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Mit mehr Vollzeitkraft zurück in die Zukunft
Großzügige Teilzeitregelungen und ein starres Arbeitszeitgesetz verschärfen den Fachkräftemangel und stellen besonders Mittelständler vor wachsende Herausforderungen. Ein Handelsunternehmer und ein Wirtschaftswissenschaftler beschreiben, was sich ändern muss.

Ruhig fließt das Flüsschen Hase durch Osnabrücks historischen Stadtkern. Dass sich ausgerechnet hier ein Hotspot des Surftourismus in Deutschland etablieren würde, war vor wenigen Jahren noch kaum vorstellbar. Dann eröffnete das angestammte Familienunternehmen Lengermann und Trieschmann (L&T) in Ufernähe sein neues Sporthaus samt Indoor-Surfanlage. Auf einer stehenden Welle, der Hasewelle, können Sportbegeisterte nun mitten in der City surfen.
Es ist ein personalintensiver Behauptungswettbewerb, den L&T mithilfe spektakulärer Einkaufserlebnisse gegen die Onlinekonkurrenz führt. „Wir beschäftigen 487 Mitarbeiter“, sagt Mark Rauschen, CEO und Urenkel des Unternehmensgründers. L&T betreibt vor Ort auch ein Modehaus sowie Gastronomie- und Freizeitangebote. „Unsere Teilzeitquote liegt bei etwa 65 Prozent, knapp 80 Prozent der Mitarbeiter sind Frauen.“ Das entspricht typischen Werten im Einzelhandel – einer mittelständisch geprägten Branche mit hohem Teilzeitanteil und vielen Frauen im Team.
Über alle Wirtschaftsbranchen hinweg, arbeiten in Deutschland aktuell 40 Prozent der Beschäftigten in Teilzeit. Das ist ein historischer Höchstwert, Tendenz weiter steigend. Teile der CDU und der Wirtschaft sehen in der hohen Teilzeitquote einen Grund für den akuten Fachkräftemangel. Im Handel etwa sind aktuell mehr als 100.000 offene Stellen unbesetzt. Den Vorstoß der Mittelstandsunion, deshalb den Rechtsanspruch auf Teilzeit einzuschränken, betrachtet Rauschen differenziert.
„Ein gutes Drittel unserer Mitarbeiter sind in Vollzeit beschäftigt. Es ist für uns wichtig, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Vollzeit und Teilzeit sicherzustellen, um den täglichen Anforderungen, Aufgaben und Öffnungszeiten gerecht werden zu können“, sagt der 51-Jährige. Die Vollzeitkräfte seien die stabilen Säulen im Unternehmen. Auf der anderen Seite sei das Unternehmen froh um die Möglichkeit der Teilzeitbeschäftigung und auch darauf angewiesen, um flexibel Stoßzeiten und saisonale Spitzen auffangen zu können. Die Organisation der Teilzeitarbeit erfordere jedoch planerisches Geschick und Mitarbeiter, die offen für fachübergreifende Aufgaben sind. „Für uns wird es eine Herausforderung, wenn Spezialisten, wie IT-Experten oder Controller, kurzfristig mehr oder weniger arbeiten möchten. Wir versuchen das mit der Bildung größerer Teams in diesen Bereichen aufzufangen, um Know-how und Zugangsberechtigungen auf mehrere Kollegen aus angrenzenden Fachabteilungen zu verteilen“, erklärt Rauschen.
Wachsende Verhandlungsmacht
Seit Inkrafttreten des Teilzeit- und Befristungsgesetzes (TzBfG) im Jahr 2001 müssen Unternehmen prüfen, ob eine vom Arbeitnehmer gewünschte Arbeitszeitreduzierung möglich ist, und eine Ablehnung begründen. „Damals war die Zahl der Arbeitslosen sehr hoch. Der Gedanke der rot-grünen Bundesregierung war darum, mehr Menschen in Beschäftigung zu bringen und insbesondere auch die Erwerbsbeteiligung von Frauen zu erhöhen, denen es etwa aufgrund von Betreuungsverpflichtungen kaum möglich war, am Erwerbsleben teilzunehmen“, sagt Oliver Stettes, Leiter Themencluster Arbeitswelt und Tarifpolitik beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Im Laufe der 2010er-Jahre begann sich der Arbeitsmarkt dann komplett zu drehen: „Die Unternehmen mussten sich nun fragen, wie sie attraktiver werden können für Arbeitnehmer, deren Verhandlungsposition aufgrund des zunehmenden Fachkräftemangels immer stärker wurde.“ So kamen die Unternehmen den Arbeitnehmern bei ihren Arbeitszeitwünschen entgegen und ermöglichten ihnen durch Teilzeit die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. In der Folge steigt die Teilzeitquote bis heute weiter an.
