Hidden Champion in heikler Mission
Bohrhämmer und Bandsägen von Spitznas sind jedem Kohlekumpel ein Begriff. Doch mit dem Niedergang des deutschen Bergbaus musste sich der Werkzeugbauer aus Velbert neu erfinden.

Eigentlich könnte Brigitte Theil jetzt in Bayern beim Enkelkind sitzen. Kaffee trinken, Beine hochlegen. Aber sie macht so ziemlich das Gegenteil, seitdem vor wenigen Monaten ein Anruf kam und man sie fragte, ob sie nicht zurückkommen könne. An die Spitze von Spitznas – eines Hidden Champions für Spezialwerkzeuge, den sie in- und auswendig kennt. „Ich war ja seit 2022 schon im Ruhestand“, erinnert sich die 69-Jährige. Lange nachdenken musste Theil nicht, bevor sie im Juni 2025 ihr Management-Comeback gab.
Die Ingenieurin Theil und die Firma Spitznas – eine Beziehung, die sich im Strukturwandel neu erfunden hat. 1996 trat Theil in den Velberter Betrieb ein. Ihr Diplom hatte sie in Hermannstadt (rumänisch: Sibiu) erworben, sie leitete zunächst die Prototypenabteilung eines rumänischen Maschinenbauers und arbeitete ab 1990 als selbstständige Konstrukteurin. „Spitznas war meine erste Station in Deutschland“, sagt sie. Schon ein Jahr später wurde sie befördert – zur Chefin. Mehr als ein Vierteljahrhundert führt sie nun das Unternehmen mit Sinn fürs Detail. Theil kennt jede Schraube im Paternoster-Regal, jeden Fertigungsprozess – und natürlich jeden Mitarbeiter in der Montagehalle. „Das sind viele erfahrene Schlosser in dieser Halle“, sagt Theil. „Nur Männer.“
Fertigung in Kleinstserien
Was hier entsteht, genügt höchsten Sicherheitsanforderungen. Spitznas ist Experte für explosionsgeschützte Werkzeuge und Antriebe – eine lukrative Nische. Das Unternehmen geht gerne dorthin, wo es gefährlich werden kann. Die Stich- und Säbelsägen, Schlagbohrmaschinen, Bohrhämmer und Rohrtrennmaschinen arbeiten funkenarm und bleiben cool – Voraussetzung für explosionsgefährdete Missionen. Das Geschäft hat Manufaktur-Anspruch. Mitunter fertigen die Männer zu Musik aus dem Kofferradio die Profi-Werkzeuge in Kleinstserien oder als Einzelstücke. Ein Industrietaucher benötigt eine speziell ausgelegte Bandsäge? Im Zweifel geht das noch am selben Tag, sagt Theil. „Der Preis spielt bei Tauchern eine untergeordnete Rolle, nur Tempo zählt.“ Einmal, so erzählt sie, habe ein Berufstaucher aus Wien angerufen. Ob ein Kernbohrer zu bekommen sei? Wann? Noch heute. Passt. Er kam sofort mit seinem Sohn Hunderte Kilometer angefahren, lud das Gerät in den Kofferraum und eilte nach Bayern zum Einsatzort. Der Auftrag: Abtauchen in eine Biogasanlage, wo sich unten „eine Schnecke“ verhakt hatte. Das war ein aufwendiger, aber lukrativer Einsatz. „Dafür steigt man schon mal in die Brühe.“ Und die Rechnung für den rasch gelieferten Kernbohrer fällt kaum ins Gewicht.
Die Expertise für solches Profi-Werkzeug kommt nicht von ungefähr: „Über 100 Jahre waren wir als Hauptlieferant von druckluftbetriebenen Werkzeugen für den deutschen Bergbau tätig“, sagt Theil. Wegen des explosiven Grubengases setzte man als Pionier auf einen patentierten Druckluftantrieb, um ein Heißlaufen der Maschinen zu verhindern. Neben dem Versprechen des funkenarmen Schneidens und Bohrens zählte vor allem äußerste Robustheit und Langlebigkeit der Werkzeuge. Und was früher unter Tage im Ruhrgebiet gefragt war, hilft heute international in zahlreichen Branchen an Land und unter Wasser: Werkzeuge und Antriebe für die Öl- und Gasindustrie, den Rohrleitungsbau sowie für Windkraftanlagen und Kraftwerke. Auch Rettungsdienste, Gießereien und Industriemontagefirmen stehen auf der Kundenliste.
