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Creditreform Magazin

Homeoffice: Führt (k)ein Weg zurück ins Büro?

Spätestens im Herbst wollen viele Unternehmen ihre Mitarbeiter aus dem Homeoffice zurück ins Büro holen. Doch wie der überstürzte Umzug an den heimischen Schreibtisch im Frühjahr 2020 ist auch die Rückkehr ins Unternehmen kein Selbstläufer.

Was wird nach mehr als eineinhalb Jahren Homeoffice eigentlich aus dem Büro? Diese Frage stellen sich immer mehr Unternehmen und deren Belegschaften. Zwar ist die coronabedingt verordnete Homeoffice-Pflicht schon seit Anfang Juli 2021 Geschichte. Doch die Pandemie ist nicht vorüber und es gelten noch immer Hygienekonzepte und Abstandsregeln, die einen normalen Bürobetrieb wie vor Corona, mit Präsenz am Schreibtisch von Montag bis Freitag, 9 bis 17 Uhr, erschweren. 

Und so tasten sich die meisten Unternehmen erst mal an die Situation heran. Einige lassen ihre Mitarbeiter weiterhin selbst wählen, wo sie arbeiten möchten. Andere geben bestimmte Tage für die Anwesenheit im Büro vor, im Bemühen, die Büroflächen mehr zu nutzen und den direkten Austausch wieder zu fördern. Zu einem solchen fließenden Übergang rät auch Tania Lieckweg. Die Organisationsberaterin unterstützt Unternehmen bei Veränderungsprozessen und beobachtet: „Viele Menschen empfinden, dass sie in den vergangenen eineinhalb Jahren für ihren Arbeitgeber enorm viel auf sich genommen haben, im Spagat zwischen Job und Homeschooling oder Pflege.“ Wie sie nun auf die neue Anforderung „zurück zur alten Normalität“ reagieren, hänge stark von der Persönlichkeit ab und davon, wie der Arbeitgeber sie kommuniziere. „Am besten suchen Führungskräfte mit jedem einzelnen Mitarbeiter darüber das Gespräch.“ 

Homeoffice ist längst normal

Die einen sehnen sich danach, ihrem Job wieder in einer Umgebung nachgehen zu können, in der ein direkter Austausch mit Kolleginnen und Kollegen möglich ist, ein bequemer Bürostuhl steht und nicht laufend kleine Kinder dazwischen plappern. Andere jedoch haben längst Gefallen an ihrem neuen Alltag gefunden. Einem Alltag, in dem zwar Arbeit, Familie und Freizeit stärker miteinander verschmelzen, der aber auch viele Freiheiten ermöglicht: kein Großraumbüro, kein Pendeln, kein Stau, keine überfüllte Bahn. Bei einer internationalen Befragung der Personalberatung Korn Ferry antworteten 70 Prozent der Menschen, dass sich Remote-Arbeiten für sie als neue Normalität anfühle. 55 Prozent sagten, sie empfänden Stress beim Gedanken daran, wieder permanent im Büro zu arbeiten. Und fast die Hälfte (49 Prozent) würde sogar einen neuen Job ablehnen, wenn dieser vollständige Präsenz im Unternehmen erfordern würde.

Auch der Handels- und Dienstleistungskonzern Otto hat seine mehr als 5.000 Beschäftigten befragt. Nur drei Prozent von ihnen möchten nach der Pandemie wieder täglich ins Büro kommen. Das Gros favorisierte, neun von durchschnittlich 20 Arbeitstagen pro Monat vor Ort und elf von zu Hause zu arbeiten. „Wir erleben eine Transformation der Arbeitswelt, die unter dem Begriff New Work schon lange vor 2020 begonnen und durch Corona nochmals deutlich an Dynamik gewonnen hat“, schreibt Irene Oksinoglu, Leiterin der Initiative Future Work bei Otto im Unternehmensblog. „Wir werden in die Arbeitswelt, wie wir sie noch bis Anfang 2020 kannten, nicht zurückkehren.“ Stattdessen führt Otto ein hybrides Arbeitsmodell ein. Die Kombination aus mobiler und Präsenzarbeit solle das Beste aus den zwei Welten vereinen, heißt es dort.

