Zweiter „Report Ruhrgebiet“ veröffentlicht

Wie steht es um den Mittelstand zwischen Dortmund und Duisburg? Dieser Frage sind Expertinnen und Experten des Verbands der Vereine Creditreform e. V. sowie von Creditreform Dortmund nachgegangen. Ihre Ergebnisse präsentierten sie am 23. April bei der Vorstellung des „Report Ruhrgebiet“.

Darin beleuchten Romina Scharf, Syndikusrechtsanwältin und Referentin der Geschäftsleitung bei Creditreform Dortmund, Hartmut Irmer, Leiter Vertrieb bei Creditreform Dortmund, und Patrik-Ludwig Hantzsch, Pressesprecher und Leiter der Wirtschaftsforschung beim Verband der Vereine Creditreform, bereits zum zweiten Mal die aktuelle Wirtschaftslage im Mittelstand der Region. Konkret liefert der Report Ruhrgebiet aktuelle Daten für Bochum, Bottrop, Dortmund, Duisburg, den Ennepe-Ruhr-Kreis, Essen, Gelsenkirchen, Herne, Mülheim an der Ruhr, Oberhausen, Recklinghausen und Unna.

 

Lage auf Bundes- und Landesebene

Um die Lage in der Region besser einschätzen zu können, gab Hantzsch zunächst einen Überblick zur gesamtdeutschen Situation. Zwar starte der Mittelstand mit vorsichtigem Stimmungsumschwung ins Jahr und der Creditreform-Geschäftsklimaindex liegt mit 5,3 Punkten wieder im Plus, nachdem er zwei Jahre im negativen Bereich lag, so der Experte, jedoch solle man diese Werte nicht überinterpretieren. „Denn die aktuelle Geschäftslage ist weiter negativ – und das im vierten Jahr in Folge“, so Hantzsch und ergänzte: „Die wirtschaftliche Lage bleibt angespannt, Eigenkapitalquoten stehen unter Druck, die Kreditaufnahme wird schwieriger. Investitionen gehen zurück und Zahlungsziele werden verlängert.“
Diese risikobehaftete Entwicklung zeigt sich auch in NRW. Im Vergleich mit dem ersten Quartal des Jahres 2025 haben beispielsweise die Unternehmensinsolvenzen im bevölkerungsreichsten Bundesland im ersten Quartal 2026 um 9,93 Prozent zugenommen. Besorgniserregend ist auch der Wert im Bereich des Ausfallrisikos. Irmer erklärte: „Dieser Wert beschreibt die Wahrscheinlichkeit, mit der mit einem Zahlungsausfall beziehungsweise einer Insolvenz bei einem Unternehmen zu rechnen ist.“ Hier liegt die Ausfallrate im Bundesschnitt bei 1,88 Prozent, in NRW allerdings bei 2,16 Prozent. Nur in Bremen (2,54 Prozent) und Berlin (3,04 Prozent) ist das Risiko, dass eine Forderung nicht bezahlt wird, noch höher.

Situation im Ruhrgebiet

Ein im Vergleich zum Landesschnitt noch höherer Wert zeigt sich mit einer Ausfallrate von 2,64 Prozent im Ruhrgebiet.
Betrachtet man die Insolvenzquote, so liegt diese bei 1,76 Prozent (1,34 Prozent in NRW). Allerdings steigen beide Quoten seit Jahren an und lagen beispielsweise 2020 noch bei 0,70 Prozent in NRW und 0,98 Prozent im Ruhrgebiet.
Betrachtet man die Entwicklung vom ersten Quartal 2025 zum gleichen Zeitraum in diesem Jahr, so ergibt sich eine Steigerung von 9,4 Prozent. So gingen im ersten Quartal des letzten Jahres 351 und in diesem Jahr 384 Unternehmen insolvent. „Prozentual besonders massiv ist die Zunahme im Baugewerbe. Hier haben wir im ersten Quartal 2025 63, im ersten Quartal 2026 aber leider 84 Insolvenzen feststellen müssen – das entspricht einer Steigerung von rund 34 Prozent“, so Scharf und ergänzt: „Besorgniserregend ist die Entwicklung hingegen bei den Dienstleistungsunternehmen. Zwar nahmen die Insolvenzen nur um gut neun Prozent zu, jedoch ist dieser Wert im Vergleich zu den Vorjahren sehr hoch.
Nur geringe Insolvenzzunahmen verzeichnen wir mit gut fünf Prozent hingegeben beim Handel. Entspannung gibt es im verarbeitenden Gewerbe, wo die Unternehmensinsolvenzen um rund 40 Prozent abgenommen haben.“

Recklinghausen im ersten Quartal 2026 mit den meisten Insolvenzen
Beim Blick auf die Städte und Kreise fällt auf, dass die Anzahl der Insolvenzen im gleichen Zeitraum zwar fast überall anstieg, insgesamt aber sehr heterogen ist. Besonders nahm sie in Gelsenkirchen mit einem Plus von 50 Prozent und in Duisburg mit plus 30 Prozent zu.
Absolut gesehen verzeichneten Recklinghausen, Dortmund und Essen im ersten Quartal 2026 mit 65, 61 und 56 Fällen die meisten Insolvenzen.
Besonders hohe Ausfallraten verzeichnen Gelsenkirchen (3,74 Prozent), Oberhausen (3,35 Prozent) und Duisburg (3,25 Prozent). „Hier ist es also am wahrscheinlichsten, dass Rechnungen nicht bezahlt werden können, was das Wirtschaften für Unternehmen dort entsprechend riskanter macht“, so Scharf.

Gewerbeanmeldungen und -abmeldungen
Doch wie entwickelt sich die besonders klein- und mittelständisch geprägte Wirtschaft im Ruhrgebiet? „Hier lohnt ein Blick auf die Gewerbean- und -abmeldungen. Im Jahr 2025 konnten wir mit 36.540 neu gegründeten Unternehmen einen absoluten Spitzenwert verzeichnen. Gleichzeitig sank die Zahl der Gewerbeabmeldungen auf 28.232, was zu einer positiven Scherenentwicklung führt“, so Scharf. Das ist der Expertin zufolge als positives Signal zu deuten: „Die Entwicklung zeigt, dass der Markt in Bewegung bleibt, es weiterhin wirtschaftliche Dynamik gibt und es sich aktuell nicht um eine bloße Abwärtsbewegung handelt.

Einordnung und Ausblick
Viele der derzeit beobachtbaren Entwicklungen, so die Experten, seien keine kurzfristigen Phänomene. Denn bereits seit einigen Jahren zeichne sich bundesweit eine Abschwächung der wirtschaftlichen Dynamik ab – im Ruhrgebiet tritt es allerdings noch einmal deutlicher zutage.
„Die vergleichsweise hohen Ausfall- und Insolvenzquoten zeigen vor allem, dass sich Unternehmen im Ruhrgebiet aktuell in einem Umfeld mit erhöhtem Risiko bewegen. Die Wahrscheinlichkeit von Zahlungsausfällen steigt. Durch die angespannte finanzielle Situation der Unternehmen wird es daher zunehmend wichtiger, Risiken frühzeitig zu erkennen und möglichst aktiv gegenzusteuern“, appelliert Scharf und ergänzt: „Für 2026 erwarten wir zwar keine deutliche Verschärfung, jedoch wird sich die Zahl der Insolvenzen zunächst voraussichtlich auf einem hohen Niveau stabilisieren.“