Neue Märkte im Blick
Der Münchner Investor Stefan Eishold erkannte im Jahr 2017 das Potenzial der Firma und stieg mit seiner Beteiligungsgesellschaft Arcus Capital ein. Schon damals war Spitznas in Fremdbesitz, doch der Schweizer Alteigentümer war verkaufsbereit. Trotz der damals im Jahresabschluss attestierten Umsatzschwäche stand ein ansehnliches Rohergebnis von vier Millionen Euro in den Büchern. Spitznas war hochprofitabel, bestätigt Theil. Doch da würde noch mehr gehen, so Eisholds Credo. „Wir kaufen immer gut laufende Unternehmen und versuchen, die dann noch stärker zu machen“, sagt der ehemalige Medienmanager. „Neue Märkte, neue Anwendungen, Internationalisierung“, so sein Schema. „Und viel Eigenverantwortung im Management.“ Brigitte Theil beteiligte sich mit 10 Prozent am Unternehmen. „Für mich ist das auch ein Ansporn“, sagt sie.
Eishold war es auch, der die Ex-Chefin aus dem Ruhestand zurückholte. „Wir brauchten Frau Theil wieder“, begründet er knapp. Gemeinsam mit Arcus Capital hatte Spitznas auch die Struktur überarbeitet. Aus der polnischen Schwestergesellschaft Transtools, die rund 80 Prozent der mechanischen Komponenten fertigt und zuliefert, wurde eine Tochter gemacht. Und die Verzahnung der beiden Firmen wurde verstärkt. „In der Tat ist unsere Tochter sogar größer.“ In dem Lubliner Betrieb, der seit 1994 dazugehört, arbeiten 110 Leute, in Velbert sind es nur 40. „Wir haben weder dort noch hier große Personalfluktuation“, sagt Theil. „Es ist ein familiäres Miteinander.“
Spitznas ist ein Beispiel für gelebten Strukturwandel. Aus alten Stärken wurden neue Stärken. Sicher, robust, explosionsgeschützt: Argumente aus dem Kohlebergbau ziehen heute auch in der Wasserstoffwirtschaft. Im Warenausgang verliest Theil stolz die Lieferscheine jener Werkzeugpakete, die Stunden später auf die Reise gehen: Vietnam, Spanien, Irland, USA, Mülheim an der Ruhr – und: Kasachstan. „Ein Neukunde. Da warten wir mal erst auf die Bezahlung, bevor wir verschicken.“ Man liefere in 78 Länder. Die Zahlen lässt sich Theil mal schnell aus der Buchhaltung durchtelefonieren. „394 Auslandskunden.“
Kälte, die schützt
Im Übergang von der Verwaltung zur Werkhalle steht eine Büste: Ferdinand Spitznas, ein Tüftler, der die Maschinenfabrik vor 122 Jahren gründete. Als ihm 1909 die Erfindung des Druckluft-Lamellenmotors gelang, war die wesentliche Basis für den Erfolg geschaffen. Weil ein mit Druckluft angetriebener Motor mit steigender Last immer kälter wird, hatte Spitznas das Patent zum Geldverdienen in der Hand. Schließlich dürfen im Kohlebergbau wegen des Methangases alle Gerätschaften weder Funken noch Hitze abgeben. Als der Bergbau im Ruhrgebiet so richtig boomte, erlebte auch Spitznas als Zulieferer goldene Zeiten. Man hatte den Unter-Tage-Markt gut abgesteckt und kam sich mit anderen Zulieferern nicht groß in die Quere.
