopf gefunden. „Die aktuelle Entwicklung in der Ukraine macht mir sehr große Sorgen. Mir war es wichtig, schnell und unbürokratisch Unterstützung anzubieten“, sagt der 51-jährige Geschäftsführer Andreas Müller – und spricht aus, was derzeit viele Unternehmen in Deutschland umtreibt.

Sie fürchten zudem um ihre wirtschaftliche Zukunft. In einer Sondererhebung des KfW-Mittelstandspanels antworteten im März 2022 von gut 2.200 befragten Unternehmen immerhin 14 Prozent, dass sie in dem Krieg ein hohes Risiko für ihre Geschäftsentwicklung in den kommenden zwölf Monaten sehen. Alarmiert zeigten sich vor allem Unternehmen aus dem verarbeitenden Gewerbe und dem Handel. Die größten Schwierigkeiten bereiten steigende Energiepreise, gestörte Lieferketten und das Wegbrechen Russlands als Absatzmarkt. Doch anstatt sich von düsteren Prognosen lähmen zu lassen, krempeln viele Mittelständler die Ärmel hoch und helfen, wo sie können. Vor allem denen, die Schutz in Deutschland suchen. 

Mehr als 400.000 Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine hat die Bundespolizei bis Anfang Mai gezählt, überwiegend Frauen, Kinder und ältere Menschen. Weil Ukrainer zunächst 90 Tage ohne Visum in die EU einreisen dürfen und viele sich noch nicht offiziell registriert haben, schätzt das Bundesinnenministerium die tatsächliche Zahl der eingereisten Flüchtlinge als wesentlich höher ein. 

Coworking Space für Geflüchtete

„Es liegt in der DNA mittelständischer Unternehmen, Herausforderungen beherzt und pragmatisch anzugehen“, sagt Oliver Grün, Präsident des Bundesverbandes IT-Mittelstand (BITMi). „Nachdem sich so viele unserer Mitgliedsunternehmen mit Angeboten an uns gewandt haben, haben wir als BITMi beschlossen, diese Angebote auf unserer Website sichtbar zu machen.“ Die Bandbreite reicht von warmes-bett.de und einer weiteren Plattform zur Koordination von Hilfsangeboten über kostenlose Software für ukrainische Unternehmen bis hin zur Cybersecurity-Beratung.

Auch das Hilfsprojekt der Pix Software GmbH ist auf der BITMi-Liste zu finden. Der Lösungsanbieter für Kollaboration und Projektmanagement aus Niederkrüchten bei Düsseldorf stellt einen Teil seiner Büroräume als Coworking Space für geflüchtete Fachkräfte aus der Ukraine zur Verfügung. „Viele unserer Kunden, größere Mittelständler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, arbeiten mit IT-Unternehmen aus Kiew und Odessa zusammen“, erklärt David-Andreas Bergens, CEO bei Pix Software. Diese Betriebe müssten den entstandenen Schaden durch den Krieg wieder aufarbeiten, „und bei uns können ihre Angestellten trotz Flucht weiterarbeiten, um so das Bestehen ihrer Arbeitgeber in der Ukraine vor Ort zu sichern“. Der Coworking Space bei Pix Software bietet Platz für 20 Personen.

Hilfe beim Ankommen

Ein ähnliches Ziel verfolgt Workstadt aus Wuppertal. Das 2021 gegründete Startup hat sich darauf spezialisiert, internationalen Fachkräften, die von Unternehmen aus der Region angeworben wurden, zu helfen, in Deutschland anzukommen. „Wir vernetzen die internationalen Mitarbeiter untereinander und stärken damit die Hilfe zur Selbsthilfe. So erhalten sie zum Beispiel direkt Tipps zur Wohnungssuche oder den zu hiesigen kulturellen Eigenarten und sind nicht allein“, sagt Geschäftsführerin Esther Königes. Seit Ausbruch des Krieges macht sich Workstadt zusätzlich für Menschen aus der Ukraine stark. „Zu Beginn haben wir eine Spende eines Telekommunikationsanbieters in Form von 500 kostenlosen SIM-Karten organisiert, da die Kommunikation nach Hause für Geflüchtete sehr wichtig ist“, sagt Königes. Zudem hätten sie und ihr Team Wohnungen vermittelt und ausgestattet. Und sie haben sich dafür eingesetzt, dass eine Wuppertaler Bankfiliale, die sich direkt neben der Ausländerbehörde befindet, einen ukrainischen Übersetzer engagiert. „Jetzt haben wir Räume angemietet und ausgestattet, in denen Mütter und Kinder Deutschkurse besuchen, ihrer Arbeit nachgehen oder via Zoom dem ukrainischen Schulunterricht folgen können.“

