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Creditreform Magazin

ESG: Creditreform unterstützt den Mittelstand

Nachhaltigkeit gewinnt massiv an Bedeutung. Viele Unternehmen fragen sich, was ESG für sie im unternehmerischen Alltag bedeutet – und wie sie neuen Anforderungen möglichst gerecht werden können. Welche Services Creditreform entwickelt, berichten Bernd Bütow, CEO von Creditreform, und Dr. Benjamin Mohr, Chefvolkswirt der Creditreform Rating AG.

Herr Dr. Mohr, viele Vorgaben zur Nachhaltigkeitsberichterstattung müssen Unternehmen bereits heute oder ab 2024 umsetzen. Wie sehr drängt die Zeit?

Benjamin Mohr: Mitte Juni haben der Rat und das Europäische Parlament eine vorläufige politische Einigung über die Richtlinie für die Nachhaltigkeitsberichterstattung von Unternehmen (CSRD) erzielt. Deren Anwendung erfolgt ab 2024 in drei Stufen. Unternehmen müssen sich frühzeitig vorbereiten und Vorkehrungen treffen. Denn die meisten Daten, über die sie berichten sollen, müssen sie schon im vorherigen Geschäftsjahr erheben. Zwar sind kleine Unternehmen erst ab 2026 zur Berichterstattung verpflichtet, doch sie müssen sich umso mehr einarbeiten und sollten genug Vorlaufzeit einplanen.

Creditreform ist Auskunfts- und Inkassodienstleister. Warum beschäftigen Sie sich mit dem Thema ESG-Nachhaltigkeit?

Bernd Bütow: Creditreform ist für Bonitätsauskünfte bekannt – also Antworten auf die Fragen, ob ein Unternehmen zahlungsfähig ist, ob ein Kunde auch künftig seine Rechnungen bezahlt. Das kann man als „ökonomische Nachhaltigkeit“ bezeichnen. Neben den heute elementaren Faktoren zur Bonitätsbewertung von Unternehmen werden künftig auch ESG-Informationen bonitätsrelevant sein. Als Marktführer im B2B-Auskunftsmarkt beschäftigen wir uns deshalb laufend mit der neuen Verordnungslage im Bereich Nachhaltigkeit.

Sie betrachten ESG also als neuen Bereich der Wirtschaftsinformation? 

Bernd Bütow: Genau. Wobei wir uns dazu entschieden haben, einen evolutionären Ansatz zu verfolgen. Wir nähern uns der Bewertung von Nachhaltigkeitsdaten in mehreren Schritten – von der Branche in unserem Score 1, über eine unternehmensindividuelle Bewertung mithilfe von Branchendaten in Kombination mit bestehenden Creditreform-Daten im Score 2, bis hin zur expliziten Erhebung von ESG-Daten bei einzelnen Unternehmen in der dritten Stufe, Score 3.

Und wo stehen Sie gerade bei dieser Evolution?

Benjamin Mohr: Die ersten zwei Scores sind etabliert, sowohl für die Finanzwirtschaft als auch für Unternehmen. Damit können wir etwa das Portfolio einer Bank analysieren und die ESG-Performance aller Branchen darin miteinander vergleichen. Dort fließen Indikatoren wie CO2-Emissionen, Energie- und Wasserverbrauch (E), aber auch Arbeitsunfälle und die Fluktuation der Beschäftigten (S) sowie die Unabhängigkeit der Kontrollorgane oder die Anzahl der Beteiligungen am Unternehmen (G) mit ein. Die Daten für den Score 1 stammen aus mehr als 9.000 öffentlich verfügbaren Nachhaltigkeitsberichten großer Unternehmen sowie internationalen Quellen wie der EU oder der OECD. Damit bildet dieser Branchenscore den Ausgangspunkt für die Bewertung einzelner Unternehmen im Score 2, bei dem wir weitere Faktoren aus der Creditreform Datenbank hinzunehmen, etwa den Standort eines Unternehmens und die damit verbundenen Klimarisiken, Pendlerdaten oder das Alter der Geschäftsführung.

Das heißt, Sie können heute schon eine Aussage über die Nachhaltigkeit eines beliebigen Unternehmens machen? 

Bernd Bütow: Ja, in der zweiten Entwicklungsstufe erlaubt unser ESG-Score eine individualisierte Aussage zur Nachhaltigkeit von nahezu allen wirtschaftsaktiven Unternehmen in Deutschland. Aber das ist noch nicht die finale Anwendung, an die wir denken. Wir schauen immer darauf, was der Markt gerade benötigt: Da ist auf der einen Seite die Finanzwirtschaft, die ihr bestehendes Kredit- oder Leasingportfolio unter ESG-Gesichtspunkten analysieren möchte. Und auf der anderen Seite sehen wir eine Nachfrage von größeren Unternehmen, die zum Beispiel wissen möchten, wie die Unternehmen in ihrer Lieferkette in Sachen Umwelt, Soziales und Governance aufgestellt sind. Aktuell planen wir, weitere Nachhaltigkeitsdaten durch die Befragung von Unternehmen zu erheben.

Mit welchem Ziel?

