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Unsere Innenstädte verlieren ihr Gesicht

2025 erreichten die Insolvenzen im Einzelhandel ein 10-Jahres-Hoch. Gleichzeitig ist der Online-Anteil etwa im Bekleidungsmarkt innerhalb von fünf Jahren von 21,4 auf 28,3 Prozent gestiegen. Das hat spürbare Folgen für den stationären Handel und die Innenstädte, wie eine neue Analyse von Creditreform und dem Handelsblatt Research Institute zeigt.

Der deutsche Einzelhandel steckt mitten in einem historischen Strukturbruch. Während Onlineplattformen, Discounter und große Filialisten Marktanteile gewinnen, geraten viele kleine und mittelständische Händler wirtschaftlich an ihre Grenzen. Besonders in den Innenstädten wird dieser Wandel sichtbar: Fachgeschäfte verschwinden, Leerstände nehmen zu und die Vielfalt des stationären Handels geht verloren.

Der Einzelhandel zählt zu den am stärksten schrumpfenden Wirtschaftsbereichen in Deutschland. Die Zahl der Einzelhandelsbetriebe insgesamt ist zwischen 2010 und 2025 um rund 16 Prozent auf 316.310 gesunken. Vor allem kleine, inhabergeführte Geschäfte verschwinden zunehmend. Konzentrationsprozesse und Geschäftsaufgaben insbesondere im stationären Handel beschleunigen den Strukturwandel. Während es im Jahr 2010 in Deutschland noch über 236.000 kleine Einzelhandelsgeschäfte mit Jahresumsätzen von unter 250.000 Euro gab, waren es 15 Jahre später nur noch knapp 171.000 – ein Rückgang von fast 30 Prozent. Im gleichen Zeitraum verdoppelte sich die Zahl der Einzelhandelsunternehmen mit Umsätzen von über 25 Millionen Euro.

Zugleich stieg der Anteil des Versand- und Onlinehandels etwa im Bekleidungsmarkt binnen sechs Jahren um ein Drittel und erreichte 2024 über 19 Mrd. Euro, während der Textilfachhandel mit 36 Mrd. Euro rund eine Milliarde weniger umsetzte als 2018. Dies zeigt eine aktuelle Untersuchung von der Creditreform Wirtschaftsforschung und dem Handelsblatt Research Institute.

Insolvenzen steigen weiter an

Gleichzeitig geraten immer mehr Einzelhandelsbetriebe in akute Not. Insgesamt gab es im Einzelhandel im Jahr 2025 rund 2.440 Insolvenzen – ein Anstieg von etwa neun Prozent gegenüber dem Vorjahr. Damit setzte sich der Negativtrend fort. Bereits 2024 war die Zahl der Insolvenzen im Einzelhandel um fast 20 Prozent gestiegen. Überdurchschnittlich stark betroffen waren zuletzt unter anderem der Buchhandel, der Einzelhandel mit Back- und Süßwaren sowie der Textileinzelhandel. Es verschwinden nicht nur einzelne schwache Anbieter, vielmehr stehen ganze Geschäftsmodelle infrage – vom klassischen Warenhaus bis zum mittelgroßen Modefilialisten.

Die Branche steht seit Jahren unter enormem Transformations- und Wettbewerbsdruck. Inflation, Kaufzurückhaltung und steigende Betriebskosten haben die wirtschaftliche Substanz vieler Händler zusätzlich geschwächt. Gerade kleinere und mittelständische Unternehmen verfügen kaum noch über finanzielle Puffer. In vielen Fällen sinkt die Ertragskraft und schwinden die Eigenmittel, während Verbindlichkeiten und Zahlungsstockungen zunehmen und sich die Bonität verschlechtert. Gerade im Textil- und Bekleidungshandel ist der Bonitätsindex deutlich schlechter als im Durchschnitt aller Branchen. Die Studie von Creditreform und HRI dokumentiert diesen Verschleißprozess. Viele Händler haben die Pandemie, die Inflation, steigende Energie- und Personalkosten und die Kaufzurückhaltung nur knapp überstanden. Nun geben viele sprichwörtlich ihr letztes Hemd heraus und dann ist Schluss.

Die Innenstädte verändern sich grundlegend

Parallel zum Strukturwandel im Einzelhandel verändern sich auch die deutschen Innenstädte grundlegend. Lange Zeit galten sie als zentraler Treffpunkt des städtischen Lebens – ein Raum für Einkauf, Begegnung und Aufenthalt. Heute prägen vielerorts Geschäftsschließungen, Leerstände sowie Debatten über Mobilität und Aufenthaltsqualität das Bild.

Zugleich verlieren klassische Einkaufsfunktionen an Bedeutung, während Gastronomie, Dienstleistungen, Freizeit- und Erlebnisangebote wichtiger werden. Viele Kommunen reagieren inzwischen mit neuen Nutzungskonzepten, Umgestaltungen öffentlicher Räume sowie einer stärkeren Mischung aus Handel, Wohnen und Freizeit.

Dennoch bleiben Leerstände, sinkende Kundenfrequenzen und der Wegfall großer Frequenzbringer wie Warenhäuser für zahlreiche Innenstädte eine erhebliche Herausforderung. Jeder dieser Faktoren zeigt: Die klassische Einkaufsinnenstadt funktioniert vielerorts nicht mehr. Wer Frequenz zurückholen will, muss Menschen wieder Gründe geben, überhaupt in die Innenstädte zu kommen. Der Handel allein kann die Zentren künftig nicht mehr tragen. Erfolgreich werden vor allem Städte sein, die Einkauf, Freizeit, Gastronomie und Wohnen intelligent miteinander verbinden. Diese Kombination wird zu einem zentralen Erfolgsfaktor für die Innenstädte werden. Auf Ebene der einzelnen Unternehmen geht es um intelligente Kooperationen etwa zwischen Geschäften, Cafés, kulturellen Einrichtungen und anderen Innenstadtakteuren. Zudem wird das Thema Aufenthaltsqualität ein immer wichtigerer Standortfaktor werden.

Und schließlich gilt: Leerstände dürfen nicht zum Dauerzustand werden. Es braucht mehr Pop-up-Konzepte, Zwischennutzungen, temporäre Ausstellungen und kulturelle Experimentierräume. Das alles senkt die Einstiegsbarrieren.

Quellen:
www.creditreform.de
https://research.handelsblatt.com/



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