Anschlag auf den deutschen Mittelstand?
Liebe Leserinnnen und Leser,
die Diskussion um eine Reform der Erbschaftssteuer gewinnt weiter an Schärfe – und sie trifft einen wunden Punkt des deutschen Mittelstands. Die Vorschläge der SPD, die Verschonung von Betriebsvermögen faktisch abzuschaffen und durch einen Freibetrag von fünf Millionen Euro zu ersetzen, stoßen auf massive Kritik aus der Wirtschaft. Hinzu kommen Überlegungen, Sozialversicherungsbeiträge auf Mieteinnahmen und Kapitalerträge zu erheben. In Summe entsteht der Eindruck: Der Zugriff auf unternehmerische Substanz rückt näher.
Im Kern geht es um eine fundamentale Fehlwahrnehmung. Fünf Millionen Euro mögen auf dem Papier nach Großvermögen klingen, in kapitalintensiven Branchen sind solche Werte jedoch schnell erreicht – allein durch Betriebsgrundstücke, Maschinen oder Fuhrparks. Ein einzelner Spezialkran kann bereits einen substanziellen Teil dieses Freibetrags aufzehren. Das ist kein „Luxusvermögen“, sondern produktives Betriebsvermögen – gebundenes Kapital, das Arbeitsplätze, Ausbildungsplätze und die regionale Wertschöpfung trägt.
Besonders kritisch bewertet wird, dass nach den vorliegenden Überlegungen das bisher zentrale Kriterium der Erbschaftsteuer – der langfristige Erhalt von Arbeitsplätzen – an Bedeutung verlieren soll. Ausgerechnet in einer Phase, in der sich die wirtschaftliche Lage zuspitzt und Insolvenzen auf hohem Niveau verharren, würde damit ein bewährtes Stabilisierungselement geschwächt. Steuerstundungen ändern daran wenig: Sie verschieben Liquiditätsabflüsse, beseitigen sie aber nicht. In wirtschaftlich angespannten Zeiten fehlt genau diese Liquidität für Investitionen, Transformation und Wettbewerbsfähigkeit.
Hinzu kommt die Unsicherheit über mögliche neue Steuersätze. Wenn Freibeträge sinken und gleichzeitig keine klare Begrenzung der Belastung erfolgt, wächst die Sorge vor substanzgefährdenden Steuerlasten bei Unternehmensnachfolgen. Planungssicherheit sieht anders aus. In einem Umfeld aus hoher Bürokratie, steigenden Energiekosten und einer ohnehin rekordverdächtigen Steuer- und Abgabenquote verstärken solche Debatten die Verunsicherung im Mittelstand – mit unmittelbaren Auswirkungen auf Investitions- und Nachfolgeentscheidungen.
Die Überlegungen zu zusätzlichen Abgaben auf Mieteinnahmen und Kapitalerträge fügen sich in dieses Bild ein. Viele Unternehmer sichern Altersvorsorge, Risikostreuung und Eigenkapitalbasis über genau diese Instrumente. Eine weitere Belastung würde die Eigenkapitalbildung erschweren – und damit die Krisenresilienz schwächen. Die entscheidende Frage lautet daher: Wie viel zusätzliche fiskalische Belastung verträgt der Standort Deutschland noch, ohne dass Investitionszurückhaltung, Standortverlagerungen oder beschleunigte Marktbereinigungen die Folge sind? Steuerpolitik, die an die Substanz geht, ist in einer Phase struktureller Schwäche ein riskantes Signal.
Zu unseren Themen: Der aktuelle Zahlungsindikator zeigt zwar kürzere Verzugsdauern, zugleich aber längere Zahlungsziele. Die Forderungslaufzeit bleibt damit hoch – rund 40 Tage Vorfinanzierung sind weiterhin Realität. Sinkende Rechnungswerte belegen den Investitionsknick. Parallel steigt die Zahl der Großinsolvenzen deutlich, vor allem in industrienahen Branchen. Eine Entspannung ist nicht absehbar. Am Ende wagen wir den Blick in die große Welt: Davos ist kein Schaulaufen der Eliten, sondern ein Frühwarnsystem für wirtschaftliche Machtverschiebungen. Dort wird sichtbar, wie stark Geoökonomie, Zölle, Handelsblöcke und strategische Allianzen Investitionsentscheidungen künftig prägen – Entwicklungen, die unmittelbar auf Auftragslage, Lieferketten und Finanzierungskosten mittelständischer Unternehmen durchschlagen. Wer exportiert, Vorprodukte bezieht, Fachkräfte sucht oder Investitionen plant, ist von diesen Weichenstellungen direkt betroffen. Für den Mittelstand geht es daher nicht um Glamour, sondern um Marktchancen, Resilienz und die Frage, unter welchen Regeln künftig gewirtschaftet wird.
Ich wünsche Ihnen eine inspirierende Lektüre!
Ihr
Patrik-Ludwig Hantzsch