Kommentar:
Wirtschaftliche
Perspektiven

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Wirtschaftliche
Perspektiven

Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Wirtschaftsforschung bei Creditreform kommentiert die Megatrends, mit denen der Mittelstand in Deutschland umgehen muss.

Globale Wirtschaft im Wandel

Schon im vergangenen Jahr war an dieser Stelle von einer historischen Zäsur die Rede. Damals natürlich bezogen auf die allgegenwärtige Corona-Pandemie. Ein gutes Jahr später ist Corona noch nicht verschwunden, im Gegenteil. Der Ukraine-Krieg ist die nächste Krise und für die globale Wirtschaft dabei weit mehr als ein regionaler Konflikt mit lokalen Auswirkungen. Die Pandemie und der Krieg sind zwei historische Großereignisse, die auf eine Welt zwischen Rezession, Aufschwung und Disruption treffen. Sie verstärken durch ihre Radikalität bereits eingesetzte Entwicklungen und decken strukturelle Probleme wie unter einem Brennglas auf.

In dieser undurchsichtigen Lage bräuchte es eigentlich aussagekräftige Indikatoren, doch die traditionellen Seismographen der wirtschaftlichen Entwicklung funktionieren nur noch bedingt oder sind völlig unbrauchbar. Daher helfen uns neben dem Blick auf den Status quo auch sogenannte Megatrends, die aktuelle und vor allem die zukünftige Lage einzuordnen und zu beurteilen.

Treiber des Inflationsgeschehens

Stand Ende Mai hat die Inflation in Deutschland mit 7,9 % eine historische Höchstmarke geknackt, in Euroraum sind es bereits 8,1 %. Die Treiber dieser Entwicklung sind vordergründig die Energiepreise. Solche Preisanstiege gab es im wiedervereinigten Deutschland noch nie. In den alten Bundesländern muss man bis in den Winter 1973/1974 zurückgehen, um ähnlich hohe Werte zu finden. Damals waren die Mineralölpreise infolge der ersten Ölkrise stark gestiegen. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Die Teuerungsraten gehen auch auf die vielen Jahre seit der Welt Finanzkrise 2008 zurück, in der die europäische Zentralbank mit einer ultra-lockeren Geldpolitik Länder und Märkte mit billigem Geld geflutet hat. Hier kann man die Wirkungsmächtigkeit eines nachlaufenden Effekts beobachten.

Die starke Inflation ist für Verbraucher, Unternehmen und die gesamte Volkswirtschaft natürlich Gift. Das Gegengift wäre eine bereits in diesem Jahr zu erwartende Zinserhöhung seitens der EZB, die wiederum diejenigen Unternehmen in arge Schwierigkeiten bringen wird, die sich in den vergangenen Jahren und speziell in den Corona-Jahren gerade so mit staatlicher Subvention über Wasser halten konnten. Das kann vor allem deswegen problematisch werden, weil diese „Zombies“ nicht isoliert existieren, sondern Teil einer Liefer- oder Wertschöpfungskette sind. Fallen sie, straucheln auch andere.

Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen boomen

Und all dies geschieht nicht zu einer Zeit der wirtschaftlichen Konsolidierung, sondern im Raum von wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Umwälzungen. Die können wir wie im Zeitraffer am Beispiel der Automobilbranche beobachten. Umwelt-und Nachhaltigkeitsthemen prägen hier schon länger die Geschäftspolitik. Für den Mittelstand sind die Schlagworte ESG und Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz vielleicht keine böhmischen Dörfer mehr. Trotzdem werden die Anforderungen an das eigene Handeln und Unternehmertum weitaus größer sein, als sich viele Mittelständler heute träumen lassen.

Sie beschäftigen sich auch laut unseren Analysen derzeit vor allem mit ganz akuten Problemen, wie den verteuerten Materialien und Vorprodukten, die sie für ihre Produktion dringend benötigen. Auch hier entscheidet sich bei vielen die Zukunft, je nachdem, ob sie die Preissteigerung an ihre Kunden oder den Verbraucher weitergeben können. In manchen Branchen stellt sich aber auch diese Frage nicht, denn es fehlen nicht Aufträge oder Materialien, sondern ganz einfach die Menschen und Mitarbeiter.

 

Fachkräfte- wird zum Personalmangel

Der Fachkräftemangel ist ein alter Bekannter, besonders in der Industrie und der Baubranche. Dieser spezielle Mangel hat sich mittlerweile zu einem handfesten Personalmangel ausgeweitet. Es fehlen Pflegekräfte, Kellner, LKW-Fahrer, Handwerker und Stahlarbeiter. Viele Menschen stehen wenige Jahre vor der Rente und allein über qualifizierte Zuwanderung wird sich dieses Problem nicht lösen lassen.

Kurzum: Die kurzfristige Zukunft sieht nicht rosig aus, allerdings auch nicht schwarz. Es gibt genauso viele Herausforderungen, wie es auch Chancen gibt. Creditreform mit seiner langen Geschichte sieht eine Wirtschaftswelt in Transformation und transformiert sich dabei selbst. Es ist vor allem die Erkenntnis, dass es keinen Stillstand und keine normalen Phasen gibt. Wir kommen auf einer längeren Ruheperiode mit stetig wachsendem Wohlstand. Die Disruptionen, die wir in diesen Tagen und Monaten erleben, bleiben Unternehmen auf die eine oder andere Art erhalten - genauso wie Creditreform als verlässlicher und starker Partner an ihrer Seite.

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