Das Büro als Begegnungsort

Doch reicht das, um auch jene zur Rückkehr zu motivieren, die sich nun dagegen sträuben? „Führungskräfte sollten ihren Mitarbeitern klarmachen, warum die zumindest teilweise Rückkehr ins Büro wichtig ist“, sagt Lieckweg. Bestimmte Leistungen entstünden schlicht erst, wenn Menschen in Präsenz zusammenarbeiten. „Viele Tätigkeiten sind im Team einfacher und funktionieren besser, wenn man gemeinsam kreativ ist und Dinge bespricht.“ Auf der anderen Seite gelte es anzuerkennen, dass andere Aufgaben tatsächlich einfacher und schneller virtuell erledigt werden könnten. Otto gibt seinen Mitarbeitern dafür eine „Matrix der Zusammenarbeit“ als Empfehlung an die Hand. Darin können sie sich orientieren, für welche Tätigkeiten in welcher Teamkonstellation welcher Arbeitsort geeignet ist. 

Dadurch verändert sich die Rolle des Büros. Es wird nicht obsolet, sondern zum Raum für Interaktion, Kollaboration – und informellen Austausch. „Organisationen müssen sich klarmachen, wie viele Ideen und Verbesserungen nebenbei entstehen. Dadurch dass Menschen beim Kaffee zusammensitzen oder sich über den Schreibtisch hinweg unterhalten“, sagt Tania Lieckweg. Tatsächlich zeigt eine Studie der ­Managementberatung Staufen, dass die Zusammenarbeit in Unternehmen leidet, wenn Kantine und Kaffeeküche als Kommunikationszentrale fehlen. 52 Prozent der 300 befragten Unternehmen nannten den fehlenden informellen Austausch als größtes Defizit während der Pandemie. Vor Corona waren es lediglich 16 Prozent. Videokonferenzen, Messenger und Kollaborations-Tools schaffen es demnach nur bedingt, die Lücke zu schließen.

„Organisationen müssen sich klarmachen, wie viele Ideen und Verbesserungen nebenbei entstehen.“
Tania Lieckweg, Organisationsberaterin

Als Anker für die Identifikation mit der Unternehmenskultur bleibt das Büro also wichtig. Wenngleich es sich dafür verändern und attraktiver werden muss. Nicht umsonst betreiben Unternehmen wie Apple, Google und Co. so einen großen Aufwand und gestalten ihre Firmensitze mit Cafés, Lounges und Bällebad mehr als Begegnungs- denn als Arbeitsraum. 

Einsame Mitstreiter

Denn auch wenn Homeoffice viele Vorteile bietet, birgt es auch eine große Gefahr. Die der Einsamkeit. Eine Analyse des Instituts für Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena beschreibt, dass die Pandemie bei vielen Arbeitnehmern Tendenzen wie das Gefühl sozialer Isoliertheit verstärkt habe. Chats und Videokonferenzen vermögen soziale Beziehungen am Arbeitsplatz nicht zu ersetzen, so die Autoren.

Besonders schwierig, Kontakte zu knüpfen und anzukommen, ist es remote für Berufsanfänger und neue Mitarbeiter. „Wer während der Pandemie in einem neuen Unternehmen angefangen hat, hat seine Kolleginnen und Kollegen möglicherweise noch nie live gesehen“, sagt Lieckweg. Gerade ihnen rät sie, so oft wie möglich tatsächlich ins Unternehmen zu fahren, um die Unternehmenskultur und das Umfeld kennenzulernen.“

Wohlfühlatmosphäre statt Präsenzpflicht

Die rund 40 Mitarbeiter des Düsseldorfer Startups Nexible haben schon vor der Corona-Pandemie überwiegend remote gearbeitet. „Wir sind als kleines Unternehmen, das innovative Produkte anbietet, auf die Einsatzbereitschaft unserer Mitarbeiter angewiesen“, sagt Jonas Boltz. Der Geschäftsführer der 2017 gegründeten digitalen Kfz-Versicherung macht die Erfahrung, „dass das Vertrauen, das wir Mitarbeitern entgegenbringen, selbst den richtigen Ort für ihre Arbeit zu wählen, die Eigeninitiative fördert“.