„Man muss den Kriegsopfern helfen, eine Existenz aufzubauen.“ 
Katja Kortmann, Hotel Esplanade Dortmund

Die Beispiele zeigen, wie vielfältig die Möglichkeiten sind. Fast jedes Unternehmen kann etwas tun. Katja Kortmann etwa, Direktorin des Hotels Esplanade in Dortmund, spendet zehn Prozent ihres Getränkeumsatzes an die Dortmunder Stiftung „Help and Hope“ für die Ukraine. Überdies hat sie Frauen und Kinder aus der Ukraine in ihrem Hotel kostenfrei untergebracht – obwohl ihr Haus, wie so viele andere Hotels, während der Pandemie massiv gelitten hat. „Ohne die Corona-Hilfen würde es uns heute nicht mehr geben“, sagt Kortmann. „Trotzdem muss man den Kriegsopfern helfen, eine Existenz aufzubauen.“ 

Nach der Flucht kommt die Jobsuche

Diesen Gedanken verfolgt auch jobaidukraine.com: Die Plattform ist eine Stellenbörse für Menschen aus der Ukraine. Die Unternehmer Marcus Diekmann, 42, und Christian Weis, 41, haben sie gegründet. Rund 19.000 Unternehmen aus ganz Europa haben sich bisher registriert, die meisten aus Deutschland. Täglich zählt die Plattform rund 30.000 Besucher. Weis ist überzeugt: „Die Menschen aus der Ukraine kommen am schnellsten aus ihrem negativen Gedankenkarussell heraus, wenn sie einen neuen Job bekommen.“

So wie Mykola Myronchuk. Der 39-Jährige stammt aus Kiew. Am 4. März ist er mit seiner Familie in Deutschland angekommen. Weil seine Tochter unter einer schweren chronischen Krankheit leidet, war ihm die Ausreise erlaubt. Und nur wenige Tage später fand der gelernte Metallbauer Arbeit über jobaidukraine.com. Das Unternehmen Gerdes Fenster und Türen aus dem niedersächsischen Lengerich hatte auf der Plattform eine Metallbauer-Stelle ausgeschrieben. „Das Schicksal der Menschen hat mich einfach bewegt“, sagt Geschäftsführer Thomas Gerdes. Er ist froh, Myronchuk gefunden zu haben, „denn wir leiden sehr unter dem Fachkräftemangel in Deutschland. Für uns ist das eine Win-Win-Situation.“ Und Myronchuk? Er kann sein Glück kaum fassen. „Noch vor wenigen Wochen habe ich mit meiner Familie während der Flucht auf dem steinernen Boden einer Kirche geschlafen“, sagt er. Heute leben sie in einer Werkswohnung des neuen Arbeitgebers, Tochter und Sohn gehen in Lengerich zur Schule. Und auch Myronchuk muss wieder lernen, „die deutschen Fenstersysteme sind ganz anders als die in meiner Heimat. Aber es macht Spaß!“, sagt er. Doch der Mann aus der Ukraine entdeckt gerade nicht nur neues Fachwissen. Sondern vor allem: eine Zukunft.


Diese Plattformen bündeln Angebote und vernetzen Helfer: 

Mittelständische Unternehmen, die sich für Menschen in der Ukraine einsetzen wollen, können sich an das „Netzwerk Unternehmen integrieren Flüchtlinge“ wenden. Die vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag gegründete Initiative wird vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz gefördert, bietet eine Übersicht mit Anlaufstellen für Geldspenden und unterstützt Betriebe bei der Integration von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt: www.unternehmen-integrieren-fluechtlinge.de   

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK), der Industrieverband BDI, der Arbeitgeberverband BDA und der Handwerksverband ZDH haben die Hilfsinitiative #wirtschafthilft ins Leben gerufen. Im Zentrum des Angebots steht die Arbeitsmarktintegration. Informationen gibt es etwa zu Aufenthalts- und Arbeitsrecht, Arbeitsvermittlung, Förderinstrumenten und Sozialversicherung. Zudem erhalten Betriebe Hinweise zu Wirtschaftshilfen und Kurzarbeitergeld. www.wirtschafthilft.info 


Quelle: Magazin "Creditreform"
Text: Almut Steinecke

 



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