Abfall? Den gibt’s hier nicht
Kreislaufwirtschaft schont Ressourcen, verringert Abhängigkeiten und erschließt neue Geschäftsmodelle. So entscheidet auch der Umgang mit Rohstoffen über Deutschlands Zukunftsfähigkeit.

Kein Zweifel: Deutschlands Industrie lebt von bezahlbaren Rohstoffen und stabilen Lieferketten. Doch viele Materialien müssen über unsichere Handelswege importiert werden. Wie teuer diese Abhängigkeit werden kann, zeigt eine Untersuchung des ifo-Instituts: Unerwartete Materialengpässe drücken die Industrieproduktion kurzfristig um 2,4 Prozent und treiben die Preise in die Höhe. Kreislaufwirtschaft gewinnt damit an Bedeutung: Wer Materialien länger im Umlauf hält, schützt sich auch gegen Produktionsausfälle und Preissprünge.
Vor allem für den deutschen Mittelstand kann der Einstieg in die Kreislaufwirtschaft zum Standortvorteil werden: Sie kann Abhängigkeiten verringern, Lieferketten robuster machen und neue Wertschöpfung generieren. Zugleich hat sie das Potenzial, Kosten zu senken: Allein im Verarbeitenden Gewerbe entfallen zwischen 40 und 50 Prozent der betrieblichen Gesamtkosten auf Material, sagt Ulrike Lange vom VDI ZRE, dem Kompetenzzentrum für zirkuläre Wirtschaft und Ressourceneffizienz in Berlin. Das VDI ZRE entwickelt im Auftrag des Bundesumweltministeriums Unterstützungsangebote und richtet sich insbesondere an kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sowie Start-ups.
Unternehmen tun gut daran, sich mit der Kreislaufwirtschaft zu befassen. Mit der europäischen Ökodesign-Verordnung wächst der Druck, Produkte langlebiger, reparierbarer und besser recycelbar zu machen. Der digitale Produktpass wird diese Entwicklung beschleunigen. Ab 2027 beginnt die EU mit der Einführung. Für viele Unternehmen klingt das erst einmal nach Bürokratie: Materialdaten müssen erfasst, Lieferanten eingebunden, Prozesse dokumentiert und IT-Systeme angepasst werden.
Vielfach herrscht Nachholbedarf. Ulrike Lange verweist auf eine aktuelle VDI-ZRE-Studie: Demzufolge sind Ressourceneffizienz und Kreislaufwirtschaft im Mittelstand angekommen, aber noch nicht fester Bestandteil der Unternehmensstrategie. So setzen 74,1 Prozent der mittelständischen Betriebe hierzulande bereits Maßnahmen zur Ressourceneffizienz um, 52,4 Prozent schließen innerbetriebliche Kreisläufe. Doch nur 14,1 Prozent verfügen über ein ressourceneffizientes und nur 5,4 Prozent über ein zirkuläres Geschäftsmodell. Immerhin planen 42,3 Prozent den Aufbau eines solchen Modells.
Wie es aussieht, wenn Kreislaufwirtschaft in Unternehmen an Bedeutung gewinnt, sieht man im Circular Valley. Die Initiative mit Sitz in Wuppertal will die Rhein-Ruhr-Region zu einem Hotspot der Kreislaufwirtschaft entwickeln und bringt dafür etablierte Betriebe, Start-ups, Wissenschaft und Politik zusammen. Auch der Mittelständler Vorwerk gehört zu diesem Netzwerk – und zeigt, wie zirkuläres Denken im industriellen Alltag konkret umgesetzt werden kann.
