Mehr Innovation durch Kooperation

Das Thema Wissens- und Technologietransfer muss keine Domäne großer Konzerne mit eigener Forschung und Entwicklung sein. KMU können sich über die Zusammenarbeit mit Hochschulen und Forschungseinrichtungen Innovationen ins Haus holen. Drei Praxisbeispiele zeigen, wie das gelingt.

Hübsche Flakons mit Düften weltweit bekannter Marken setzen millionenfach Akzente in deutschen Badezimmern. Beim Versprühen der Wohlgerüche mögen die Menschen vielleicht von New York, Rio oder Tokio träumen, recht sicher aber denken sie nicht an Kleintettau. In dem oberfränkischen Dörfchen sitzt das familiengeführte Glasbedruckungsunternehmen Röser, das jährlich rund 400 Millionen Veredelungen durchführt. Die Wahrscheinlichkeit, dass mit den Flakons auch ein Hauch Kleintettau in den Badezimmern Einzug hält, ist also durchaus hoch.

Mitunter kommt es im Veredelungsprozess zu Fehlern in der Lackierung oder im Druck, die sich nicht alle mit dem herkömmlichen Verfahren aufspüren lassen. „Bei unserer Qualitätskontrolle per Kamera gibt es immer wieder Defizite“, sagt Frank Hammerschmidt. Darum wollte der Geschäftsführer von Röser den Qualitätskontrollprozess automatisieren. Das Ziel war klar, der Weg dorthin jedoch nicht. „Da wir weder das Wissen über maschinelles Lernen noch über KI im Haus haben, haben wir uns an das Technologietransferzentrum TTZ gewandt“, sagt der Chef des Unternehmens mit rund 400 Mitarbeitern.
Deutschland gilt klassisch als das Land der Erfinder. Laut dem Global Innovation Index lag Deutschland 2025 auf Platz 11 der Rangliste mit 140 Staaten. Der Erfindergeist ist lebendig, doch fehlen gerade KMU für eigene Forschungs- und Entwicklungsabteilungen häufig Mittel und Know-how. Damit neue Technologien schneller in marktfähige Lösungen umgesetzt werden, sind Kooperationen ein bewährtes Instrument.

Das von Röser angefragte TTZ ist Teil der TH Nürnberg Georg Simon Ohm, die ebenfalls in das Glasprojekt involviert ist. „Die Ohm arbeitet in Forschungsbereichen, wo es noch keine Lösung gibt“, sagt der Geschäftsführer des TTZ Oberfranken, René-Christian Effinger. „Für Unternehmen fungieren wir als wichtige Ideenschmiede.“ Die deutschen Hochschulen gehören in Europa zur Spitzengruppe bei den Patentanmeldungen, laut einer Studie des Europäischen Patentamts belegen sie nach Frankreich den zweiten Platz. Fast jedes dritte Hochschulpatent entsteht dabei in Kooperation mit Partnern, wie das Institut der deutschen Wirtschaft herausgefunden hat.

Im Fall von Röser ergab sich neben der fachlichen allerdings noch eine bürokratische Herausforderung: der Fördermittelantrag. Auch hier konnten die Spezialisten des Nürnberger Technologietransferzentrums dem Mittelständler helfen. So wurde erreicht, dass 30 Prozent der Kosten gefördert werden, der Rest sind Eigenmittel. „Dem Unternehmen sind durch die Unterstützung der Ohm keine Kosten entstanden“, betont Effinger. Das Projekt läuft seit neun Monaten und steht kurz vor dem Abschluss. Ob es nicht vielleicht effizienter gewesen wäre, für diese Aufgabe einen privaten Dienstleister ins Boot zu holen? Hammerschmidt räumt ein, dass es Überlegungen dazu gegeben habe. „Wir sind jedoch mit unserer Entscheidung sehr zufrieden“, so der Geschäftsführer.

