Pressemeldungen, Fachbeiträge & Neuigkeiten

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Creditreform Magazin

Digitale Entwicklungs-Helfer

Ob Handel, Dienstleistung oder Industrie – kleinere und mittelgroße Unternehmen stoßen bei der Digitalisierung ihres Geschäfts regelmäßig auf Hürden, die sie aus eigener Kraft nicht überwinden können. Mit 26 Kompetenzzentren hilft das Bundeswirtschaftsministerium ihnen auf die Sprünge.

Der Weg in die digitale Zukunft führt über eine kleine Holztreppe. Vier Schritte geht es rauf und vier wieder runter. Während sich die Stufen aufwärts in ihrer Höhe und der Größe der Trittfläche unterscheiden, sind sie abwärts alle identisch geformt. Wenn Niklas Kuhnert, Projektmanager für Umsetzungsprojekte im Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum eStandards, seine Besucher über die Treppe schickt, hat er schon zwei Ziele erreicht: „Das Eis ist gebrochen, die Leute sind gleich mittendrin“, sagt Kuhnert. „Jedem ist sofort klar, wie wichtig Standards sind – bei den unregelmäßigen Stufen kommt man leicht ins Stolpern und im Dunkeln möchte man sie bestimmt nicht gehen.“

Ganz nah am Alltag verdeutlicht die Offene Werkstatt des Kompetenzzentrums eStandards, wie wichtig einheitliche Standards und Normen für die digitale Wirtschaft sind: An zwei Wänden gilt es, Verlängerungskabel miteinander zu verbinden. Wer sich für die rechte Seite entscheidet, auf der ausschließlich deutsche Stecker und Dosen verbaut sind, ist fast immer schneller. Auf der anderen Seite müssen unterschiedliche internationale Steckverbindungen zusammengebracht werden. Eine andere Aufgabe: Briefe zustellen, bei denen der Adressat fehlerhaft oder unvollständig ist. „Der Postbote schafft es, diese Briefe trotzdem auszuliefern, indem er die Fehler hinterfragt“, erläutert Kuhnert. „Beim elektronischen Datenaustausch von Unternehmen oder zwischen Maschinen funktioniert das aber nicht, da Lokationen oder Artikel weltweit eindeutig und überschneidungsfrei identifiziert werden müssen.“


„Elektronischer Datenaustausch funktioniert nicht ohne Standards.“

Niklas Kuhnert, Kompetenzzentrum eStandards


26 Zentren, ein Ziel

Immer mehr Unternehmen suchen Rat bei Experten für eStandards. Einige stehen bei der Digitalisierung ganz am Anfang, andere arbeiten schon an ambitionierteren Projekten, bei denen sie sich etwa mit Lieferanten und Kunden vernetzen. Die Herausforderung aber ist für alle gleich: Wer Informationen austauschen will, dem gelingt das über einheitliche Schnittstellen und Datenformate deutlich besser. „Wir helfen Unternehmen, den nächsten Schritt zu gehen – und das unbürokratisch“, sagt Bettina Bartz, Leiterin des Kompetenzzentrums eStandards. Lange Anträge sind nicht nötig – ein Anruf genügt. Unternehmensbesuche, Workshops, Seminare, Webinare und Themenveranstaltungen zählen zum Angebot, ebenso eine mobile offene Werkstatt, die insbesondere Firmen auf dem Land ansprechen soll. All dies wird getragen durch die Förderinitiative „Mittelstand-Digital“ des Bundeswirtschaftsministeriums und ist für die Unternehmen kostenlos.

Und die Standards sind nur ein Digitalisierungs-Baustein der Regierungsinitiative, die auch den Einsatz von Cloud-Computing, Künstlicher Intelligenz und Plattformen oder die IT-Sicherheit im Mittelstand voranbringen soll. Dazu stehen insgesamt 26 Kompetenzzentren bereit, die über ganz Deutschland verteilt sind und zahlreiche Forschungsinstitute einbinden. „Digitalisierung ist für Mittelständler eine Pflichtaufgabe“, begründet Wirtschaftsminister Peter Altmaier den verstärkten Einsatz. Allerdings müssen viele Unternehmen auf dem Weg dahin noch zahlreiche Hürden nehmen.

 

Fester Wille, fehlendes Know-how

Zwar wächst im Mittelstand der Wille zum Einsatz digitaler Technologien. Laut einer KfW-Studie planen 66 Prozent der Unternehmen in den kommenden zwei Jahren entsprechende Vorhaben. Allerdings sehen nur 13 Prozent der Firmen keine Probleme bei der Umsetzung ihrer Vorhaben. Als eines der größten Hemmnisse nennen die Befragten das fehlende IT-Know-how im eigenen Unternehmen.

