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„Zweiklassengesellschaft“ bei Zahlungszielen
Eines von vielen Zeichen der anhaltenden Wirtschaftskrise: Das durchschnittliche Zahlungsziel stieg im 1. Halbjahr 2026 auf den höchsten Stand seit 2019. Kleine und mittlere Unternehmen bekommen jedoch wesentlich engere Zahlungsfristen gesetzt – bei ihnen erhöhte sich deshalb der Zahlungsverzug, wie der Creditreform Zahlungsindikator Deutschland – Sommer 2026 zeigt.
Die Wirtschaftslage in Deutschland ist seit Jahren angespannt und das wird vorerst auch so bleiben. Vor allem die sprunghaft gestiegenen Material- und Kraftstoffpreise infolge der Eskalation im Nahen Osten belasteten in den vergangenen Monaten viele Unternehmen so sehr, dass sie ohne ein Entgegenkommen der Kreditgeber ins Trudeln geraten wären.
Zu diesen Kreditgebern zählen übrigens auch Lieferanten. Indem sie ihren Kunden kurzfristigen Zahlungsaufschub gewähren, räumen sie ihnen im Grunde einen Kredit ein. Die Bedeutung dieser Lieferantenkredite ist enorm und das dauerhaft ausstehende Volumen in der deutschen Wirtschaft beträgt geschätzt zwischen 300 und 400 Mrd. Euro
Im Zuge der angespannten Wirtschaftslage haben Lieferanten und andere Kreditgeber ihre Zahlungsfristen ausgeweitet. Dieser Trend lässt sich bereits seit längerem beobachten. Eine aktuelle Auswertung des Creditreform Debitorenregisters für deutsche Unternehmen, vorgelegt Anfang August 2026, zeigt: Lieferanten und Kreditgeber gewährten ihren Kunden im 1. Halbjahr 2026 durchschnittlich ein Zahlungsziel von 32,21 Tagen. Das waren 0,75 Tage mehr als im Vorjahreszeitraum. Im Vergleich zu 2023 haben Unternehmen inzwischen sogar gut zwei Tage mehr Zeit, die Forderungen zu begleichen.
Aber: Nicht alle Unternehmen profitieren gleichermaßen von den gestreckten Zahlungszielen. Firmen mit mehr als 250 Beschäftigten wurde durchschnittlich ein Zahlungsziel von 35,51 Tagen gewährt – drei Tage mehr als 2023. Kleinunternehmen dagegen wurde lediglich eine Zahlungsfrist von 26,37 Tagen eingeräumt – neun Tage weniger als bei großen Unternehmen. Das ist für viele Betriebe dieser Größenordnung ein Problem.
Zahlungsverzug von KMU nimmt deutlich zu
Dass vor allem kleine und mittlere Unternehmen (KMU) zunehmend Probleme haben, ihre Außenstände zu begleichen, zeigt eine weitere Entwicklung: Der Zahlungsverzug von KMU ist im 1. Halbjahr 2026 angestiegen – und zwar deutlich. Deren Lieferanten und Kreditgeber meldeten eine durchschnittliche Überfälligkeit von 10,52 Tagen bei kleinen und 10,66 Tagen bei mittleren Unternehmen. Das sind 0,78 respektive 1,87 Tage mehr als im Vorjahreszeitraum. Große Unternehmen beglichen ihre Rechnungen dagegen lediglich mit einer durchschnittlichen Verzögerung von 6,71 Tagen – einem leichten Rückgang gegenüber dem 1. Halbjahr 2025.
Das Problem ist immens, denn fast 80 Prozent aller Debitoren sind kleine Unternehmen. KMU stehen in der aktuellen Wirtschaftskrise offensichtlich unter besonderem Druck. „Sie müssen gleichzeitig steigende Kosten schultern und erhalten kaum längere Zahlungsziele“, sagt Jörg Urbscheit, Experte beim Debitorenregister Deutschland (DRD), einem von Creditreform betriebenen, anonymen Datenpool zum Austausch von Zahlungserfahrungen.
Insgesamt lag die durchschnittliche Verzugsdauer überfälliger Rechnungen im 1. Halbjahr 2026 bei 8,14 Tagen. Das entspricht einem spürbaren Anstieg gegenüber dem 1. Halbjahr 2025 (7,89 Tage), ist aber immer noch weniger als 2022 (10,51 Tage) und 2023 (10,77 Tage).
Gesamte Forderungslaufzeit ist gestiegen, das Volumen nicht
Addiert man das durchschnittliche Zahlungsziel von 32,21 Tagen und die durchschnittliche Verzugsdauer von 8,14 Tagen, ergibt sich für das 1. Halbjahr 2026 eine durchschnittliche Forderungslaufzeit von 40,35 Tagen. Das ist ein Tag mehr als im 1. Halbjahr 2025. Lieferanten mussten also entsprechend länger auf den Zahlungseingang für gelieferte Waren und erbrachte Leistungen warten.
Besonders lange Forderungslaufzeiten zeigen sich derzeit bei Geschäftsbeziehungen mit dem Baugewerbe, den unternehmensnahen Dienstleistern sowie dem Einzelhandel.
Das dabei ausstehende Forderungsvolumen pro Schuldner hat sich allerdings weiter verringert – auch dies ein Krisenindiz. Im 1. Halbjahr 2026 lag es bei 19.564 Euro – rund 4.000 Euro weniger als noch vor zwei Jahren.
Dies dürfte mit der schwachen Konjunktur zusammenhängen. „Das gesamte Transaktionsvolumen ist dadurch zurückgegangen. Gleichzeitig kann diese Entwicklung als Zeichen eines verbesserten Risikomanagements gewertet werden. Die Vergabe von Lieferantenkrediten erfolgt nach strengeren Vorgaben, wodurch besonders risikoreiche Kunden ausgeschlossen werden. Viele Lieferanten konnten auf diese Weise finanziell stabilere Kunden gewinnen“, erläutert Dr. Michael Kresse, Ansprechpartner Vertrieb für DRD.
Die gesamte Entwicklung zeigt, dass Lieferanten und Kreditgeber derzeit Kompromisse eingehen müssen. Sie räumen ihren Kunden mehr Zeit für die Begleichung offener Rechnungen ein. Diese Strategie kann funktionieren, wie die derzeit vergleichsweise geringe Verzugsdauer und die vergleichsweise niedrigen Forderungsbestände zeigen. Allerdings müssen auch Lieferanten und Kreditgeber ihre Liquidität im Auge behalten, damit sie nicht selbst ins Trudeln geraten. Und: Die Lage könnte sich schnell verschlechtern, wenn die Konjunktur nicht bald wieder anspringt.
Quelle:
www.creditreform.de