Langlebigkeit als Prinzip
Mit Thermomix und Kobold steht das Wuppertaler Familienunternehmen für hochwertige Haushaltsgeräte, die über viele Jahre genutzt werden sollen. Demzufolge hat Kreislaufwirtschaft bei Vorwerk nicht nur mit Verpackungen oder kreislauffähigen Materialien zu tun. Dazu Hendrik Wehr, COO & Speaker of the Board Vorwerk Home Engineering: „Für uns beginnt Kreislaufwirtschaft nicht am Ende des Produktlebenszyklus, sondern ganz am Anfang: in der Entwicklung.“
Damit rückt die Nutzungsdauer in den Mittelpunkt. „Für Vorwerk ist Langlebigkeit ein entscheidender Hebel zur Ressourcenschonung“, sagt Wehr. Thermomix und Kobold sollen nicht möglichst schnell ersetzt werden, sondern über viele Jahre ihren Dienst tun. „Dazu gehört auch, dass wir Reparaturen langfristig ermöglichen: Ersatzteile halten wir grundsätzlich mindestens zehn Jahre nach Kauf vor, oft auch deutlich länger. So schaffen wir die Voraussetzungen dafür, dass Produkte möglichst lange genutzt, gewartet und repariert werden können.“ Kreislaufwirtschaft wird damit zur strategischen Aufgabe entlang des gesamten Produktlebens. „Reparatur, Upgrade und Wiederaufbereitung sind für uns ein zentraler Hebel der Kreislaufwirtschaft. Sie verlängern die Nutzungsdauer von Produkten und reduzieren damit den Bedarf an Neuproduktion.“
Holzfasern neu genutzt
Noch stärker vom Produkt her gedacht ist der Ansatz von Novo-Tech aus Aschersleben. Das Unternehmen entwickelt und produziert den Holzwerkstoff GCC, German Compact Composite. Er besteht zu einem hohen Anteil aus Naturfasern und nutzt Holzfasern, die als Reststoffe in der Hobel- und Sägeindustrie anfallen. Was andernorts verbrannt oder nur niedrigwertig genutzt würde, wird hier zum Ausgangspunkt für langlebige Produkte im Außenbereich, so Susann Krohn, Prokuristin der Erfurt Sasse Industry Holding, zu der Novo-Tech gehört. Sie verantwortet den Bereich Managementsysteme, Beschaffung, Labor und Qualitätssicherung. Für sie ist der Ansatz mehr als klassisches Recycling. GCC gehe weit darüber hinaus. „Da der Werkstoff von Anfang an für die Führung in einem geschlossenen technischen Kreislauf konzipiert wurde, existiert das Konzept ‚Abfall‘ schlichtweg nicht“, sagt Krohn. Der Werkstoff bestehe aus bis zu 75 Prozent Naturfasern und sei durch den gezielten Einsatz thermoplastischer Kunststoffe aus erster industrieller Anwendung zu 100 Prozent recycelbar. Damit zeigt der Mittelständler, wie Kreislaufwirtschaft in der Bau- und Outdoor-Branche aussehen kann: nicht als Verzicht auf Gestaltung oder Qualität, sondern als Materialinnovation. Gerade solche langlebigen Anwendungen seien dafür besonders geeignet, sagt Krohn. Die Bauindustrie sei „der ressourcenintensivste Wirtschaftszweig in Deutschland“. Bau- und Abbruchabfälle machten mit rund 208 bis 216 Millionen Tonnen mehr als die Hälfte des deutschen Brutto-Abfallaufkommens aus. „Langlebige, kreislauffähige Produkte wie Fassaden oder Zaunelemente bieten gerade hier die Chance, durch zirkuläre Materialströme und hohe Wiederverwendungswerte die Kreislaufwirtschaft industriell sichtbar und wirtschaftlich tragfähig zu machen.“
Rücknahme rechnet sich
Ortswechsel: Die Lorenz GmbH & Co. KG mit Sitz in Schelklingen bei Ulm entwickelt und produziert Wasserzähler und Messtechnik in Deutschland. Das auf den ersten Blick unscheinbare Produkt zeigt, wie Kreislaufwirtschaft im industriellen Alltag funktioniert. Laut gesetzlicher Eichfrist müssen die Zähler nach sechs Jahren ausgetauscht werden. Was zurückkommt, wird nicht automatisch Abfall, sondern kann erneut Teil der betrieblichen Wertschöpfung werden.
