Ein bisschen verrückt
Kann ein Erdbeerbauer zum Entertainer einer ganzen Nation werden? Offenbar schon. Robert Dahls Freizeitparks rund um die süße Frucht wachsen in beeindruckender Geschwindigkeit. Dafür sorgt er als Chef, der schnell Lösungen findet. Auch unkonventionelle.

Pfingstsonntag, morgens um sieben, ploppte Robert Dahl eine Nachricht aufs Handy. „Ein Nachbar, den ich nicht kannte, fragte mich, ob ich noch alle Tassen im Schrank habe.“ In einem angehängten Video demonstrierte der Mann, wie Bauarbeiter in einem von Dahls Erlebnis-Dörfern soeben mit einer Motorsäge Balken zurechtschnitten. „Der war ein bisschen angesäuert“, sagt Dahl. „Konnte ich gut verstehen. Ich habe mich entschuldigt und dafür gesorgt, dass das Sägen umgehend stoppt. Kostete mich zwei Whatsappen.“
Die Szene ist typisch für Robert Dahl, gelernter Obstbauer und Chef der „Karls Erlebnis-Dörfer“. Sein Jobprofil bei LinkedIn: „Therapeut, Erdbeerbauer, Erfinder, Hausmeister, Designer, Architekt, Vermittler, immer offen für Neues.“ Im Gespräch fügt er trocken an: „Die Leute finden das, was ich mache, immer ein bisschen verrückt.“ Und in der Tat: Welcher Inhaber eines Unternehmens mit bald 280 Millionen Euro Jahresumsatz und zu Erntezeiten 5.000 Mitarbeitern setzt sich Tag und Nacht solch direktem Feedback aus? Dahl provoziert es geradezu. Er verschickt jedes Jahr 28.000 Briefe an die Anwohner seiner Erlebnis-Dörfer, die rustikalen Freizeitparks gleichen – und unterschreibt mit seiner Handynummer. Man solle ihn bitte kontaktieren, wenn etwas stört.
Probleme? Frag Robert.
Er ist ein Macher und Kümmerer – und findet es völlig in Ordnung, wenn sich der rumänische Erntehelfer nachts aus dem firmeneigenen Wohnheim beschwert, die Dusche in Haus C liefere seit zwei Tagen nur kaltes Wasser. In der Mitarbeiter-App ist ein Knopf mit Dahls Foto installiert: „Frag Robert.“ Der Arbeiter fügte noch hinzu: Er wisse zwar nicht, wer dieser Robert ist, aber das sei ihm auch egal. Wenn Dahl solche Episoden mit norddeutscher Gelassenheit erzählt, offenbart er sein Managementverständnis: Groß denken – und mit Liebe zum Detail handeln. Nahbar und verantwortlich, so will er sein. Man könnte auch das Unternehmerklischee bemühen: „selbst und ständig“. Hier passt es.
Wer auf der Bundesstraße 105 nach Stralsund unterwegs ist, spürt kurz hinter Rostock Robert Dahls gewaltige Magnetkraft: Ein kolossaler Rutschenturm sorgt für einen Aufschrei auf den hinteren Sitzen. LED-Wände in 25 Meter Höhe verheißen Erdbeeren und Schnitzel. Mit Kindern im Auto ist es praktisch unmöglich, nicht in Rövershagen zu stoppen. Parkplätze? Reichlich. Hereinspaziert ins Erdbeer-Dorf, der Eintritt ist frei. Wer wieder raus will, muss durch den riesigen Shop. Wie bei Ikea – mit Erdbeer-Merch statt mit Teelichtern.
Sein Reich hat der Selfmade-man auf der süßen, rot leuchtenden Frucht aufgebaut. Sie lässt sich nicht nur naschen, sondern verarbeiten, veredeln und vermarkten. Wenn man es geschickt anstellt, kommt nicht nur Marmelade raus, sondern Erdbeerbier, Erdbeerseife, Erdbeer-Eierlikör, Erdbeer-Gin, Erdbeer-Kaffee und sogar Erdbeerdöner. Der sei in Berlin „wie eine Bombe eingeschlagen“. Die Soßen haben einen Erdbeer-Twist, den passenden Erdbeer-Ayran schob Dahl schnell nach. Nun steht in seinem Berliner Erdbeerland ein entsprechendes Fahrgeschäft, das einem Dönerspieß nachempfunden ist. Überschläge sind möglich. „Man kann also selbst entscheiden, ob der Döner drinbleibt“, scherzt er.
