Creditreform Wirtschaftsnews

Jedes fünfte Industrieunternehmen verschwunden: Deutschland verliert seinen Kern

Der Strukturwandel im Mittelstand ist in vollem Gange. Auffällig: Im Verarbeitenden Gewerbe sank die Zahl der Unternehmen in den vergangenen 15 Jahren um fast 20 Prozent. Das zeigt eine Sonderauswertung im Rahmen der Frühjahrsstudie der Creditreform Wirtschaftsforschung zur Wirtschaftslage im Mittelstand.

Deutschland erlebt einen stillen Umbau seiner mittelständischen Wirtschaftsstruktur. Industrie und stationärer Handel verlieren seit Jahren an Substanz, während Dienstleistungen, Spezialisierung und personenbezogene Tätigkeiten wachsen. Dies zeigt eine Sonderanalyse im Rahmen der Frühjahrsstudie der Creditreform Wirtschaftsforschung zur Wirtschaftslage im Mittelstand.[1]

Die Fakten sind eindeutig: Im Verarbeitenden Gewerbe ist die Zahl der Unternehmen zwischen 2010 und 2024 um nahezu ein Fünftel gesunken. Sein Anteil an der Gesamtwirtschaft lag 2024 nur noch bei 6,6 Prozent – 2010 waren es noch 7,8 Prozent.

Besonders stark ist der Rückgang im Bereich „Herstellung von Druckerzeugnissen, Vervielfältigung von Ton-, Bild- und Datenträgern“. Hier nahm die Zahl der Unternehmen um 42 Prozent ab. Es folgen „Metallerzeugung und -bearbeitung“ mit minus 35 Prozent sowie „Herstellung von Bekleidung“ mit minus 31 Prozent.

Dienstleistungssektor gewinnt an Bedeutung

Der Strukturwandel verläuft zulasten der Industrie. Dafür hat der Dienstleistungssektor weiter an Bedeutung gewonnen. Sein Anteil stieg zwischen 2010 und 2024 um 2,3 Prozentpunkte auf 60,3 Prozent. Auch die sonstigen Wirtschaftsbereiche – zum Beispiel „Energieversorgung und Abfallwirtschaft“ – verzeichneten einen deutlichen Anstieg des Unternehmensbestandes und verdoppelten sich fast von 1,8 auf 3,2 Prozentpunkte.

Besonders stark expandiert haben in den vergangenen Jahren neben der Energieversorgung die Hausmeisterdienste mit einem Plus von 1,6 Prozentpunkten und das Grundstücks- und Wohnungswesen mit einer Zunahme von 1,2 Prozentpunkten. Treiber dieser Entwicklung waren unter anderem die Digitalisierung, politische Maßnahmen, wie der Ausbau der Erneuerbaren Energien, sowie Spezialisierungstrends.

Mittelständischer Handel geht deutlich zurück

Die Zahl der Betriebe im Groß- und Einzelhandel sank hingegen deutlich um 16 Prozent. Während im Jahr 2010 noch 21 Prozent aller Unternehmen dem Handel zuzuordnen waren, lag dieser Anteil 14 Jahre später nur noch bei 18 Prozent. Diese Entwicklung dürfte sich fortsetzen.

Untersuchungen des Handelsverbandes Deutschland (HDE) bestätigen den Trend. Im Frühjahr hatte der HDE seine aktuelle Prognose zur Entwicklung des Handels in den Innenstädten vorgelegt.[2] Demnach verlieren wir in Deutschland jährlich mindestens 4.500 Geschäfte oder mehr. Während der Corona-Jahre habe der Wert teilweise sogar bei über 11.000 gelegen. Im Laufe des Jahres 2026 werden dem HDE zufolge weitere 4.900 Geschäfte in Deutschland verloren gehen. Neueröffnungen sind bereits gegengerechnet, die Zahl der Geschäfte, die dauerhaft schließen, liegt also sogar noch höher. Erstmals könnte die Zahl der Geschäfte in Deutschland damit bis zum Jahresende auf unter 300.000 sinken. Vor zehn Jahren seien es noch knapp 367.000 gewesen. Innerhalb einer Dekade ist also ungefähr ein Fünftel der Ladenlokale verschwunden.

Hier vollzieht sich kein normaler Strukturwandel. Die signifikante Veränderung im Handel geht vielmehr auf eine disruptive Veränderung durch Digitalisierung und verändertes Verbraucherverhalten – insbesondere seit der Corona-Pandemie – zurück. Das Geschäftsmodell der großen Ketten und Internet-Plattformen fördert die Marktkonzentration und verdrängt den mittelständischen Handel.

Dienstleistungen können Industrie-Rückgang nicht kompensieren

Das Problem: Mit dem Rückgang des Industrie-Sektors nimmt eine Branche an Bedeutung ab, die traditionell für Produktivitätsfortschritt, Innovation und Exportstärke steht. Die wachsenden Dienstleistungen können das nicht kompensieren, sie sind häufig kleinteiliger und weniger skalierbar. Dies deutet auf eine Verschiebung zu weniger dynamischen Wachstumsquellen hin.

Quellen:
www.creditreform.de
https://einzelhandel.de/presse/aktuellemeldungen/15122-schlechte-nachrichten-fuer-die-innenstaedte-hde-prognose-fuer-2026-einzelhandel-in-deutschland-verliert-4900-geschaefte

 


[1] Die Hauptuntersuchung haben wir im Mai-Newsletter vorgestellt.

[2] Siehe Bericht im April-Newsletter.



Pressekontakt Regional

Nadja Wolf-Fischer
Social-Media und Marketing Managerin

Tel.: +49 89 189293-661
n.wolf-fischer@muenchen.creditreform.de

Pressekontakt

Patrik-Ludwig Hantzsch
Pressesprecher
Leiter Wirtschaftsforschung

Tel.: +49 (0) 21 31 / 109-172
p.hantzsch@verband.creditreform.de
Twitter: @PtrkLdwg