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Kneipen und Gasthäuser bald Geschichte?

Anfang des Jahres sorgte die Gastronomiebranche für Aufsehen. Bedingt durch die Corona-Krise und die Ausfälle, die sich aus dem Lockdown ergaben, war für die Gastronomie bei der Mehrwertsteuer eine Sonderregelung getroffen worden.

Bis zum Jahr 2024 waren 7 Prozent Mehrwertsteuer auf Speisen und Getränke erhoben worden und zum 1. Januar des laufenden Jahres galt wieder der normale Satz von 19 Prozent Mehrwertsteuer. Kneipen und Restaurants liefen Sturm gegen diese Regelung, sie wünschten auch für die Zukunft den geringeren Satz an Steuern.

Tatsächlich war der Umsatz in den beiden Krisenjahren 2020 und 2021 mit der Schließung vieler Lokale eingebrochen. Zwischen 2013 und 2019 war dagegen noch eine Erfolgsgeschichte zu melden: Von 71 auf 95 Mrd. Euro hatte das Gastgewerbe die Umsätze gesteigert. Dann kam der Einbruch durch Corona, der einen markanten Umsatzrückgang auf 64 Mrd. Euro (2020) und 66 Mrd. (2021) brachte. Doch gelang 2022 (letzte vorliegende Zahlen bei DEHOGA) die Erholung über die Vor-Krisen-Jahre hinaus mit einem Nettoumsatz von über 100 Mrd. Euro. Doch diese Erfolgszahlen können täuschen. Den nominalen Zuwächsen sind die Verluste durch die Inflation entgegenzusetzen. Zahlen des Statistischen Bundesamtes zur Entwicklung im Januar 2024 gegenüber 2019 zeigen zwar nominal ein Plus von 7,6 Prozent, real aber ist ein Minus von 14 Prozent zu registrieren.

Ausgehen nicht mehr wie früher

Im Zusammenhang mit der ungeliebten Mehrwertsteueranpassung befürchtet die Branche ein weiteres „Kneipensterben“. Das Gastgewerbe leidet – wie etwa auch der Einzelhandel – unter einem veränderten Konsumverhalten. Das reicht vom „Wegebier“ bis zum „Cocooning“ – neue Gewohnheiten der Verbraucher, die ihre Getränke am Kiosk kaufen und mit Freunden zu Hause bleiben. Diese Trends hat der Lockdown verschärft, aber nicht geschaffen. So hat die Zahl der Betriebe im Gaststättengewerbe zwischen 2015 und 2022 von rund 164.000 auf gut 146.000 abgenommen. Diese Entwicklung trifft aber alle Sektoren des Gastgewerbes – von der Beherbergung über die Gastronomie bis zum Caterer.

Diese Krisenentwicklung hat die Creditreform Wirtschaftsforschung zusammen mit dem ZEW zum Anlass genommen, einmal genauer auf die Schließungen und vor allem auf die Insolvenzen der letzten Jahre zu schauen. In den Jahren von 2020 bis 2023 haben in Deutschland etwa 48.000 Betriebe geschlossen. Dabei zeigt sich ein Phänomen innerhalb dieser Entwicklung, das auch insgesamt das Löschungsgeschehen von Unternehmen in Deutschland in der Corona-Krise bestimmte. Waren es 2019 noch 14.200 Schließungen, so gingen diese Zahlen in den Jahren der Krise deutlich zurück: 2020 auf 12.000 Betriebe, 2021 sogar auf 10.700 Schließungen und 2022 waren es 11.000 Gastwirtschaften, die aufgaben. Erst als keine Rede mehr vom Lockdown war, nahmen die Schließungen wieder Richtung Vorkrisenniveau zu. So wurden 2023 rund 14.000 Betriebe geschlossen (vorläufige Zahlen).

Insolvenzen nur ausgesetzt

Die Zahl der Insolvenzen in der Gastronomie verlief in den letzten fünf Jahren ähnlich wie die der Schließungen. So kam es 2019 zu gut 2.000 Insolvenzen, ein Niveau, dem sich 2023 mit knapp 1.800 Pleiten wieder nähert. In den eigentlichen Krisenjahren waren die Insolvenzen zurückgegangen. So waren 2020 1.650 Fälle hinzunehmen, 2021 waren es 1.300 und 2022 1.400. Für diesen Rückgang sorgten die staatlichen Hilfsmaßnahmen, die insgesamt Deutschlands Wirtschaft und ihre Unternehmen durch die Krise brachten. Die Einschränkungen der rechtlichen Voraussetzungen für einen Insolvenzantrag gehören ebenso dazu wie die Hilfszahlungen und Subventionen. Hier gilt, was für das gesamte Insolvenzgeschehen seit Beginn der Dekade zu sagen ist: Durch die Hilfen – und deren Ende spätestens 2023 – wurde das Sterben der Unternehmen zwar verhindert, nun ist es aber wieder zurück. Ob dies eine Normalisierung darstellt oder ob die schwache Konjunktur und die Probleme der Finanzierung zu einer neuen Insolvenzwelle führen, ist noch nicht abzusehen.

Die Gastronomie war immer schon ein risikobehafteter Wirtschaftssektor. Dies wird deutlich, setzt man die Insolvenzzahlen in Relation zur Anzahl der Betriebe innerhalb der Branche. Auf 10.000 Gastronomieunternehmen kamen 2023 demnach 121 Pleiten. Die durchschnittliche Insolvenzbetroffenheit über alle Branchen hinweg lag bei 60 Betrieben. Das Risiko, in der Gastronomie von der Insolvenz getroffen zu werden, ist also doppelt so hoch. Überdurchschnittlich gestiegen sind die Insolvenzen innerhalb des Gastgewerbes in den Branchen „Caterer“ sowie „Restaurants und Gaststätten“, mit einem Plus von 67 bzw. 32 Prozent.

Frühes Aus

Noch ein weiteres Strukturmerkmal ist kennzeichnend für das Gastgewerbe: Die Unternehmen gehen früher in die Insolvenz als der Durchschnitt aller Betriebe. Rund die Hälfte des Gastgewerbes ist bei Eintritt der Insolvenz höchstens fünf Jahre alt. Allerdings ist bei dieser Altersangabe anzumerken, dass die Branche stark modischen Entwicklungen unterliegt. Was gestern noch angesagt war, ist heute schon nicht mehr im Trend. Hinzu kommt die starke Prägung durch die Persönlichkeit des Inhabers, der für sein Lokal steht. Dennoch sollte man Schließungen und eben auch Insolvenzen nicht als branchenspezifisch abtun. Allein die hohe Zahl der Beschäftigten zeigt, wie wichtig die Stabilität der Gastronomie als Arbeitgeber ist. Auch bei den Mitarbeitern gab es einen deutlichen Einbruch in den beiden Jahren 2020 und 2021. Aber auch hier fand eine Erholung statt. Mittlerweile liegt man mit deutlich über einer Million sozialversicherungspflichtig Beschäftigten und fast ebenso vielen geringfügig Beschäftigten fast wieder auf dem Level von 2019.

Das Gastgewerbe spielt eine erhebliche Rolle für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Das hat man auch in Frankreich erkannt und sich bemüht, gerade im ländlichen Gebiet dem Bistro-Sterben Einhalt zu gebieten. In Gemeinden mit weniger als 3.500 Einwohnern sollte sich mindestens ein Bistro finden lassen.

Quellen: Creditreform, DEHOGA, Statistisches Bundesamt, ZEW



Creditreform Villingen-Schwenningen