Dahls Büro in Rövershagen hat ländlichen Holzhaus-Charme, er sitzt mittendrin in seinem Spaßdorf, umgeben von 19 Erdbeerfeldern in einem Zehn-Kilometer-Radius. Auf einem Tisch stapeln sich neue Merchandising-Produkte, die ihm seine Einkaufschefin hingelegt hat. Er entsichert einen batteriebetriebenen „Seifenblubbler“ für 14,95 Euro und lässt aus dem Hut des Maskottchens kleine Blasen aufsteigen. „Wenn sie zerplatzen, riecht es nach Erdbeere.“ Er hält den Plastikstab für „liebevoll gestaltet“, schließlich hat er noch einen leisen Bezug zum Kernprodukt.
Man fragt sich: Wie konnte es so weit kommen? Ein Teil der Antwort ist Charaktersache: „Ich bin immer nur ganz kurz zufrieden“, erklärt Dahl. Ein anderer Teil steht auf einem Tisch, gerahmt, aktuell leicht verdeckt von Colaflaschen. Dahl zieht ihn hervor. Ein handschriftlicher Brief seines Vaters von 1991 mit konkreten Anweisungen: „Aufbau eines Beerenobstbetriebs in Mecklenburg“. Der Businessplan von Vater zu Sohn, mit hochpräzisen Angaben zu Standort, Gerätepark und den nötigen Investitionen. Ein eingeklammerter Satz unter Punkt 2 spornte den Junior besonders an: „Die endgültige Betriebsgröße wird durch die Absatzmöglichkeiten bestimmt.“ Genau nach diesem ehrgeizigen Prinzip führt er den Laden: größer geht immer.
Ein Hobby brauche er nicht, sagt Dahl. „Dieses Unternehmen, das ist wie ein Dauerkrimi.“ Die übernächste Episode schreibt er in Oxnard, einer für Erdbeeren bekannten Stadt in Kalifornien. Pünktlich zu den Olympischen Spielen 2028 eröffne er dort das erste Karls-Dorf in den USA. „Wenn das klappt, hätte ich große Lust, in Amerika mehr zu machen.“ Im August geht er schon einmal mit dem Architekten Axel Stelter auf Tour, prüft Standorte in Florida und in Kanada an den Niagarafällen.
Mit einem Kettler-Klettergerüst aus dem Baumarkt fing die Eventisierung 1993 an. Dahl merkte, dass die Kunden länger bleiben und im Hofladen einkaufen, solange die Kinder Spaß haben. 2007 entdeckte er in Österreich eine Treckerbahn – ein Schlüsselmoment. „Die müssen wir haben.“ Sein erstes Fahrgeschäft kostete zwei Millionen Euro. Für eine Fahrt kassierte er zwei Euro, der Tagespass kostet heute 15,50 Euro. Als er eine Einladung zur Freizeitparkmesse in Las Vegas erhielt, wurde ihm klar: „Das ist ja ein Universum, das auf dich wartet.“
Mehr als nur Obststände
Heute heißen die Fahrgeschäfte bei Karls „Fliegender Kuhstall“ oder „Bettys Beerchen Boomerang“. Es gibt Murmelbahnen, Goldsuchstationen, eine Pfannkuchen-Schmiede, die Rattentaverne, ein Selbstpflückfeld, echte Minischweine und Kaninchen. Inzwischen stellen seine Leute jeden Tag live vor den Augen der Besucher in 26 Manufakturen Produkte her. 9,6 Millionen Menschen haben im vergangenen Jahr einen der damals noch sieben Standorte besucht. Zum Vergleich: Der Europapark Rust kommt auf rund sieben Millionen Besucher.
Ursprünglich ging es nur um den tagesfrischen Verkauf von Erdbeeren – und ein metallener Verkaufsstand in Form einer Erdbeere war das Alleinstellungsmerkmal des Familienbetriebs. „Meine Schwester Ulrike hatte so einen Stand bei einem Schüleraustausch in Wimbledon gesehen.“ Als der Vater Karl-Heinz das Foto sah, karrte er den Stand wenige Tage später über den Ärmelkanal an den Stammsitz in Warnsdorf. Ein Schiffsbauer in Travemünde baute die Stände in Serie – heute hat Karls 486 davon in sieben Bundesländern verteilt. Gut 50 Millionen Euro Umsatz bringt der Verkauf der frischen Früchte.
Auf den Feldern rund um Rövershagen erntet man mehr als 7.000 Tonnen im Jahr. Gerade läuft die Umstellung auf Stellagenkultur, bei der die Beeren ohne jeden Bodenkontakt in 1,30 Meter Höhe wachsen. 3.000 weitere Tonnen seien das Ziel. 70 Lkws verlassen um 22 Uhr Rövershagen, um über Nacht die Stände bis nach Oberfranken zu beliefern.
Dahls größtes Erlebnis-Dorf wächst und wächst seit 2014 in Berlin-Elstal. Er hat die Löwen-Adler-Kaserne bei Potsdam gekauft, ein Areal so groß wie 112 Fußballfelder. Dahl nennt das Projekt „sein Herzstück“. Erst ein Zehntel der Fläche ist bebaut – doch er hat große Pläne, eine halbe Milliarde Euro will er investieren. Bis 2035 baut er hier ein Resort namens „Karls Welt“ mit 4.000 Betten. Übernachtungsgäste aus ganz Europa sollen kommen.