„Wir unterstützen kleine und mittelständische Unternehmen dabei, diese Kompetenzlücke zu schließen“, sagt Bettina Bartz. Eine ganze Reihe von Projekten haben die Kölner Experten für eStandards schon begleitet – von der digitalen Auftragsbearbeitung eines ostwestfälischen Drucklufttechnik-Spezialisten bis zur Online-Produktinformationen für einen Unverpackt-Laden in der Kölner Südstadt. Auch der Iserlohner Folienhersteller Maag hat vom Know-how profitiert: Der Betrieb arbeite intern schon länger stark digitalisiert, sagt Bernd Hecking, Mitglied der Geschäftsführung des Familienunternehmens. Bei externen Prozessen sei dies aber nicht der Fall gewesen. Der Ausgangspunkt für die Kooperation mit dem Kompetenzzentrum: „Ein Kunde wollte Lieferdokumente schon vor dem Warenzugang digital erhalten.“

Aufmerksam geworden war Hecking über einen Workshop der Wirtschaftsförderung HagenAgentur, die sich als Teil des eStandards-Kompetenzzentrums auf das Verarbeitende Gewerbe konzentriert. „Aus den Ideen, die dort zum Thema Datenaustausch zwischen Unternehmen kommuniziert wurden, ist unser Projekt entstanden“, sagt Hecking. „Wir haben rasch erkannt, dass es für unser Anliegen eine normierte Lösung gibt.“ Konkret ging es dem Kunden, einem Großproduzenten von Gemüse in den Niederlanden, um genaue Informationen zu einzelnen Folientypen. „Jedes Gemüse benötigt eine individuelle Verpackung – über die jeweilige Perforation wird der Gasaustausch gesteuert. Rosenkohl etwa benötigt mehr Luftzufuhr als Eisbergsalat“, erklärt Hecking. Insgesamt nutze der Betrieb 130 Folien-Varianten. Zuvor begleiteten herkömmliche Lieferscheine die Ware. „Die mussten dann beim Kunden abgetippt werden.“

 

Kundenbindung per Schnittstelle

Mit standardisierten Artikelnummern, GTIN genannt, für einzelne Lebensmittelfolien löste Maag das Problem. Zudem wird gespeichert, aus welcher Charge die gelieferte Folie stammt – ein elektronisches Lieferavis überträgt alle Informationen. „Der unmittelbare praktische Nutzen liegt vor allem beim Kunden“, erläutert Hecking. „Er erhält Daten, die wir sowieso erzeugen.“ Als wichtigsten Vorteil für sein Unternehmen sieht er die erhöhte Kundenbindung: „Niemand baut so ein System auf, um es eine Woche später wieder einzustampfen.“ Zudem unterstütze Maag die Nahrungshersteller so, effizienter zu wirtschaften und den Verderb von Produkten zu verringern. „Es geht in Verhandlungen damit weniger allein um den Preis.“

Fünf weitere große Abnehmer seien inzwischen auch an der Lösung interessiert, sagt Hecking – sie stehen für fast 60 Prozent des Umsatzes. Der digitale Datentausch erhöhe bei den Lebensmittelherstellern die Planungssicherheit. „Sie beziehen die Folien just in time – und wissen, welche unserer Produkte wann bei ihnen ankommen.“ Einen kleinen fünfstelligen Betrag habe Maag für die Lösung investiert, so Hecking. Dem Kompetenzzentrum bescheinigt er ein hohes Know-how und eine sehr pragmatische Herangehensweise: „Wir haben keine eigene IT-Abteilung. So konnten wir gute Ergebnisse erzielen, ohne bei dem Thema selbst in die Tiefe einsteigen zu müssen.“


Mittelstand Digital

Das Programm

Wissend um die Fragen und Herausforderungen, vor denen kleine und mittlere Unternehmen stehen, hat das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie den Förderschwerpunkt Mittelstand-Digital ins Leben gerufen. Ziel ist es, KMU für den Wettbewerb zu stärken und sie bei der Digitalisierung zu unterstützen.