Kleine Verbesserungen, große Wirkung

Wenn es um Innovationen bei kleinen und mittleren Unternehmen geht, stehen oftmals überschaubare Verbesserungen und Prozessoptimierungen im Mittelpunkt, die den Arbeitsalltag erleichtern. So auch beim Optikerbetrieb Bruckmann in Köln. Peter Bruckmanns Geschäft mit zehn Angestellten wurde kürzlich als bester Handwerksbetrieb Kölns ausgezeichnet. Rund die Hälfte seines Umsatzes erwirtschaftet Bruckmann mit Kontaktlinsen, die ihm international agierende Hersteller liefern. 
Und so vielfältig seine Bezugsquellen sind, so vielfältig sind auch die Barcodes auf den Verpackungen, was für Bruckmann und viele Kollegen in der Branche ein echtes Ärgernis darstellt. Die Codes sind nicht vereinheitlicht, zudem gibt es häufig fehlerhafte Einträge in den Stammdaten. Erschwerend kommt hinzu, dass die Lieferscheine nicht digital, sondern auf Papier vorliegen. Das führt zu manuellen Nacharbeiten und unnötigen Kosten. „Ein Mitarbeitender ist täglich einen halben Tag nur damit beschäftigt, die gelieferte Ware ins System einzulesen und die Linsen den Kunden zuzuordnen“, sagt Bruckmann. Ihm geht es darum, eine einheitliche Datenbasis herzustellen. „Auf dieser Basis kann die Arbeitslast um bis zu 90 Prozent reduziert werden“, ist sich Bruckmann sicher.
Da ein solches Vorhaben von einem Optikergeschäft nicht allein zu stemmen ist, wandte sich der Optikermeister an das Mittelstand-Digital Zentrum WertNetzWerke, das zum Mittelstand-Digital Netzwerk gehört. Mit diesem unterstützt das Bundeswirtschaftsministerium die Digitalisierung. „Wir begleiten KMU dabei, digitale Technologien praktisch einzusetzen“, sagt Guido Hammer, Projektmanager Digitalisierungsprojekte beim Mittelstand-Digital Zentrum. „Vor diesem Hintergrund wurden im Rahmen eines branchenübergreifenden Projekts die aktuelle Situation analysiert und Potenziale für eine stärkere Digitalisierung und Standardisierung identifiziert“, so Hammer. Entstanden ist ein 25-seitiges Papier, das die geforderten Standards festschreibt und, so hofft Hammer, noch in diesem Jahr in die Umsetzung kommt. „Durch dieses Papier wird unser Anliegen nun endlich ernst genommen“, sagt Bruckmann. „Jetzt müssen auch die Multiplikatoren, wie beispielsweise Verbände, tätig werden“, ergänzt Hammer. 

Kooperation zahlt sich aus

Ob Scooter, E-Bikes oder E-Roller: Neben Pkws produziert die Autoindustrie mittlerweile auch eine Vielzahl an Klein- und Kleinstfahrzeugen mit Elektromotoren. Diese Produkte entstehen häufig in individualisierten Varianten. Es sind Neuentwicklungen, die hochflexible Fertigungsmethoden erfordern. Das stellt Zulieferer der Automobilindustrie vor Herausforderungen, darunter die Adolf Neuendorf GmbH, die in Berlin gut 50 Mitarbeiter beschäftigt.
Um eine Automatisierungslösung zu entwickeln, hat sich das Unternehmen mit dem Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik IPK zusammengetan. Es ist neben der TU Berlin Partner im Branchenprojekt Retranetz Berlin-Brandenburg. Dessen Reallabor unterstützt vor allem KMU aus dem Bereich der Fahrzeug- und Zulieferindustrie bei Transformationsprozessen hin zu CO2-neutraler Mobilität. „Wir haben gemeinsam ein einmaliges Greiferkonzept entwickelt, mit dem uns im Bereich der Automatisierung ein wichtiger Meilenstein gelungen ist“, sagt Thoralf Thimian, Leiter der Abteilung Automation bei Neuendorf. Es handelt sich dabei um den Einsatz eines kollaborativen Roboters, kurz Cobot, der eine u-förmig gebogene Steckspule, einen sogenannten Hairpin, in einen Elektromotor einsetzt.
„Die Herausforderung bestand darin, dass die Hairpins eine spezifische Kontur haben, weshalb der Prozess eine außergewöhnlich hohe Präzision erfordert“, erklärt Thimian. Ein weiterer wichtiger Schritt sei die Integration von Künstlicher Intelligenz in die vielen manuellen Fertigungsprozesse gewesen. „Die Integration von KI und Automation hat nicht nur die Effizienz unserer Prozesse gesteigert, sondern auch unsere Flexibilität erhöht, was uns in die Lage versetzt, auf unterschiedliche Kundenanforderungen schneller zu reagieren“, so Thimian. Diese Flexibilität biete einen klaren Wettbewerbsvorteil im Vergleich zu den starren, großformatigen Maschinen auf dem Markt. Neuendorf hat nun die Nase vorn: Innovationskraft ist eben keine bloße Frage der Unternehmensgröße, sondern eine der cleveren Kooperation.

So klappt’s mit dem Wissenstransfer

Innovationen auf den Weg bringen.
Doch wie? Drei Anlaufstellen für KMU:

IHKs
Sie helfen mit Infomaterialien und Unterstützung bei der Ausarbeitung von Kooperationsverträgen weiter. Die IHK München bietet dazu auch das Programm „Stark durch Kooperation“ an.

Fraunhofer-Gesellschaft
Sie bietet vielfältige und gezielte Zusammenarbeitsprogramme für KMU an, die auf die organisatorischen und technischen Rahmenbedingungen von Mittelständlern eingehen.

Förderdatenbank
Einen umfassenden Überblick über bundesweite Initiativen bietet die Datenbank „Förderzentrale Deutschland“.


Quelle: Magazin "Creditreform"
Text: Lisa Priller-Gebhardt
Bildnachweis: Fraunhofer IPK



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