Gleichwohl räumt er ein, dass der persönliche Austausch nicht vollständig durch den virtuellen zu ersetzen sei. Um seine Programmierer, Designer, Versicherungsexperten seit Juli wieder regelmäßiger im Büro zu begrüßen, setzt Boltz deshalb auf Anwesenheitstage, an denen sich ganze Teams treffen können, während der Rest weiterhin im Homeoffice arbeitet. Zudem sorgt Nexible dafür, dass die Mitarbeiter sich im Büro wohlfühlen. Neben einer guten technischen Ausstattung und Gemeinschaftsflächen, die den persönlichen Austausch fördern, helfen dabei auch Kleinigkeiten wie guter Kaffee und frisches Obst, „aber auch ein offenes Ohr bezüglich der Bedürfnisse und Wünsche unserer Mitarbeiter, um mit unseren Büroflächen den richtigen Rahmen zu schaffen“, erklärt Boltz. So hat Nexible der Präsenzkultur von Beginn an eine Absage erteilt. Der Sorge vieler Arbeitgeber, damit zu sehr die Fäden aus der Hand zu geben, entgegnet Organisationsberaterin Lieckweg: „Wir müssen akzeptieren, dass sich neue Arbeitsformen entwickeln, und sie als Chance betrachten.“ Eine pauschale Lösung gebe es aber nicht. Führungskräfte sollten sich immer fragen, was auf die Leistung, das Arbeitsklima und die Zufriedenheit einzahlt – und ihren Mitarbeitern vertrauen.


Worunter die Zusammenarbeit in Unternehmen leidet

  • Fehlender informeller Austausch: 52 %
  • Zu wenig Kommunikation: 32 %
  • Silo-Denken: 19 %
  • Schwache Führungskräfte: 18 %
  • Fehlende Verbindlichkeit: 17 %


Quelle: Staufen AG, Kollaboration 2021


Was bei der Rückkehr aus dem Homeoffice Recht ist

Viele Unternehmen wollen ihren Angestellten auch in Zukunft die Möglichkeit bieten, von zu Hause zu arbeiten. Sie wollen ihre Mitarbeiter aber auch dazu bringen, wieder verstärkt ins Büro zu kommen. Was dabei rechtlich erlaubt ist – und was nicht.

Büropflicht?
In Deutschland dürfen Arbeitgeber per Weisungsrecht den Arbeitsort festlegen – mit der in den vergangenen Monaten vielfach geltenden Einschränkung, dass es der Infektionsschutz zulässt. Ein Recht auf Homeoffice gibt es in Deutschland aber nicht. Erst Ende August hat das Landesarbeitsgericht München die Klage eines Grafikers gegen die Anordnung seines Arbeitgebers zur Rückkehr ins Büro abgewiesen. Ausnahmen vom Weisungsrecht gibt es nur, wenn Beschäftigte im Arbeitsvertrag individuelle Vereinbarungen getroffen haben oder eine Betriebsvereinbarung mobile Arbeit ermöglicht.  

Weniger Gehalt im Homeoffice?
In den USA haben einige Tech-Konzerne bereits angekündigt, Mitarbeitern, die in einer günstigen Stadt wohnen und im Homeoffice arbeiten, weniger Gehalt zu zahlen. Das ist mit dem deutschen Arbeitsrecht nicht zu vereinbaren. Derartige Eingriffe – vor allem in bestehende Arbeitsverträge und Vergütungssysteme – sind unzulässig. 

Homeoffice-Ort vorgeben?
Etabliert ein Unternehmen dauerhaft die Möglichkeit, teilweise im Homeoffice zu arbeiten, ist es durchaus denkbar, dass es Vorgaben zu dessen Lage macht – etwa, wenn Mitarbeiter auch kurzfristig zu Treffen ins Büro kommen müssten. Noch praktikabler ist der Ausschluss, dauerhaft remote im Ausland zu arbeiten, etwa um Unklarheiten bei der Besteuerung zu vermeiden.


Quelle: Magazin "Creditreform"
Text: Christian Raschke



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