Neue Standorte geplant
Eine Countdown-App zeigt Dahl auf dem Smartphone alle Projekte. Seinen Computer hat er abgeschafft, er wollte sich ungebunden fühlen, mobile Endgeräte reichen ihm. „Noch 393 Tage“, sagt er, ohne auf die App zu blicken. „Dann eröffnet unser Bibi-und-Tina-Freizeitpark in Berlin.“ Insgesamt 30 Gebäude sollen im Sommer 2027 fertig sein, er investiert 47 Millionen Euro in einen Themenpark „mit krassen Rides“ samt Hotel mit 92 Familiensuiten. An die Lizenzrechte kam er per Zufall, als er in einem Meetingraum des Berliner Verlags Kiddinx die Pferdeposter sah – und einfach einmal in die Runde fragte: „Wieso gibt es eigentlich keinen Bibi-und-Tina-Freizeitpark?“ Achselzucken. „Lasst mich das machen!“
In einer eigenen Projektentwicklungsfirma namens „Karls Fun Factory“ planen 44 Leute „wie wild“ die neuen Standorte. Dahl rollt die Republik von Norden nach Süden auf. Erklärtes Ziel: In ganz Deutschland solle jeder mit nur einer Stunde Fahrzeit eines seiner Erlebnis-Dörfer erreichen können. Neun Jahre lang sei er schuldenfrei gewesen. „Es war für mich ein Sport, nur aus dem Cashflow zu wachsen“, sagt er.
Die Zahlen im Griff
Jetzt aber, mit 55 Jahren, hat er sich entschieden, Bankkredite aufzunehmen. „Ich will noch mal beschleunigen.“ Darlehen zu bekommen, sei für das eigentümergeführte Unternehmen nicht schwer gewesen. „Die wollten uns mit Geld überschütten.“ Kein Wunder: Die Umsatzrenditen liegen je nach Geschäftszweig laut Dahl „zwischen 10 und 35 Prozent“.
Trotz der lockeren Sprüche: Seine Zahlen hat Dahl im Griff. Jeden Morgen um fünf Uhr bekommt er eine Whatsapp-Nachricht, in der er sich die letzten 24 Stunden detailliert berichten lässt. Die Nachricht zeigt nicht nur den Umsatz der Geschäftsbereiche. „Wenn ich will, kann ich das runterblättern bis zur letzten Würstchenbude im Vergleich zum Vorjahr mit der entsprechenden Lohnkostenquote.“ Wichtig ist ihm auch das Kundenurteil: Alle Internet-Rezensionen des Vortags lässt er sich von einer KI aufbereiten. „Schnitzel kalt, Cola warm, Parkplatz zu eng“ – solchen Dingen geht er dann persönlich nach.
Sportroutine gegen Stress
Aktuell liegt sein Augenmerk auf dem Ruhrgebiet. Am 15. Juli eröffnet er in Oberhausen, direkt am Rhein-Herne-Kanal neben dem Einkaufstempel „Centro“, ein Erlebnisdorf. Eine Firma aus dem Sauerland hat ein Fahrgeschäft namens Curryversum konzipiert. „Man hoppelt da auf Würsten sitzend durch und landet am Ende in einem Restaurant Pommes-Schranke.“ Dazu wurde ein Lied komponiert. Er liebe die pragmatische Mentalität im Pott, sagt er. „Auch die Stadtverwaltung in Oberhausen sagt öfter Ja als Nein.“ Seine Frau Stephanie stammt aus Bochum. Da er vor der Eröffnung viel Zeit in Oberhausen auf der Baustelle verbringt, hat er sich für vier Wochen ein Airbnb gemietet.
Gerade wenn der Stresslevel steigt, will Dahl auf seine „kleine Sportroutine“ nicht verzichten. 30 Minuten am Tag, konsequent. „Ich habe mein Team gebeten, mir eine Yogamatte, ein paar Gewichte und meine Eiswanne nach Oberhausen zu bringen.“ Er will nicht überdrehen. „Ich bin trotz meines Ehrgeizes reflektiert genug, um mich über Meditation und Eisbaden ein bisschen im Griff zu behalten.“
In Lappland stieg er dieses Jahr mit dem Extremsportler und Atemexperten Wim Hof bei minus fünf Grad halbnackt drei Stunden lang auf einen Berg. Ein Selbsterfahrungstrip mit Symbolkraft: „Die Fähigkeit, Angst auszuschalten, brauchst du auch im Business.“
Quelle: Magazin "Creditreform"
Text: Stefan Merx
Bildnachweis: Robert Dahl