Neue Perspektiven für die deutsche Wirtschaft
Amerika zieht Zollschranken hoch, China produziert zunehmend selber, Russland konzentriert sich auf Kriegswirtschaft. Für deutsche Exporteure – insbesondere viele mittelständische Unternehmen − bricht ein Markt nach dem anderen weg. Neue Freihandelsabkommen kommen da wie gerufen: Sie markieren eine Neuausrichtung der europäischen Handelspolitik.

Die Inder sind kein Volk von Biertrinkern – Christian Klemenz zum Trotz. Schon vor 15 Jahren fiel dem damaligen BWL-Studenten während eines Auslandssemesters auf, dass deutsches Bier nirgends auf dem Subkontinent zu kaufen war. „Und dann habe ich mir in jugendlicher Naivität eingebildet, ich muss das jetzt ändern und muss derjenige sein, der deutsches Bier nach Indien bringt“, erinnert sich der Franke. 2012 begann er mit dem Export, ein eigens für den indischen Markt konzipiertes Kellerbier mit Röstmalzaroma. Doch bis heute bleibt sein Bier ein Nischenartikel − Umsätze und Importmengen stagnieren seit Jahren.
Das Freihandelsabkommen, auf das sich die EU im Januar 2026 mit Indien geeinigt hat, das zwar noch ratifiziert werden muss, könnte neue Kräfte freisetzen. „Durch die neue Entwicklung ist Indien für uns wieder interessant und soll mehr in den Fokus rücken“, kündigt Klemenz an. Immerhin sieht das Übereinkommen vor, dass die Zölle auf Bier von aktuell 110 auf 50 Prozent sinken sollen. „Das gibt schon die Hoffnung, dass Importbiere in Zukunft eine größere Rolle im indischen Markt spielen können“, sagt er und ergänzt: „Wenn man sich quasi ein paar Prozent abknapst von dem Markt, dann ist das ja in absoluten Zahlen schon ein riesiger Wert.“
Indien ist mit seinen 1,45 Milliarden Menschen das einwohnerstärkste Land auf dem Globus und wächst dynamisch. Nach Berechnungen des Kiel Instituts für Weltwirtschaft könnte das Freihandelsabkommen Indiens Exporte in die EU um 41 Prozent und die EU-Exporte nach Indien gar um 65 Prozent steigern.
Neben dem Zollabbau sind auch einfachere Zertifizierungs- und Zulassungsverfahren vorgesehen, außerdem ein größerer Schutz geistigen Eigentums und Streitbeilegungsmechanismen. Darüber hinaus sieht der Handelspakt Erleichterungen für qualifizierte Arbeitskräfte und Dienstleister vor. Ein möglicher Hebel im Kampf gegen den Fachkräftemangel. Zugleich könnten regulatorische Kooperationen und die gegenseitige Anerkennung von Standards Innovationsprozesse beschleunigen, etwa wenn Produkte schneller zugelassen oder Technologien leichter skaliert werden können. Mehr als die Hälfte der deutschen Unternehmen sagte in einer KPMG-Umfrage, dass sie Indien bis 2030 als Produktionsstandort für den regionalen Markt nutzen wollen. Für viele Mittelständler geht es dabei um nicht weniger als ihre strategische Positionierung in einer fragmentierten Weltwirtschaft.
So auch für Lapp, ein mittelständisches Unternehmen für Kabel und Verbindungstechnik. Schon seit 1996 sind die Stuttgarter mit einer eigenen Landesgesellschaft in Indien aktiv. Im Sommer 2026 soll die Erweiterung ihres Werks in Bhopal abgeschlossen sein, in dem Industriekabel gefertigt werden. Zudem betreibt das Familienunternehmen in der Hauptstadt des Bundesstaates Madhya Pradesh eine Compoundieranlage, um Kunststoffrezepturen herzustellen. „Indien ist einer unserer am stärksten wachsenden Märkte und heute unser größter nach Deutschland“, sagt CEO Matthias Lapp. Lapp setzt zwar auf die Local-for-Local-Strategie, produziert in Indien also hauptsächlich für den indischen Markt. „Doch natürlich profitieren auch wir von den wegfallenden Handelsbarrieren. Zusätzlich verspricht die Vereinbarung eine neue Dynamik bei unseren Kunden, was sich auch positiv auf unser Geschäft in Deutschland und Indien auswirken kann“, so Lapp. „Das neue Abkommen ist eine große Chance für deutsche Unternehmen – und längst überfällig“, sagt der Schwabe und fügt hinzu: „Ein einfacher Markt ist Indien sicherlich nicht. Doch ich bin zu hundert Prozent überzeugt: Der Aufwand lohnt sich.“
Türöffner für neue Märkte
Noch nicht ratifiziert ist das sogenannte Mercosur-Abkommen, das nach einem EU-Beschluss aber möglichst rasch, vermutlich ab Mai 2026, vorläufig angewendet werden soll. Damit wird das Übereinkommen zunehmend zum politischen Prüfstein dafür, wie konsequent die EU ihre Handelspolitik in Richtung neue Partnerschaften weiterentwickelt – und wie sie wirtschaftliche Interessen mit geopolitischen Anforderungen in Einklang bringt. Vertragspartner der Europäer sind hier die Staaten der lateinamerikanischen Wirtschaftsvereinigung Mercosur − Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay. Gerade für den exportorientierten deutschen Mittelstand eröffnen sich hier neue zusätzliche Wachstumschancen in bislang schwer zugänglichen Märkten.