„Kleinere Betriebe haben dabei größere Schwierigkeiten, das Arbeitsvolumen zu halten. Es sei denn, sie schaffen 50-Prozent-Stellen und zwei Personen teilen sich einen Arbeitsplatz. In einem größeren Unternehmen lässt sich die Verteilung des Arbeitsvolumens hingegen deutlich flexibler organisieren“, so Stettes. Wenn wichtige, aufgrund von spezifischer Erfahrung kaum ersetzbare Mitarbeiter ihre Arbeitszeiten um weniger als 50 Prozent dauerhaft oder zeitlich begrenzt reduzieren wollen, drohen insbesondere kleine Unternehmen im Wettbewerb zurückzufallen. Denn geeignete Fachkräfte sind rar und 30-Prozent-Stellen oder Vertretungen wenig attraktiv. Der gesetzliche Rückkehranspruch in Vollzeit verkompliziert die Koordinationsaufgabe zusätzlich. „Wir sollten die Brückenteilzeit deshalb schnell wieder abschaffen“, sagt Stettes. Positiv ist, dass die Teilzeitregelungen zu einer auch im europäischen Vergleich hohen Erwerbsquote bei Frauen in Deutschland beigetragen haben.„Das Problem ist, dass nun die ersten geburtenstarken Baby-Boomer-Jahrgänge in den Ruhestand gehen. Die Anzahl derer, die nachrücken, ist deutlich kleiner. Auf der gesamtwirtschaftlichen Ebene verlieren wir also gewissermaßen Arbeitsstunden“, erklärt Stettes. Die Fachkräftelücke lasse sich durch qualifizierte Zuwanderung allein nicht schließen. „Das heißt, wir müssen uns Gedanken darüber machen, wie wir Menschen dazu motivieren können, mehr und länger zu arbeiten.“ Dafür müssen die Rahmenbedingungen stimmen: Mehrarbeit sollte sich netto mehr lohnen, Sozialversicherungsbeiträge und Abgabenlast müssen daher sinken und die Lebensarbeitszeit muss steigen. „Es stellt sich dabei grundsätzlich die Frage, warum der Gesetzgeber in einen völlig veränderten Arbeitsmarkt noch eingreift und auch denjenigen Menschen einen Rechtsanspruch auf Teilzeit einräumt, deren Arbeitszeitwunsch aus gesellschaftlicher Perspektive nicht zwingend gefördert werden müsste.“
Zukunftschance flexiblere Arbeitszeiten Unternehmer
Rauschen hat auf diese Frage eine klare Antwort: „Der gesetzliche Anspruch auf Teilzeit sollte sich auf wichtige Anlässe konzentrieren, wie etwa die Pflege eines Angehörigen“, sagt Rauschen, der auch ehrenamtlicher Präsident des Spitzenverbands für den Textil-, Schuh- und Lederwareneinzelhandel in Deutschland (BTE) ist und damit für die Branche spricht. Damit mehr Menschen in Vollzeit arbeiten könnten, sei jedoch ein Ausbau der Betreuungsinfrastruktur vonnöten: „Eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist möglich, wenn die Politik den Weg für eine Kinderbetreuung an allen Werktagen bis 20 Uhr freimacht. Und das gilt ausdrücklich auch für Samstage.“
Eine Modernisierung des Arbeitsrechts hat die Politik längst versprochen. „Wir brauchen dringend den Wechsel von der täglichen hin zur wöchentlichen Höchstarbeitszeit, wie im Koalitionsvertrag vereinbart“, fordert Rauschen. Derzeit dürfen Arbeitnehmer werktags nicht mehr als acht Stunden arbeiten und zwischen zwei Arbeitstagen müssen mindestens elf Stunden Pause liegen. Die starren, mit bürokratischen Aufzeichnungspflichten verbundenen Regelungen – eine Besonderheit des deutschen Arbeitsschutzrechts – werfen den Wirtschaftsstandort im internationalen Kampf um Fachkräfte zurück.
„Wir stellen in unseren Untersuchungen fest, dass die Umstellung der gesetzlichen Höchstarbeitszeit von einer täglichen auf eine wöchentliche Basis keine erhöhten Arbeitsschutzrisiken mit sich bringt“, stellt IW-Wissenschaftler Stettes klar. Unter dem Strich bleibt die Gesamtarbeitszeit gleich, die Stundenzahl kann aber flexibler innerhalb der Woche verteilt werden. Laut IW möchten viele Teilzeitbeschäftigte ihre Arbeitszeit selbstbestimmter gestalten und könnten dann auch leichter – den individuellen Lebensumständen entsprechend angepasst – ihre Arbeitsstunden aufstocken. Das würde Wirkung zeigen im Kampf gegen den Fachkräftemangel.
Mittelstand leidet unter Fachkräftemangel
Eine aktuelle Studie des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung (KOFA) zeigt, dass zwischen Juli 2024 und Juni 2025 insgesamt 281.532 Fachkräfte fehlten und 72,3 Prozent aller offenen Stellen von KMU ausgeschrieben wurden.
Während Teilzeitquoten etwa in der Automobilbranche oder im Handwerk deutlich unter dem gesamtwirtschaftlichen Schnitt von knapp 40 Prozent liegen, beträgt der Teilzeitanteil im Einzelhandel mehr als zwei Drittel. In den Pflegeberufen ist eine ähnlich hohe Quote zu verzeichnen. Beide Branchen beschäftigen mehrheitlich Frauen.
Quelle: Magazin "Creditreform"
Text: Ralf Kalscheur
Bildnachweis: Lengermann und Trieschmann (L&T)