Bernd Bütow: Unser Ziel ist es, im Score 3 jedes Unternehmen in Deutschland so individuell wie möglich nach ESG-Kriterien zu bewerten. Dafür entwickeln wir einen Fragebogen, der in einem Pilotprojekt mit Kunden von mehreren Vereinen Creditreform getestet wird. Die Herausforderung ist, dass jeder Unternehmer die Fragen ohne externe Hilfe beantworten können sollte. Wir sprechen ja ganz bewusst auch kleine und mittlere Unternehmen an – und denen möchten wir erklären, was wir da wissen wollen und warum. Das Ziel der Pilotphase ist nicht primär das Erheben von Daten, sondern das Sammeln von Erfahrungen im Umgang mit der Datenerhebung: Welche Datenpunkte können wir bei Unternehmen überhaupt erheben, wo müssen wir Hilfestellungen geben? Wie zeitaufwendig ist das und wie können der Fragebogen und seine Datenstruktur optimiert werden. 

Sie arbeiten dabei auch mit ISS ESG zusammen, einer internationalen Ratingagentur für ESG-Themen. Welches Know-how steuern sie bei? 

Benjamin Mohr: Sie helfen uns unter anderem dabei, die Hilfestellungen zur Beantwortung der Fragen zu entwickeln. Darüber hinaus gibt ISS wichtiges Feedback und spiegelt uns, dass das, was wir entwickeln, absolut State of the Art und das Fundament für eine stichhaltige Beurteilung der Nachhaltigkeit von Unternehmen ist. Insofern bin ich überzeugt, dass wir mit unserem Fragebogen den richtigen Ton treffen und damit auch standardsetzend sein werden.

In der öffentlichen Diskussion liegt der Fokus stark auf den Klima- und Umweltfaktoren. Wie wichtig sind die Bereiche Soziales und Governance? 

Benjamin Mohr: Mit der Taxonomie-Verordnung gewinnt die Transformation der Wirtschaft hin zu einer umfassenden Nachhaltigkeit an Dynamik. Der europäische Green Deal hat die Klimaneutralität in Europa bis zum Jahr 2050 zum Ziel. Von daher dürfte der Paramater des CO2-Ausstoßes für die Unternehmen schon eine hervorgehobene Bedeutung haben. Und auch Kunden werden ihre Lieferanten in Zukunft danach fragen, wie es um deren CO2-Ausstoß steht. Allerdings ist Nachhaltigkeit ein viel weiteres Feld. Deswegen bewerten wir E, S und G gleichwertig, so wie es die EU auch vorgibt. Die Qualifikation der Mitarbeiter und des Managements oder ein häufig wechselndes Management – auch diese Aspekte, ebenso Fragen zur Stabilität der Führung und der Gleichberechtigung, gehen in den ESG-Score von Creditreform ein. 

Schon heute veröffentlichen größere Unternehmen freiwillig Nachhaltigkeitsberichte. Wird ein solcher Bericht oder ein ESG-Reporting schon bald für Bankgespräche erforderlich sein – als Ergänzung zur bekannten BWA?

Benjamin Mohr: Die Nachhaltigkeitsberichte, die derzeit veröffentlicht werden, werten wir für den ESG-Score bereits konsequent aus. Neben dem Jahresabschluss und unterjährigen Geschäftszahlen, also neben den klassischen Finanzdaten, werden künftig Daten über den CO2-Ausstoß, über die Gleichberechtigung, über Weiterbildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen der Belegschaft, über die Gesundheits- oder Umweltschädlichkeit von Produkten bei der Finanzkommunikation enthalten sein. Ja, neben einer klassischen Jahresabschlussanalyse wird auch die Analyse von Nachhaltigkeitsberichten künftig relevant.

Welche nächsten Schritte empfehlen Sie nun Unternehmern vor dem Hintergrund der aktuellen Regulierungen auf europäischer Ebene?

Bernd Bütow: Perspektivisch werden alle Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitern eine nicht-finanzielle Erklärung im Lagebericht erstellen müssen. Diese Unternehmen müssen auch ihre Lieferanten bezüglich deren ESG-Faktoren befragen. Deswegen sollten alle Unternehmen ihre Kunden dahingehend analysieren, welche Betriebe mehr als 250 Mitarbeiter haben. Um auch künftig diese Unternehmen als Kunden zu behalten, müssen sie sich darauf einstellen, Fragen zu unterschiedlichsten ESG-Faktoren zu beantworten. Über den Fragebogen von Creditreform können unsere Mitglieder schon jetzt einen Eindruck bekommen, welche Fragen zum ESG-Komplex mutmaßlich beantwortet werden müssen und welche Messungen, Datenerhebungen und Datenbeschaffungen hierfür erforderlich sind.

Für Verbraucherprodukte gibt viele Siegel und Zertifikate über die Einhaltung von wie auch immer definierten Nachhaltigkeitsvorgaben. Wird es auch formale ESG-Zertifikate für Unternehmen geben?

Bernd Bütow: Das ganze Finanzsystem ist darauf angewiesen, Transparenz in Bezug auf ESG-Nachhaltigkeit herzustellen. Gleichwohl müssen die Aussagen überprüfbar sein. Deshalb sehen wir Creditreform-ESG-Zertifikate zur Auszeichnung von ESG-Nachhaltigkeit als wichtigen Bestandteil unserer Produktentwicklung: Was wir bis zum Jahresende etablieren möchten, ist, dass wir Unternehmen auf Basis einer Befragung mit einem EcoZert, ähnlich zu unserem Bonitätszertifikat CrefoZert, für besonders nachhaltiges Handeln auszeichnen.


Quelle: Magazin "Creditreform"
Text: Christian Raschke



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