  • 26 Mittelstand-4.0-Kompetenzentren in ganz Deutschland zu Themenbereichen wie Logistik, Handel, Bildung, Kommunikation, Fertigung etc. fungieren als Anlaufstelle für Beratung und Expertise. Mehr als 90 Demonstrationsorte, vorwiegend in Forschungsinstituten, machen digitale Technologien erlebbar.
  • Mehr als 90 Demonstrationsorte, vorwiegend in Forschungsinstituten, machen digitale Technologien erlebbar.
  • Mehr als 150 Praxisbeispiele in Unternehmen zeigen, wie Digitalisierungsprojekte schon mit wenigen Maßnahmen große Vorteile bringen können.
  • Die Nutzung der Angebote von Mittelstand Digital ist unabhängig von der Branche und der Betriebsgröße sowie kostenlos.

 

www.mittelstand-digital.de


Handel unter Zugzwang

Besonders hoher Druck in Sachen Digitalisierung herrscht im Handel, wo Tech-Giganten wie Amazon oder Zalando die stationären Anbieter bedrohen. Gerade Kleinere mit einem oder wenigen Geschäften seien oft damit überfordert, eine eigene Online-Strategie zu entwerfen, sagt Marco Atzberger, Mitglied der Geschäftsleitung des EHI Retail Institute in Köln. Das Forschungsinstitut mit Schwerpunkt Handel ist Teil des im Oktober 2019 gestarteten Mittelstand-4.0- Kompetenzzentrums Handel. „Manche Händler sagen sich, dass sie das Problem lieber aussitzen, bis sie in Rente gehen“, sagt Atzberger. „Andere wissen nicht, in welcher Reihenfolge sie einzelne Schritte gehen sollen.“ Ihnen bieten er und sein Team Hilfe an. Etwa eine Viertel Million Händler mit ein oder zwei Standorten gibt es laut EHI hierzulande. „Wir können natürlich nicht jeden einzeln beraten“, sagt Atzberger. Es gehe darum, generelle Lösungen aufzuzeigen – auch das Kompetenzzentrum Handel schickt dazu ein Digitalmobil auf Reisen. „Es fährt quer durch die Republik zu Veranstaltungen etwa von Industrie- und Handelskammern oder Händlergemeinschaften.“ Dort können Unternehmen Payment-Lösungen ausprobieren oder Warenwirtschaftssysteme kennenlernen. „Wir sensibilisieren und geben Anregungen, auch mithilfe von Leitfäden“, sagt Atzberger. Geplant sei zudem, in konkrete Projekte einzusteigen und „einzelne Unternehmen komplett zu begleiten“.


„Dank der Hilfe des Kompetenzzentrums konnten wir gute Ergebnisse erzielen.“

Bernd Hecking, Maag


Digitalisierung muss nicht teuer sein

Als ersten Schritt empfiehlt Atzberger den Aufbau eines Warenwirtschaftssystems: „Wenn es fehlt, bleiben viele Wege verschlossen. Händler können sich beispielsweise nicht Plattformen anschließen und so mehr Sichtbarkeit erzielen. Sie können auch ihre Verkäufe nicht systematisch analysieren und automatische Nachbestellungen anstoßen.“ Der Einstieg sei gar nicht teuer sowie technisch einfach. „Oft reichen ein Kassensystem und ein Internetzugang, denn die Lösungen werden über die Cloud bereitgestellt.“ Auf 75 bis 100 Euro veranschlagt er die monatlichen Kosten – hinzu komme etwas Personalaufwand, um die Daten einzupflegen. „Die Infrastruktur rechnet sich nicht sofort, aber sie versetzt auch kleinere Händler in die Lage, neue Dinge zu tun und so den Kundenkreis zu erweitern.“ Das Potenzial sei enorm: um zehn Prozent lege der Online-Handel in Deutschland jährlich zu.

In größerer Dimension finden Händler auch beim Kompetenzzentrum eStandards Unterstützung, etwa in dessen Nachbau einer Supermarktfiliale. Kunden sind hier unter anderem mit einer digitalen Shoppingliste unterwegs, die sich automatisch mit dem Bestand abgleicht. Im Hintergrund steuert zudem Künstliche Intelligenz die Preise von Frischwaren – und erstellt automatisch Sonderangebote auf elektronischen Schildern, wenn diese zu verderben drohen. „KI wird künftig auch bei Einzelhändlern mit wenigen Filialen funktionieren“, ist Bettina Bartz überzeugt. Die Besucher der Testfiliale können auf rollenden Stühlen Platz nehmen, um spontan Diskussionsgruppen zu bilden. Es könnte auch eine Botschaft sein: Wer digitalisieren will, muss sich bewegen.


Text: Thomas Mersch

Quelle: Magazin „Creditreform“



News-Details | Verband der Vereine Creditreform e.V.

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