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Jung trifft Alt im Team

Verschiedene Generationen haben unterschiedliche Prägungen sowie Erwartungen an Arbeit und Führung. Arbeiten sie unter einem Dach zusammen, kann das zu Spannungen führen. Wie aus Mehr­generationen-Teams ein Erfolgsfaktor wird.

In der Montage des Bielefelder Pneumatik-Spezialisten ITV treffen drei Generationen aufeinander: der 18-jährige Azubi, der 40-jährige Produktionsleiter und ein 70-jähriger Monteur in Aktivrente. Gemeinsam justieren, verschrauben und messen sie, bis aus Einzelteilen Komponenten für die Drucklufttechnik und kundenspezifische Baugruppen entstehen. Die weite Altersspanne an der Werkbank ist dem demografischen Wandel geschuldet, der zukünftig voll durchschlagen wird – auch bei dem in zweiter Generation familiengeführten Mittelständler aus Ostwestfalen-Lippe.

Aktuell ist laut Statistischem Bundesamt rund ein Viertel der 40,9 Millionen Erwerbstätigen in Deutschland zwischen 55 und 64 Jahre alt. Diese Entwicklung spiegelt sich auch bei ITV wider: In dem Unternehmen mit 80 Mitarbeitern sind derzeit 56 Prozent der Belegschaft über 50 Jahre alt. Wichtige Schlüsselpositionen werden in den kommenden Jahren frei. „Wir stehen vor einer enormen Umwälzung, wie wir sie noch nie hatten“, sagt ITV-Geschäftsführerin Stefanie Bindzus.

In vielen Betrieben treffen heute und hierzulande sogar bis zu fünf soziologische Generationen aufeinander, auch Alterskohorten genannt: Babyboomer, Generation X, Millennials, Generation Z und inzwischen auch erste Vertreter der ab 2010 geborenen Generation Alpha. Zwar haben schon früher 17- bis 70-Jährige Seite an Seite gearbeitet, doch selten wurde so viel über Mehrgenerationen-Teams gesprochen. „Neben der Tatsache, dass es sich um ein Zeitgeist-Thema handelt, sind Fachkräfteengpass und demografischer Wandel die wichtigsten Gründe für die intensive Auseinandersetzung damit“, sagt Martin Klaffke. Der Wirtschaftsprofessor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin forscht zum Generationen-Management und hat ein gleichnamiges Fachbuch herausgebracht.
 

Altersgerechte Ansprache

Die Erkenntnis, dass sich gerade massiv etwas verschiebt, brachte Stefanie Bindzus dazu, an einem Reverse Mentoring teilzunehmen, das das Thema Führung intensiv behandelte. „Ältere Mitarbeitende haben weniger Erwartungen an Führung. Sie sehen Probleme und beschäftigen sich selbst damit“, so die ITV-Chefin. Die Gen Z hingegen erwarte nicht nur, dass beispielsweise die EDV funktioniere. Sie wolle Probleme besprechen und fordere zeitnahes Feedback ein. „Mich als Führungskraft kostet das mehr Aufmerksamkeit und mehr Zeit.“ Ein Einsatz, der laut Martin Klaffke jedoch unabdingbar ist: „Wenn Führungskräfte die Generation Z so führen wie die Generationen in den Jahrzehnten zuvor, erreichen sie viele junge Arbeitnehmer nicht mehr.“

Hinzu kommt ein stärkeres Bedürfnis nach Orientierung. „In einer Zeit, in der gesellschaftliche Strukturen zunehmend brüchiger werden, gewinnt Arbeit als Orientierungs- und Stabilitätsanker an Bedeutung“, sagt Sabine Lutzius, Partnerin bei der unabhängigen Personalberatung ifp, eines der zentralen Ergebnisse ihrer aktuellen Verantwortungsstudie. Diese wurde vom Rheingold Institut durchgeführt. „Statt mit Macht, Einfluss und Status als Individuum an die Spitze zu streben, suchen die Menschen Resonanz, Sicherheit und Gemeinschaft.“
 

Grundregeln vermitteln

Stefanie Bindzus beobachtet ferner, dass Unternehmen zunehmend Aufgaben übernehmen, die in früheren Zeiten stärker bei Elternhaus und Schule angesiedelt waren. „Was früher an Erziehung im Elternhaus geleistet wurde, übernimmt heute die Schule. Und was die Schule nicht mehr leisten kann, übernimmt der Ausbildungsbetrieb.“ Ihr Unternehmen wendet inzwischen mehr Zeit dafür auf, jungen Mitarbeitern grundlegende Verhaltensregeln zu vermitteln: morgens zu grüßen, pünktlich zu Terminen zu erscheinen oder sich im Krankheitsfall nicht einfach per WhatsApp abzumelden, sondern anzurufen. Anfangs habe sie gedacht: „Das kann ich nicht gebrauchen.“ Doch Bindzus erkannte im Reverse Mentoring auch, welche Fähigkeiten die Jüngeren mitbringen. „Sie finden sich bei Fragen zu KI und Technik besser zurecht, auch weil sie andere Denkweisen haben“, sagt die Unternehmerin.