Lorenz ist früh in diese Denkweise eingestiegen. Anfangs verfolgte das mittelständische Unternehmen das Ziel, vorhandene Produkte zurückzunehmen und möglichst viele Teile wiederzuverwenden. „Das war unser Start vor rund 20 Jahren“, sagt Lorenz-Geschäftsführer Wilhelm Mauß. Mittlerweile denkt Lorenz dieses Ziel schon bei der Produktentwicklung mit.
Damit wird aus einem standardisierten Industriegut ein Beispiel für Remanufacturing, also Wiederaufbereitung. Die Zähler werden demontiert, geprüft und mit wiederverwendeten Komponenten erneut in den Produktionskreislauf gebracht. Die größere Hürde liegt weniger in der Technik als in der Umstellung der Abläufe: „Die Prozesse und ungewohnten Praktiken bei den Kunden stellen die größten Herausforderungen dar“, sagt Mauß. Sobald die Logik überzeugt, werde der Ansatz „ein Selbstläufer“.
Für Kommunen, Versorger und Messdienste entsteht dabei sowohl ökologischer als auch ökonomischer Nutzen. Lorenz arbeitet unter anderem mit Rückgabeerstattung, Pfandmodellen und Platform-as-a-Service-Angeboten. Entscheidend ist für Mauß der Business Case: „Schöne Worte und Prinzipien, die objektiv richtig und wichtig sind, spielen kaum eine Rolle, wenn es keinen wirtschaftlichen Vorteil gibt.“
Vom Einzelprojekt zur Strategie
Noch ist Deutschland auf dem Weg in die Kreislaufwirtschaft unterschiedlich aufgestellt. Viele Betriebe trennen Abfälle, senken ihren Materialverbrauch oder erhöhen die Recyclingquoten. Das ist wichtig, aber noch nicht ausreichend. Aus Sicht von Lorenz-Geschäftsführer Mauß ist Wiederverwendung der entscheidende Schritt: „Recycling ist der Mindeststandard, echte Nachhaltigkeit erreicht man nur mit der Wiederverwendung.“ Oder wie es Susann Krohn sagt: Kreislaufwirtschaft sei „erst dann Realität, wenn das Wort ‚Abfall‘ aus unserem Sprachgebrauch verschwindet, weil es keine Reststoffe mehr gibt, die ohne Nutzen deponiert oder verbrannt werden müssen“.
Damit Kreislaufwirtschaft zum Standortvorteil wird, reicht Technik allein aber nicht aus. Zirkuläre Wertschöpfung braucht Rücknahmesysteme, Absatzmärkte für Sekundärrohstoffe, verlässliche Regeln und eine andere Investitionsperspektive. „Wer zirkuläre Projekte nur am kurzfristigen Return on Investment misst, wird sie selten umsetzen“, sagt VDI-ZRE-Technologieberaterin Ulrike Lange. Gemeint ist die Frage, wie schnell sich eine Investition rechnet. Entscheidend sei jedoch, den gesamten Lebenszyklus einzubeziehen – inklusive Risikominderung, Rohstoffunabhängigkeit und betrieblicher Zukunftsfähigkeit. Gelingt das, wird aus dem ökologischen Konzept ein ökonomisches Argument – und ein wichtiger Schritt auf dem Weg hin zu mehr Resilienz, Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit.
Generator für zirkuläre Geschäftsmodelle
Wie lässt sich aus einer ersten Idee ein tragfähiges Kreislaufmodell entwickeln? Der Generator für zirkuläre Geschäftsmodelle des VDI ZRE unterstützt vor allem kleine und mittlere Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes dabei, bestehende Geschäftsmodelle zu prüfen oder neue zirkuläre Ansätze zu entwerfen. In sieben Schritten beantworten Nutzer unternehmens- und produktspezifische Fragen; daraus entsteht ein Katalog mit passenden Strategien und Vorschlägen für zirkuläre Geschäftsmodell-Varianten. Das Ergebnis dient als Grundgerüst für eine weitere Analyse und kann abgespeichert werden. Das Tool zeigt, wie Kreislaufwirtschaft im eigenen Unternehmen konkret aussehen könnte. Infos unter:
Quelle: Magazin "Creditreform"
Text: Gerhard Walter
Bildnachweis: Getty Images
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