Diese Maschine darf nicht stillstehen
Wissen, Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit bedingen sich gegenseitig – wie bei einer Maschine, deren Teile ineinandergreifen. Wir zeigen, wie der Mittelstand die Innovationsmaschine am Laufen halten kann.

Jeder zweite Euro, den der Mittelständler Stiebel Eltron einnimmt, kommt von einem Kunden im Ausland. 1924 erfand Firmengründer Dr. Theodor Stiebel den Ringtauchsieder zum Erhitzen von Wasser, später mischte die Holzmindener Firma den Markt mit fortschrittlicher Haustechnik auf und heute ist sie weltweit Innovationsführer bei Wärmepumpen, Lüftungsanlagen und elektrischer Warmwasserbereitung mit einem Umsatz von 954 Millionen Euro. „Wir haben auf den internationalen Märkten nur eine Chance, wenn wir innovativer sind als andere“, sagt Geschäftsführer Martin Repschlaeger. Stiebel Eltron schaffe es, den Installateuren weltweit immer wieder neue Lösungen anzubieten, die einen bestimmten Arbeitsablauf verbessern und Fragen beantworten, „die von den Partnern noch gar nicht gestellt wurden“. Den ausländischen Konkurrenten oft einen Schritt voraus sei sein Team, „weil wir unseren Kunden sehr genau zuhören“. Diese Wettbewerbsstärke basiere auf „tiefsitzendem technischen Wissen, langjähriger Erfahrung und dem Mut, Neues zu wagen“.
Der Konkurrenzkampf mit den USA und China ist hart. Die Europäische Investitionsbank sieht eine Chance: „Die Zukunft Europas hängt von seiner Innovationsfähigkeit ab.“ Vorbilder sind Deutschlands Hidden Champions. Etwa 1.500 mittelständische Unternehmen gibt es, die in ihrer Nische Weltmarktführer sind, besser performen als ihre ausländischen Konkurrenten und basierend auf ihrem Spezialwissen sehr erfinderisch sind. Das Adressbuch reicht von A wie August Mink, Spitze bei technischen Bürsten für Reinigungs- und Förderanlagen, bis Z wie Carl Zeiss, führend in der Optik und Optoelektronik. Zu dieser Elite gehören auch die Lürssen-Werft in Bremen-Vegesack, deren Yachten zu den Besten der Besten gehören, Herrenknecht im baden-württembergischen Schwanau, Anbieter maschineller Tunnelbohrtechnik, Krones im bayerischen Neutraubling, mit 40 Prozent Weltmarktanteil Champion bei Anlagen für Abfüll- und Verpackungstechnik, und Wilo in Dortmund, Hersteller von Pumpensystemen für die Heizungs-, Kälte- und Klimatechnik.
Klein, aber fein – und erfolgreich
Die meisten mittelständischen Champions haben ihr Business frühzeitig internationalisiert und investieren viel in Forschung und Entwicklung. „Ihr enormes Wissen ist die Basis ihres Erfolges und zugleich Ausgangspunkt für kontinuierliche Innovation“, sagt Hartmut Rauen, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA). In keiner anderen Industrie sei der Zusammenhang von historisch gewachsenem Know-how, Innovation und Markterfolg so unmittelbar spürbar. Getragen werde die Stärke der Unternehmen auch durch die „exzellente Ingenieursausbildung und erstklassige Facharbeiterausbildung“. Um diese Kombination werde Deutschland weltweit beneidet. Dass 86 Prozent der rund 6.000 Betriebe der Branche in Deutschland weniger als 250 Beschäftigte haben, liege „an der geringen Skalierungsfähigkeit aufgrund der hohen Spezialisierung“. Die Betriebe sind klein, aber fein – und erfolgreich. Ihre Exportquote liegt im Schnitt bei 83 Prozent.
An der Spitze mit 130 Patenten
Auch in anderen Branchen gibt es Top-Betriebe, deren Klasse auf Wissen und Innovationskraft basiert. Beispiel: Steinway & Sons. Der Name der 170 Jahre alten Hamburger Klavierbaufirma hat bis heute weltweit einen guten Klang. Dem Unternehmen ist es gelungen, aus einer Traditionsmarke, die schon Mitte des 19. Jahrhunderts für deutsche Handwerkskunst und Präzision stand, einen Anbieter auch digitaler Produkte zu formen.
Ein Meilenstein der Transformation war im Jahr 2019 die Einführung des Spirio, eines hochauflösenden Selbstspielsystems, das Live-Darbietungen detailgetreu reproduziert. „Über Sensoren erfasst die Technik, wie ein Flügel gespielt wird“, erläutert Vice President Guido Zimmermann. Dieses Profil werde dann via Internet auf einen ähnlich ausgestatteten klassischen Flügel übertragen. So kann ein Pianist ein Stück gleichzeitig auf einem Klavier in der Hamburger Elbphilharmonie spielen und auf weiteren in anderen Konzertsälen der Welt – ohne selbst dort zu sein. Zimmermann: „Mit dem Konzertflügel haben wir anno dazumal den Musikmarkt revolutioniert, mit Spirio haben wir heute Ähnliches geschafft.“ Kein Zufall: Steinway & Sons (500 Mitarbeiter in Hamburg) besitzt über 130 Patente. Das zahlt sich aus: In den vergangenen fünf Jahren ist der Umsatz kräftig gestiegen und betrug zuletzt 570 Millionen US-Dollar. Absatz-Kontinent Nr. eins für die an der Elbe gefertigten Flügel ist Asien.
