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Vom Spezialisten zum Generalisten

Multitasking? Das war bisher eher Menschen vorbehalten. Roboter dagegen erledigen ein bestimmtes Set an Tätigkeiten, schön der Reihe nach. Doch die Zukunft der Robotik liegt im Multitasking. Wir zeigen, was damit gemeint ist und wie Unternehmen davon profitieren.

Die klassische Industrierobotik ist ein Erfolgsmodell der Spezialisierung. Ein Roboter schweißt, lackiert oder montiert. Seine Stärke liegt in der Wiederholung. Je stabiler der Prozess, desto größer der Nutzen. Das Problem zeigt sich jedoch immer dort, wo Produktionsabläufe komplexer werden. Kürzere Produktlebenszyklen, kleinere Losgrößen und individuelle Kundenwünsche verlangen nach mehr Flexibilität. Ein Roboter, der ausschließlich eine einzelne Tätigkeit beherrscht, wird in solchen Umgebungen schnell zum Engpass.

Die neue Generation intelligenter Systeme soll deshalb mehrere Fähigkeiten kombinieren. Ein Roboter könnte beispielsweise Bauteile identifizieren, transportieren, montieren, Qualitätskontrollen durchführen und die Ergebnisse dokumentieren. Statt für jede Tätigkeit eine eigene Maschine vorzuhalten, entstehen multifunktionale Plattformen. Ermöglicht wird dieser Wandel durch Fortschritte in drei Bereichen: Künstliche Intelligenz, Sensorik und Rechenleistung. Moderne Systeme können ihre Umgebung deutlich besser wahrnehmen, Objekte erkennen und Entscheidungen treffen. Gleichzeitig erlauben KI-Modelle eine flexiblere Steuerung als klassische regelbasierte Programme. Das verändert die Rolle des Roboters grundlegend. Aus einem digitalen Fließbandarbeiter wird ein universeller Assistent.
 

Produktivität gewinnt neue Dimension

Für Unternehmen liegt der Nutzen nicht allein in der Automatisierung zusätzlicher Prozesse. Entscheidend ist die bessere Auslastung. Viele Roboter verbringen einen erheblichen Teil ihrer Betriebszeit mit Warten. Sie stehen still, während vorgelagerte Arbeitsschritte abgeschlossen werden oder Material nachgeliefert wird. Multitasking-fähige Systeme könnten solche Leerlaufzeiten reduzieren, indem sie währenddessen andere Aufgaben übernehmen. Auch Investitionen ließen sich so besser nutzen. Wenn eine Maschine mehrere Funktionen erfüllt, sinkt die Zahl spezialisierter Anlagen. Gerade für mittelständische Unternehmen mit begrenzten Investitionsbudgets kann dies ein wichtiger Hebel sein. Zudem wird Automatisierung in Bereichen möglich, die bislang als zu komplex galten. Besonders betroffen sind Montage, Intralogistik, Qualitätsmanagement und Serviceprozesse. So sieht das US-Forschungs- und Beratungsunternehmen Gartner multifunktionale Roboter etwa im Vergleich zu humanoiden Robotern als die bessere Alternative: „Ein Großteil der Unternehmen wird ihre Entscheidung für Roboter davon abhängig machen müssen, wie hoch der Durchsatz pro investiertem Dollar ausfällt“, sagt Caleb Thomson, Senior Director und Analyst Supply Chain bei Gartner. „Deshalb erwarten wir, dass multifunktionale Roboter die überlegene Lösung darstellen.“

Interessanterweise kommen viele Impulse nicht von großen US-Tech-Konzernen, sondern aus Deutschland. Ein Beispiel ist Festo. Das Familienunternehmen aus Esslingen entwickelt seit Jahren intelligente Automatisierungslösungen, die Sensorik, Robotik und KI miteinander verbinden. Ziel ist es, Maschinen mehr Eigenständigkeit zu verleihen. In modernen Produktionsumgebungen sollen Systeme nicht mehr nur Befehle ausführen, sondern Situationen interpretieren und flexibel reagieren. Die Vision dahinter entspricht genau dem Trend zur multifunktionalen Robotik. Auch Schunk gehört zu den Unternehmen, die diesen Wandel vorantreiben. Der Spezialist für Greifsysteme und Automatisierungstechnik arbeitet an Lösungen, mit denen Roboter unterschiedliche Werkstücke selbstständig handhaben können. Wo früher aufwendige Umrüstungen notwendig waren, sollen intelligente Greifer künftig verschiedene Aufgaben übernehmen. Die Grenze zwischen einzelnen Prozessschritten verschwimmt damit immer mehr.
 

Fachkräftemangel als Beschleuniger

Der Trend zur Multitasking-Robotik wird zunehmend durch den Arbeitsmarkt getrieben. Viele Unternehmen kämpfen mit fehlendem Personal. Besonders schwierig wird die Situation bei repetitiven oder körperlich belastenden Tätigkeiten. Klassische Automatisierung konnte diese Lücke bislang nur teilweise schließen, weil sie oft zu unflexibel war. Ein Roboter, der verschiedene Aufgaben erledigen kann, verändert die Rechnung. Er unterstützt dort, wo gerade Bedarf besteht, und übernimmt Routinetätigkeiten über mehrere Prozessschritte hinweg. Mitarbeiter werden dadurch nicht ersetzt, sondern können sich stärker auf wertschöpfende Aufgaben konzentrieren. Gerade mittelständische Unternehmen versprechen sich davon mehr Resilienz. Wer mit weniger Personal dieselbe oder sogar eine höhere Leistung erzielen kann, gewinnt Handlungsspielraum.
 

Vernetzte Fabrik der Zukunft

Trotz aller Fortschritte steht die Entwicklung noch am Anfang. Multitasking-Roboter benötigen enorme Datenmengen, leistungsfähige Software und eine enge Integration in bestehende Prozesse. Zudem steigen die Anforderungen an Cybersicherheit und Governance. Auch wirtschaftlich muss sich der Ansatz beweisen. Nicht jede Anwendung profitiert von maximaler Flexibilität. In hochstandardisierten Produktionsumgebungen werden spezialisierte Systeme oft weiterhin die effizientere Lösung bleiben. Die eigentliche Herausforderung besteht deshalb darin, das richtige Gleichgewicht zwischen Spezialisierung und Vielseitigkeit zu finden.

Dennoch zeichnet sich bereits ab, wohin die Reise geht. Die Fabrik der Zukunft wird nicht mehr aus einer Vielzahl starrer Einzelmaschinen bestehen. Stattdessen entstehen vernetzte, lernfähige Systeme, die unterschiedliche Aufgaben übernehmen und sich dynamisch an neue Anforderungen anpassen. Was heute noch wie ein technologischer Zwischenschritt wirkt, könnte sich in wenigen Jahren als grundlegender Wandel erweisen. So wie Smartphones Kamera, Navigationsgerät und Computer vereinten, könnten künftige Roboter mehrere industrielle Funktionen in einer einzigen Plattform bündeln.


Quelle: Magazin "Creditreform"
Text: Matthias Techau
Bildnachweis: Getty Images



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