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Sag mir, welcher Schuldner Du bist

Die Anzahl überschuldeter Privatpersonen hat sich in Deutschland in den Zeiten der Corona-Krise verringert. Doch es bleibt dabei: Mehr als sechs Millionen erwachsene Bundesbürger sind überschuldet. Sie können auf absehbare Zeit ihren finanziellen Verpflichtungen nicht nachkommen.

Die Ursachen für die finanzielle Misere der Betroffenen sind höchst unterschiedlich. Entsprechend unterscheidet sich auch die Höhe der Schulden und damit auch die Dauer der unhaltbaren finanziellen Situation.

Die microm, ein Tochterunternehmen von Creditreform, hat auf der Basis der vorliegenden Daten zum SchuldnerAtlas, abgeglichen mit den Informationen von weiteren Geo-Datenbanken zum demografischen und ökonomischen Status, eine ÜberschuldungsTypologie entwickelt, die einen genaueren Blick auf das Phänomen „Überschuldung von Privatpersonen in Deutschland“ zulässt. Profile für acht Überschuldungstypen wurden entwickelt. Dabei sind die Abgrenzungen bzw. die Übergänge zwischen den einzelnen Profilen fließend. Es kommt zu Überlappungen bei den Merkmalen, im Kern lassen sich aber durchaus klar Unterschiede definieren.

Dauer der Überschuldung

Auf Grund dieser Typologie sind zunächst drei Gruppen zu unterscheiden, die sich nach der Intensität der Überschuldung und der zeitlichen Dauer bestimmen lassen. Die stärkste Gruppe ist die der „nachhaltigen Überschuldung“. Sie zählt rund drei Millionen Betroffene und stellt damit den größten Anteil an der Gesamtzahl. Drei Schuldnertypen sind hier auszumachen: der „Notfallüberschuldete“, der „Überschuldungsausblender“ und der „Dauerüberschuldete“. Das erste Profil korrespondiert am ehesten mit unserem landläufigen Begriff der Armut. Hier finden sich Personen in einer objektiven ökonomischen Notlage, die nur ein geringes Einkommen beziehen oder durch eine akute Notlage, etwa durch Krankheit oder Unfall, ins Abseits geraten. Die finanzielle Not spielt auch beim „Überschuldungausblender“ eine wichtige Rolle. Anders aber als beim vorhergehenden Profil kommt hier noch eine fahrlässige Selbstüberschätzung, gepaart mit einer großen Risikobereitschaft, hinzu, die dazu führt, dass das Ausmaß der finanziellen Verpflichtungen nicht mehr richtig eingeschätzt wird. Diese Menschen stammen oft aus dem unteren sozialen Milieu und sind überdurchschnittlich häufig von Arbeitslosigkeit betroffen. Hier finden sich auch häufiger Wohnungswechsel und Umzüge. Auch der Typus des „Dauerüberschuldeten“ ist im schwachen sozialen Milieu anzutreffen, das gekennzeichnet ist von schmalem Einkommen, mangelnder Bildung und fehlender Finanzkompetenz. Die Überschuldung wird hier zu einem Teil der Lebensplanung und entsprechend sogar über Generationen weitergegeben. Ein sozialer Aufstieg ist kaum möglich und für die Betroffenen selbst oft auch nicht denkbar.

Reich und überschuldet

In der nächsten Gruppe der ÜberschuldungsTypologie findet sich die „temporäre Überschuldung“. Hier sind es zwei Typen-Profile, die bestimmend sind: Das sind zum einen die „Konsumüberschuldeten“ und zum anderen die „Lifestyleüberschuldeten“. Letztere finden sich auf höchstem sozioökonomischen Plateau. Bei diesen Verbrauchern geht es darum, sich trotz einer an sich guten sozialen und wirtschaftlichen Situation mithilfe des Konsums und vor allem der Verschuldung weitere Lebensqualität zu erschließen. So finden sich viele Singles und Paare ohne Kinder, es herrscht die Einstellung eines „anything goes“ vor. Der zweite Typus des „Konsumüberschuldeten“ ist dagegen eher sozial schwach und jung. Ihm geht es darum, sich mithilfe eines kreditfinanzierten Einkaufs und auf der Basis einer starken Marken-Fixierung im Umfeld einen Status zu verschaffen. Auch in diesem Milieu finden sich eher junge Menschen und viele Singles, die trotz geringen Einkommens hedonistisch und experimentell im Hinblick auf den Konsum orientiert sind.

Die geringste Zahl überschuldeter Verbraucher findet man schließlich im dritten Sektor der periodischen Überschuldung. Hier werden weder die Tiefe noch die Intensität bei den Zahlungsproblemen erreicht wie sie den anderen Schuldnergruppen zukommt. Da ist zunächst der „Überschuldungpragmatiker“ zu finden, der auf Basis einer durchaus überdurchschnittlichen Kaufkraft schon einmal eine finanzielle Überlastung in Kauf nimmt und mit dieser vorübergehenden Situation bei zurückhaltender grundsätzlicher Kreditnutzung notwendige oder zumindest im Sinne der Lebensplanung wichtige Ansprüche finanzieren will. Er lebt in einem Umfeld, das stark familienorientiert und unterdurchschnittlich von Arbeitslosigkeit betroffen ist. Die überfälligen Forderungen werden immer wieder kurzfristig abgelöst.

Die kleinste Gruppe von Überschuldungstypen findet sich im Sektor periodischer Überschuldung mit den „Überschuldungsnaiven“. Es handelt sich um Menschen, die oft alleinstehend und bereits im fortgeschrittenen Alter sind. Vielfach sind es alleinstehende Senioren oder Singles. Eine entscheidende Rolle spielt hier die mangelnde finanzielle Kompetenz – es kann geradezu „aus Versehen“ zu Schulden kommen. Dazu kommen Vergesslichkeit und Unwissenheit im Hinblick auf die Dimension der Schulden. Der „Überschuldungsvermeider“ schließlich bildet die dritte Gruppe der zeitweise überschuldeten Konsumenten. Auch er ist bereits im fortgeschrittenen Alter und von traditionellen oder konservativen Werten geprägt. Obwohl er Schulden grundsätzlich ablehnt, findet er sich in Situationen wieder, die ein Eingehen von Schulden denkbar machen. Auch hier gilt, dass es ihm darum geht, sich sehr schnell aus der Überschuldungssituation zu befreien und es gar nicht erst zu einer intensiveren Schuldenspirale kommen zu lassen. Die Nutzung von Konsumentenkrediten ist relativ selten gegeben.

Die microm ÜberschuldungsTypologie wurde auf der Basis von einer fast zwanzigjährigen Datenauswertung geschaffen und ermöglicht eine tiefergehende Analyse des Schuldnerverhaltens. Mit dieser Typologie lassen sich die unterschiedlichen Formen, Intensitäten und Ausprägungen von überschuldeten Verbrauchern erfassen und bewerten. Dies ist nicht zuletzt wertvoll für die Beratung in der Schuldnerhilfe. Hier finden sich Ansätze, die das individuelle Gespräch über die Situation zwar nicht ersetzen, aber doch mit Hilfe einer Typologie in einem weiteren Rahmen aufnehmen. Die Datensätze wurden schließlich mit weiteren Geo-Daten zur demografischen und ökonomischen Situation abgeglichen und geschärft.

Quelle: microm ÜberschuldungsTypologie