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Halbzeit 2026

Liebe Leserinnen und Leser,

in wenigen Wochen beginnen in vielen Bundesländern die Sommerferien. „Halbzeit 2026“ könnte man auch sagen. Die Deutschen sind ja seit Jahren viel Kummer gewohnt. Da erscheint die Flucht vor schlechten Nachrichten im Allgemeinen und der Politik im Besonderen durchaus verlockend. Wer es sich leisten kann, schielt bereits mit einem Auge auf den Sommerurlaub. Gedanken an Sonne, Strand, ruhige Stunden mit einem guten Buch und das ein oder andere Kaltgetränk – darauf wird hingefiebert.

Man kann es niemandem verdenken, denn die vergangenen Jahre waren anstrengend und die kommenden werden wahrscheinlich noch anstrengender. Pandemie, Energiekrise, Inflation, Rezession und geopolitische Konflikte – kaum schien eine Krise überwunden, kündigte sich bereits die nächste an. Viele Menschen haben sich deshalb eine Art „Nachrichten-Diät“ verordnet – weniger Schlagzeilen, weniger Talkshows und weniger Aufregung. Stattdessen geht der Blick aufs Meer, in die Berge oder auf die Abflugtafel am Flughafen.

Doch so verständlich diese Sehnsucht nach Abstand auch ist: Die großen wirtschaftlichen Fragen verschwinden nicht, nur weil wir für zwei Wochen die Abwesenheitsnotiz aktivieren.

Im Gegenteil: Wer die Nachrichten der vergangenen Wochen verfolgt hat, erkennt ein bemerkenswertes Spannungsfeld. Auf der einen Seite mehren sich die politischen Aufbruchssignale. Investitionsprogramme, Infrastrukturmaßnahmen und neue Wachstumsinitiativen sollen Zuversicht vermitteln. Auf der anderen Seite melden Unternehmen Stellenabbau, Werksschließungen und Produktionsverlagerungen. Fast täglich stehen beide Meldungen nebeneinander. Deutschland befindet sich derzeit in einem eigentümlichen Zwischenzustand. Lauscht man den „richtigen“ Ökonomen, scheint sich die Stimmung langsam aufzuhellen. Mit der wirtschaftlichen Realität vieler Unternehmen hat das indes nicht viel zu tun. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob das Bruttoinlandsprodukt in diesem oder im nächsten Quartal um einige Zehntelprozentpunkte steigt oder fällt. Die eigentliche Frage ist, ob Deutschland noch über jene wirtschaftliche Substanz verfügt, aus der dauerhaft Wachstum entstehen kann.

Da müssen wir tiefer einsteigen. Während die öffentliche Debatte häufig um Konjunkturimpulse kreist, vollzieht sich im Hintergrund ein tiefgreifender Strukturwandel. Die Zahl der Industriebetriebe sinkt, mittelständische Händler verschwinden aus den Innenstädten und immer mehr Unternehmen investieren außerhalb Deutschlands. Mit jeder Insolvenz, jeder Standortschließung und jeder Verlagerung verliert das Land ein Stück seines wirtschaftlichen Maschinenraums.

Vielleicht erklärt genau das auch die ungewöhnlich hohe Aufmerksamkeit für wirtschaftliche Themen in diesem Frühjahr. Die Menschen spüren, dass es längst nicht mehr nur um eine konjunkturelle Delle geht. Es geht um die Frage, wie das Geschäftsmodell Deutschlands in Zukunft aussehen soll. In dieser Ausgabe beschäftigen wir uns deshalb mit drei Entwicklungen, die diesen Wandel besonders deutlich machen: dem Rückgang industrieller Strukturen im deutschen Mittelstand, dem Höchststand der Unternehmensinsolvenzen in Westeuropa sowie dem anhaltenden Strukturbruch im Einzelhandel und seinen Folgen für die Innenstädte.

Bis zum Urlaub und zur parlamentarischen Sommerpause sind es ja noch ein paar Wochen hin. Wir werden die Zeit nutzen (und darum möchte ich auch Sie bitten) in unserem eigenen Umfeld die Dinge besser zu machen. Egal wie klein oder groß der Beitrag auch sein mag, er hilft auf jeden Fall, demnächst mit einem guten Gefühl in den Flieger zu steigen und den Problemen für ein paar Tage den Rücken zu kehren.

Ihr
Patrik-Ludwig Hantzsch