Das Wirtschaftsforschungsinstitut ZEW in Mannheim analysiert seit Jahren die Bedeutung von Innovationen auf die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen. „Die Korrelation ist hoch“, stellt Christian Rammer klar, Projektleiter der Studie zu Geschäftsmodellinnovationen im Mittelstand. Lediglich das Unternehmenskonzept zu verändern, reiche aber nicht: „Ohne eine gleichzeitige Kombination mit Produktinnovationen geht so ein Schritt ins Leere.“ Rammer betont die Notwendigkeit gerade kleinerer Unternehmen, immer wieder Neues für die Kunden zu schaffen: „Innovationen sind der Treibstoff, der einen Betrieb nach vorne bringt, weil er neue Angebote machen kann, die im Idealfall erhebliches Umsatz- und Beschäftigungswachstum nach sich ziehen.“ Man müsse seinen Kunden Neues anbieten über das hinaus, was sie heute brauchen. Viele mittelständische Champions arbeiteten auch im Ausland nach diesem Prinzip: „Sie sind nah an ihren Kunden und bieten ihnen Innovationen oft schon an, bevor diese verlangt werden.“ Die Detailkenntnisse deutscher Mittelständler von den Märkten ihrer Kunden sind nach Überzeugung des ZEW-Wissenschaftlers ein Trumpf im Wettbewerb mit asiatischen und US-amerikanischen Konkurrenten. Ein Problem kleinerer Betriebe aber sei nur schwer zu lösen: „Im hektischen Tagesgeschäft finden viele keine Zeit, um Neues zu denken und zu entwickeln. Sie müssen sich um das kümmern, was gerade auf dem Teller liegt, und können deswegen nicht über dessen Rand hinausschauen.“
Investitionen zielgenau tätigen
Das Problem hatte auch Kurtz Ersa. Das 1779 gegründete Technologieunternehmen (1.750 Mitarbeiter), das Schaumstoff- und Gießereimaschinen sowie Anlagen und Tools für die Elektronikfertigung herstellt, hat sich vor einigen Jahren eine Organisationsstruktur geschaffen, mit der es parallel zur kontinuierlichen Kundenbetreuung immer wieder Neues entwickeln kann. Dafür sammeln die Direktvertriebsmitarbeiter wie fleißige Hamster bei ihren Kunden auf drei Kontinenten Informationen, die in der Zentrale von den Projektmanagern und rund 140 Forschungs- und Entwicklungs-Beschäftigten bearbeitet werden. Neben den Produktinnovationen, die aus den direkten Kundenkontakten herrühren, kommen technologiegetriebene Ideen aus internen Kreativworkshops. „Von 300 bis 400 Ideen, die wir aufschreiben, bleiben am Ende vielleicht vier oder fünf Innovationsprojekte übrig“, sagt Ersa-Geschäftsführer Dr. Michael Fischer. Der Nürnberger Trichter verenge sich schnell, „weil die Investitionen in jede Neuentwicklung nicht unerheblich sind“. Als Familienbetrieb in der siebten Generation müsse er immer auf das Gleichgewicht zwischen dem Cashflow aus dem Brot-und-Butter-Geschäft und den Ausgaben für Innovationen achten, die möglicherweise zukünftig Erträge generieren. Eins aber steht für Fischer fest: Wenn ein deutscher Mittelständler auch morgen noch international erfolgreich sein will, „darf die Innovationsmaschine nie stehen bleiben“.
Wissen erhalten und weiterentwickeln
Weil Innovationen nur auf Basis tief verankerten Know-hows möglich sind, müssen Mittelständler dafür sorgen, dass im Unternehmen vorhandenes wertvolles Wissen über Generationen hinweg erhalten und weiterentwickelt wird. In Holzminden weiß man das. „Bei uns gibt es kurze Wege zwischen Entwicklung, Produktmanagement und Fertigung“, sagt Stiebel-Eltron-CFO Repschlaeger. „Wir bilden unsere Mitarbeiter permanent weiter und tauschen uns über Abteilungsgrenzen aus.“ Und er verrät noch ein Erfolgsgeheimnis: „Elementarer Bestandteil unserer Strategie ist die Anpassung unserer Produkte an die lokalen Bedingungen.“ So werde ein Komfort-Durchlauferhitzer je nach Land mit 18 bis 27 Kilowatt Leistung verkauft. In Südostasien aber komme das Kaltwasser oft schon mit über 20 Grad aus der Leitung – da wäre ein solches Gerät hoffnungslos überdimensioniert: „Also haben wir kleine Durchlauferhitzer mit nur maximal sechs Kilowatt Leistung entwickelt. Mit diesen Shower-Units sind wir dort mittlerweile Marktführer.“
EU fördert Schutz des geistigen Eigentums
Knapp 400.000 der gut 3,8 Millionen mittelständischen Betriebe in Deutschland besitzen Markenrechte oder Patente, so die KfW. Um die Zahl zu erhöhen, unterstützt die EU mit dem KMU-Fonds 2026 seit Anfang Februar kleine und mittlere Unternehmen in der Europäischen Union finanziell beim Schutz ihres geistigen Eigentums.
Was wird konkret gefördert?
- Marken- und Designanmeldungen: Rückerstattung von bis zu 75 Prozent der Anmeldegebühren für Marken und Designs.
- Patente: Förderung von bis zu 75 Prozent der Kosten für Recherchen und Anmeldungen von Patenten.
- IP-Scan (Intellectual Property Scoreboard): Zuschüsse von bis zu 90 Prozent für eine professionelle Vorabdiagnose, um immaterielle Vermögenswerte zu identifizieren.
Quelle: EUIPO – Amt der Europäischen Union für geistiges Eigentum
Quelle: Magazin "Creditreform"
Text: Jürgen Hoffmann
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