Gemeinsam entwickeln
Als Theil einstieg, zeichnete sich schon ab: Mit Bergbau allein würde es eng werden. „Als die Zechen schlossen, haben wir uns Gedanken gemacht. Ich dachte damals vor allem an Straßenbau als weiteren Einsatzzweck“, sagt Theil. „Wenn man statt Druckluft Hydraulik nimmt, kann man die Werkzeuge überall anschließen.“ In den späten 1990er-Jahren baute man also auch Hydraulikantriebe und spezialisierte sich auf die Instandsetzung. Von der Firma Eaton übernahm man deren Kompaktgetriebe. In den USA ist man mit 49 Prozent an der Vertriebsfirma CS Unitec beteiligt – und sicherte sich so den Marktzugang. In Nordamerika verkaufe Spitznas in gleichem Umfang wie in Deutschland, sagt Theil. „Wir fahren eine Kombination aus organischem Wachstum und Akquisitionen“, erklärt Eishold. „Und bei der Produktentwicklung denken wir strategisch rund um das Thema Rohr.“
Schon im Bergbau wurden Rohre geschnitten, die das Grubenwasser abtransportiert haben. Heute hilft Spitznas, wenn bei einer doppelwandigen Erdölpipeline zwischen Rotterdam und Wesseling millimetergenau ein Wartungsloch geschnitten werden muss – während innen noch das Öl fließt. Viele Aufträge kommen auch aus dem Rückbau von Kernkraftwerken. „Da gibt es kilometerlange Kühlrohre, die durchtrennt werden müssen, damit sie in Container passen“, sagt Theil. Sie war im stillgelegten Kernkraftwerk Philippsburg, um sich persönlich mit Geigerzähler um den Hals ein Bild zu machen. „Niemand wusste ja, welchen Einfluss die jahrelange Strahlung auf den Edelstahl hatte.“ Ergebnis: „Er ist unheimlich hart geworden und viel schwieriger zu bearbeiten. Du brauchst das Dreifache für den Schnitt.“
Eine besondere Stärke ist das „Customizing“, also das Anpassen aller Produkte an spezifische Kundenwünsche. Für die Kernkraftwerks-Jobs wurden Bandsägen auf zwei Meter Längenmaß vergrößert. „Kundenanforderungen sind unser Auftrag, wir entwickeln viel zusammen.“ Ein Taucher braucht wegen seines dicken Handschuhs einen handbreiten Betätigungshebel am Bohrhammer? Kleinigkeit. Ein Luftauslass einer Unterwasser-Schleifmaschine muss verlegt werden, damit es nicht vor den Augen blubbert? Wird erledigt. „Es sind oft einfache Sachen, aber die muss man erst mal machen“, sagt Theil.
Technik für die Zukunft
Und was bringt die Zukunft? Die Innovationsmaschine wird weiter brummen – begleitet von Sound aus dem Kofferradio. Der neueste Coup ist ein Bohrhammer, der mit reinem Leitungswasser angetrieben wird. „Für Arbeiten in umweltsensiblen Bereichen“, so Theil. Persönlich denkt sie allerdings schon an Abschied. „Ich werde nicht mehr die nächsten zwei Jahre hier sein.“ Das Team um Arcus Capital arbeite bereits an einer Nachfolgelösung. Sorgen um Spitznas macht sie sich nicht. Salopp bringt sie es auf den Punkt: „Solange es Energie gibt, wird unser Zeug genutzt.“
Das Unternehmen: Unter Tage, unter Wasser
Als Ferdinand Spitznas im Jahr 1904 in Essen seine Maschinenfabrik gründete, waren seine Apparate im stark wachsenden Steinkohlebergbau gefragt. Die Erfindung des Lamellenmotors mit Druckluft als Kraftquelle legte ab 1909 den Grundstein für eine monopolartige Stellung unter Tage. Durch den Einsatz der leichten Zinkdruckguss-Legierung Zamak und spezieller leitfähiger Lacke erschloss Spitznas ab 1924 zunehmend das Feld der explosionsgeschützten Werkzeuge. Ab 1994 entwickelte man hydraulische Antriebe als zweites Standbein, ab 2005 wurde die Produktpalette um Werkzeuge für den Unterwassereinsatz erweitert. Die Geschäftsführerin Brigitte Theil war von 1996 bis 2022 im Unternehmen – und kehrte 2025 auf ihren Posten zurück. Seit 2017 befindet sich Spitznas mehrheitlich im Eigentum des Investors Arcus Capital um Stefan Eishold. Spitznas erzielt mit 40 Mitarbeitern rund 10 Millionen Euro Umsatz in 78 Ländern. Hauptmärkte mit rund je einem Viertel Anteil sind Deutschland und die USA sowie Kanada.
Quelle: Magazin "Creditreform"
Text: Stefan Merx
Bildnachweis: Getty Images
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