Den Sprung über den Atlantik hat der mittelständisch geprägte Landmaschinenhersteller Grimme aus dem niedersächsischen Damme gewagt. Nach eigenen Angaben befindet er sich in Brasilien aktuell „im Marktaufbau“. Anfang 2026 eröffneten die Niedersachsen ein kleines Vertriebsbüro in São Paulo. Nicht wegen des vermeintlich verheißungsvollen Mercosur-Abkommens, sondern weil „sich Brasilien beim Anbau von Kartoffeln und Gemüse in der Mechanisierung mit großen Schritten weiterentwickelt und wir mit eigenen Mitarbeitern vor Ort diese besser einschätzen und mitbegleiten können“. Grimme, durch die Russland-Sanktionen in einem seiner Schlüsselmärkte schwer getroffen, erwartet vor Ort eine steigende Nachfrage, weil es in Südamerika keinen Hersteller für professionelle Kartoffelerntemaschinen gebe – und nimmt die hoffentlich eintretenden Mercosur-Vorteile gerne mit.
„Made in Germany hat in Südamerika noch einen hervorragenden Klang und wird weiterhin als Gütesiegel geschätzt“, sagt CMO Wolfram Wege von OpenTAS aus Hamburg, einem Anbieter, der Software für den Betrieb von Tanklagern und Terminals entwickelt und somit dafür sorgt, dass Öl, Gas und Chemikalien effizient gelagert, umgeschlagen und weiterverteilt werden. „Südamerika ist unser zweitgrößter Markt.“ Im Ausland wird das Geschäft über Partnerfirmen abgewickelt, eigene Niederlassungen oder Mitarbeiter gibt es in Lateinamerika nicht. Dabei soll es vorerst auch bleiben, aber, so Wege: „Ein Freihandelsabkommen eröffnet ganz neue Möglichkeiten.“
Laut einer Umfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) sehen viele Unternehmen die größten Vorteile nicht in der Senkung von Zöllen, sondern in der Reduzierung der technischen Handelshemmnisse. Zudem erhalten deutsche Firmen durch den Deal freien Zugang zu öffentlichen Aufträgen. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) geht davon aus, dass vor allem kleine und mittlere Unternehmen – also der industrielle Mittelstand − den größten Nutzen hätten, da sie von Handelshemmnissen überproportional belastet würden.
Auch Südostasien rückt in den EU-Fokus
Das EU-Freihandelsabkommen mit Indonesien ist das dritte im Bunde, das die europäische Staatengemeinschaft zuletzt ausgehandelt hat, wenngleich auch hier die Ratifizierung noch aussteht. Auch für viele Mittelständler ist Südostasien damit zunehmend Teil ihrer Internationalisierungsstrategie. Bereits im November 2025 startete Bosch in Indonesien den Bau seiner weltweit ersten modularen Produktionsanlage in Cikarang östlich der Hauptstadt Jakarta. Ab 2027 will Bosch elektronische Steuergeräte, elektrische Motorkühlgebläse und Scheibenwischer für den lokalen Markt produzieren. „Eine Tatsache, die in Deutschland gerne vergessen wird, ist, dass der indonesische Markt größer ist als Vietnam, Malaysia und Thailand zusammengenommen. Als Exportmarkt ist Indonesien sehr attraktiv, als Produktionsstandort gibt es noch Aufholbedarf im Vergleich zu anderen Ländern Südostasiens“, sagt Tom Pagels, Geschäftsführer Indonesien der Beratungsgesellschaft Rödl.
Ein handfester Vorteil für ausländische Investoren besteht darin, dass die Mindestkapitalanforderung seit vergangenem Oktober nur noch bei umgerechnet rund 130.000 Euro liegt, zuvor waren es circa 520.000 Euro – eine satte Reduzierung um drei Viertel. „Das macht schon einen deutlichen Unterschied, weil für viele Unternehmen aus dem Ausland der Markteintritt realistisch wird“, so Pagels.
Parallel dazu treibt die EU ihre Handelsoffensive im pazifischen Raum weiter voran. Ende März einigten sich die Europäer auch mit Australien auf ein Freihandelsabkommen. Es gilt als geopolitisch wichtig, weil es die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit einem strategischen Partner im Indopazifik vertieft. Für spezialisierte mittelständische Anbieter eröffnen sich damit zusätzliche Exportchancen in den Bereichen Industrieprodukte und Agrartechnik sowie Dienstleistungen.
Übrigens: Auch mit Vietnam handelte die EU ein Freihandelsabkommen aus. Seit über fünf Jahren ist dieses nun schon in Kraft. In dieser Zeit legte das Handelsvolumen zwischen beiden Wirtschaftsräumen stark zu. Während die Vietnamesen immer mehr Handys, Schuhe, Möbel und Cashewnüsse nach Europa schicken, tun sich die Europäer ungleich schwerer, ihre Produkte nach Südostasien zu verkaufen. Vor wenigen Monaten reiste daher EU-Handelskommissar Maroš Šefčovič nach Hanoi, um praktikablere Einfuhrgenehmigungen für Autos und Agrarprodukte aus Europa anzumahnen. Diesbezüglich liege noch einiges im Argen. Denn eigentlich soll ein Freihandelsabkommen vor allem eines sein: ein Win-Win-Geschäft – für beide Seiten.
Quelle: Magazin "Creditreform"
Text: Sebastian Wolking
Bildnachweis: Getty Images
Wir sind für Sie da: Creditreform vor Ort
Wir sind für Sie da:
Creditreform vor Ort
Sie haben Fragen zu unseren Produkten und Lösungen? Wir beraten Sie gerne. Finden Sie hier Ihren persönlichen Ansprechpartner.