Damit Generationen-Management gelingt, braucht es laut Klaffke Aufgaben, bei denen unterschiedliche Fähigkeiten tatsächlich zum Tragen kommen. Verschiedene Problemlösungsansätze, Kreativität, unterschiedliche Kommunikationsweisen und die Weitergabe von Wissen gehören zu den Stärken altersgemischter Teams. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, den Erfahrungsschatz der Babyboomer zu sichern. Denn während viele Ältere jahrzehntelang im Betrieb bleiben, wechseln Jüngere deutlich häufiger den Arbeitgeber. „Eine lange Phase des Ankommens können wir uns nicht mehr leisten. Neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen schnell produktiv werden“, sagt die Geschäftsführerin. ITV nutzt dazu eine Wissensplattform.
 

Wie Coaching unterstützt

Technik kann Wissen sichern – den Austausch zwischen den Generationen ersetzt sie jedoch nicht. „Ein offener Dialog ist kein Selbstläufer, aber er lässt sich gestalten“, sagt Robert Pasewald, Partner des Steuerhauses Kiel. Zusammen mit seiner Geschäftspartnerin Anika Päpcke hat er über das staatlich geförderte INQA-Coachingprogramm unter anderem gezielt an der internen Kommunikation gearbeitet. Das Coaching lief von Frühjahr 2024 bis Sommer 2025 und umfasste acht Tage, verteilt über 16 Monate. Dabei nahm er die Impulse der Jüngeren gerne an, so Pasewald. Ihm wiederum mangele es manchmal an Verständnis oder Tempo. „Dann finde ich es toll zu sehen, dass von der jüngeren Generation ein neuer Ansatz kommt.“

Ein wichtiges Instrument sind seither auch klare, schriftlich festgehaltene Strukturen für Arbeitsabläufe und Prozesse, etwa bei der Mandantenbetreuung. „Jeder kann sie einsehen und hält sich daran. Die Älteren machen nicht einfach ihren alten Stiefel weiter und die Jüngeren fragen auch mal nach, wie etwas geht.“ Das fördert die Kommunikation auf beiden Seiten. „Jeder hört aktiv zu und ist nicht gleich beleidigt“, sagt Pasewald. Es führe letztlich zu einer anderen Arbeitsmoral, „wenn alle vernünftig miteinander sprechen, sich gegenseitig zuhören und aufeinander einstellen“.

Von den rund 20.000 Euro Kosten des Coachings hat das Steuerhaus Kiel etwa ein Drittel selbst getragen, den Rest förderte das Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Einmal im Jahr buchen Pasewald und seine Geschäftspartnerin einen selbst finanzierten Auffrischungstag. Denn für beide steht fest: „Ein Unternehmen kann zukünftig nur Erfolg haben, wenn über die Generationen hinweg ein offener Dialog geführt wird.“

Zusammenarbeit im Generationen-Mix

5 Tipps von Wirtschaftsprofessor Martin Klaffke:


1. Unterschiede ansprechen, Stereotype vermeiden

Menschen sollten nicht aufgrund ihres Geburtsjahres in Schubladen gesteckt werden: „Die Jungen sind digital, Babyboomer tun sich mit KI schwer.“ Entscheidend sind die individuellen Stärken und Bedürfnisse.

2. Gemeinsame Ziele in den Mittelpunkt stellen

Weniger auf das Trennende, mehr auf das Verbindende schauen. Eine gemeinsame Mission verhindert, dass sich Lager bilden. Hilfreich ist, wenn Führungskräfte zeigen, welchen Beitrag unterschiedliche Erfahrungen und Fähigkeiten zum gemeinsamen Erfolg leisten.

3. Kommunikationsregeln vereinbaren

Teams sollten gemeinsam festlegen, wie sie kommunizieren: Was gehört in eine E-Mail, was in den Chat? Wann braucht es ein persönliches Gespräch? Wie schnell wird eine Antwort erwartet?

4. Wissenstransfer in beide Richtungen

Ältere geben Erfahrungs- und Branchenwissen weiter. Dieses Wissen lässt sich schriftlich oder per Video sichern. Jüngere bringen neue Perspektiven ein und vermitteln zum Beispiel den Umgang mit digitalen Tools.

5. Flexible Rahmenbedingungen schaffen

Beschäftigte brauchen passende Optionen, um ihre Potenziale bestmöglich zu entfalten. Dazu gehören flexible Arbeitszeiten und -orte ebenso wie unterschiedliche Karrierewege.


Quelle: Magazin "Creditreform"
Text: Lisa Priller-Gebhardt
Bildnachweis: Getty Images



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