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Teheran an der Zapfsäule

Liebe Leserinnen und Leser,

3.926 Kilometer! Das ist die Distanz zwischen Düsseldorf und Teheran. Zum Vergleich: Letztes Jahr war ich an der wunderschönen Amalfi-Küste im Urlaub. Bis nach Süditalien sind es gerade mal 1.200 Kilometer Luftlinie. Auch das kommt mir schon sehr weit weg von NRW vor. Der Iran ist dementsprechend sehr, sehr weit weg, zumal ich dort noch nie meine freien Tage verbracht habe. Jetzt, wo dort die Bomben fallen, ist der Krieg zwar durch TV, Social Media und permanente Berichterstattung sehr präsent, aber gefühlt doch ewig weit weg. Das Gefühl trügt hier aber gewaltig. Die Verwerfungen dieses Krieges machen an keiner Landesgrenze halt. Die Illusion der Distanz ist de facto falsch und kann sogar gefährlich werden. Die Wenigsten können die Straße von Hormus spontan auf einer Karte einzeichnen. Und doch ist jeder von uns in Deutschland von der Sperrung dieses Nadelöhrs betroffen. Die meisten von uns blicken fassungslos auf die Anzeige an der Zapfsäule, Bauern raufen sich die Haare angesichts der Düngemittelpreise und die Boutique an der Ecke macht weniger Umsatz, während die Stühle beim Lieblingsitaliener auch am Samstagabend nur zur Hälfte besetzt sind. Wenige Beispiele, die aber eindrücklich zeigen, wie klein die Welt ist – im Guten und im Schlechten.

Und genau hier beginnt das eigentliche Problem: Der Iran-Krieg trifft Deutschland nicht in einer Phase der Stärke, sondern in einem Moment struktureller Schwäche. Die Konjunktur war ohnehin fragil und die Wachstumsperspektiven überschaubar. Nun kommt ein externer Schock hinzu, der genau dort wirkt, wo die Verwundbarkeit am größten ist: bei Energiepreisen, Lieferketten und Erwartungen. Das Ergebnis ist kein kurzfristiger Ausschlag, sondern ein schleichender Druckaufbau. Investitionen werden verschoben, Risiken neu bewertet und Liquidität enger geführt. Gerade im Mittelstand – dem eigentlichen Rückgrat der deutschen Wirtschaft – wächst die Unsicherheit spürbar.

Der Konflikt wirkt dabei weniger als Auslöser, sondern als Verstärker. Er legt offen, was lange überdeckt wurde: Die Widerstandsfähigkeit des Standorts hat abgenommen.

Und genau das ist die eigentliche Botschaft: Nicht der Krieg allein ist das Problem, sondern eine Wirtschaft, die immer weniger Puffer hat, um solche Schocks abzufedern.

Was das konkret bedeutet, zeigen die Beiträge dieser Ausgabe: Die ohnehin schwache konjunkturelle Erholung gerät durch den Energiepreisschock weiter ins Stocken – aus moderatem Wachstum wird schnell Stagnation. Gleichzeitig befinden sich unsere Innenstädte im Rückwärtsgang: Konsumzurückhaltung und steigende Kosten treffen den Einzelhandel ins Mark, tausende Geschäfte stehen vor dem Aus. Und auch der Wohnungsbau steckt in der Sackgasse – zu wenig Neubau, hohe Kosten und strukturelle Blockaden bremsen nicht nur den Markt, sondern zunehmend auch den Arbeitsmarkt und das Wachstum. Oder zugespitzt: Der Krieg mag weit entfernt sein, seine wirtschaftlichen Folgen sind es nicht.

Ihr
Patrik-Ludwig Hantzsch