Creditreform Magazin

„Wir sind einmalig und müssen an uns glauben“

Nach 30 Jahren in den USA ist der Energie-Experte Martin Keller in seine Heimat zurückgekehrt. Als neuer Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft will der Wissenschaftsmanager helfen, den Innovationsstandort Deutschland an die internationale Spitze zurückzuführen. Doch wie gelingt der Turnaround in einem Land, das im Krisenmodus auch Forschungsausgaben einfriert?

Herr Keller, Sie touren seit November vergangenen Jahres durch alle 18 Helmholtz-Zentren in Deutschland. Wie ist die Stimmung bei den Wissenschaftlern, die Sie treffen?

Die Stimmung ist nicht so schlecht. Viele Wissenschaftler sind super happy, wenn sie sehen, dass sie einen Beitrag für die Wirtschaft und die Gesellschaft leisten können. Und wir haben hier in Deutschland ja eine ganze Reihe von Problemen, zu deren Lösung die Wissenschaft etwas beitragen kann.
 

Helmholtz ist da, „wo die Action ist“, sagten Sie nach Ihrer Wahl zum Helmholtz-Präsidenten. Was sind aktuell die wichtigsten Handlungsfelder für Sie?

Die Stärke der Grundlagenforschung und deren umfangreiche Förderung durch den Staat unterscheidet uns in Deutschland. Grundlagenforschung ist wichtig und wird wichtig bleiben – auch wenn man am Anfang nicht weiß, wie sich die Erkenntnisse in Richtung Wirtschaft bewegen können. Aber wir müssen uns auch fragen, wie unsere Forschung Innovationen vorantreiben und gezielt der Wirtschaft helfen kann. In den USA ist die Zusammenarbeit mit der Industrie gang und gäbe. Diesen Bereich werden wir uns auch bei Helmholtz verstärkt anschauen – etwa mit Blick auf neue Materialien oder die Zielgenauigkeit von Medikamenten.
 

Sie waren 30 Jahre in den USA tätig – zuletzt zehn Jahre lang als Leiter des National Renewable Energy Laboratory (NREL). Gab es bei der Rückkehr einen Kulturschock?

Es war schon ein Abenteuer. Wir sind 1996 in die USA gegangen. Ich habe hier alles wiederholen müssen: Steuernummer beantragen, und bin jetzt in den letzten Zügen für den deutschen Führerschein. Die Leute beim Einwohnermeldeamt sind super nett, aber die Prozesse sind kompliziert. Diese Bürokratie ist ein Problem.
 

Das NREL ist inzwischen auf Druck von Präsident Trump, der die Erneuerbaren bekämpft, zwangsweise in National Laboratory of the Rockies umbenannt worden. Wie stark hängen Innovationen vom Goodwill der Regierungen ab?

In vielen Ländern hat die Politik einen Einfluss auf die generelle Ausrichtung der Forschung. Wahlen haben Konsequenzen. Das ist kein Problem, wenn die Regierung Vorschläge macht und es den Forschern überlässt, wie sie sie umsetzen. Kompliziert wird es, wenn wie nun in Amerika ein Pingpong-Mechanismus einsetzt: von Trump zu Biden und zurück zu Trump. Das sind Schwingungen, die man kaum mehr überschauen kann als Wissenschaftler. Jetzt will Trump die Erneuerbaren auf null setzen und er versucht durchzuregieren, bis zu der Frage, ob bestimmte Wissenschaft noch stattfindet oder nicht. Die Frage für uns in Deutschland ist: Was können wir daraus lernen, um unsere demokratischen Werte weiter zu schützen.
 

Ihr Fachgebiet sind erneuerbare Energien. Viele Unternehmen in Deutschland klagen über hohe Strompreise als Standortnachteil. Wer hat den besseren Hebel: Politik oder Forschung?

Die Wende zu den Erneuerbaren werden wir nicht aufhalten können. Das finde ich gut und richtig. Wir müssen nun überlegen, wie wir die Balance finden zwischen Dekarbonisierung und den Kosten der Energie. Wenn wir CO₂-neutral sind, aber keine Industrie mehr haben, ist das auch ein Problem. In Amerika wird Deutschland noch als führende Nation in Umwelttechnologien gesehen. Wir waren ja Vorreiter in solaren Technologien und haben weltweit viel angestoßen. Darauf können wir stolz sein. Dasselbe gilt für die Windenergie. Aber wir müssen jetzt überlegen, was die nächsten Schritte sind – und dabei im Blick haben, dass wir unsere mittelständischen Betriebe nicht aus der Konkurrenz schubsen.
 

Das Wachstum in Deutschland stagniert seit Jahren, die Stimmung in vielen Unternehmen ist schlecht. Deren Ausgaben für Forschung und Entwicklung sind 2024 nur noch annähernd in Höhe der Inflation um 2,3 Prozent gestiegen, manche Kernbranchen wie die Pharmazie haben sie sogar verringert. Ein gefährlicher Kurs? 

Man muss sich fragen, warum Innovation in Deutschland stagniert. Die einfachste Erklärung wäre zu sagen: Es liegt nur am Geld. Aber das greift zu kurz. Wir müssen überlegen, ob wir noch die richtigen Strukturen haben. Die jetzige Bundesregierung hat sehr gut erkannt, dass die Bürokratie die Innovation hemmt.
 

Wie genau kann es gelingen, neuen Schwung zu holen?

Wir gehen das zum Beispiel mit dem „Aufbruch Helmholtz 26“ an: Wir stellen uns die Frage, wie wir das, was wir machen, vor jedem Bundesbürger rechtfertigen können. Wie münzen wir die Steuermittel in etwas um, das das Leben verbessert. Dazu müssen wir uns fragen: Wie können wir noch mehr leisten für die Wissenschaft und das Wohl der Bevölkerung? Wie können wir Prozesse beschleunigen und auch in unserer Gemeinschaft Bürokratie herausnehmen?


Kann am Ende die Politik von Ihnen lernen?

Generell müssen wir Innovationsprozesse in Deutschland deutlich vereinfachen, um als Standort zurückzukommen. Es darf nicht neun bis zwölf Monate dauern, einen einfachen Vertrag über geistiges Eigentum aufzusetzen. Dafür hat die Industrie keine Zeit. Ein weiteres Problem, aus eigener Erfahrung: Es ist dermaßen kompliziert, in Deutschland irgendetwas zu bauen. Wir müssen das erleichtern – und zwar jetzt, nicht in fünf Jahren.


Was können Hochschulen und Institute selbst tun, damit ihre Erkenntnisse schneller in die Anwendung kommen?

Ein weltweit einmaliges Beispiel ist die Fraunhofer-Gesellschaft. Die Institute arbeiten gezielt mit Firmen, häufig mit Mittelständlern. Wir bei Helmholtz machen im Gegensatz dazu keine klassische Auftragsforschung. Aber unser Ziel sind langfristige Partnerschaften mit Unternehmen, um Innovationen voranzutreiben.


Wie genau sieht das in der Praxis aus?

Ein Vorbild könnte das NREL sein. Dort haben wir rund 1.100 Kooperationen mit Unternehmen gehabt. Die erfolgreichsten waren immer eine Public Private Partnership. Man bringt die Wissenschaftler und Entwickler aus beiden Camps zusammen, bündelt also das Know-how der Wissenschaft und der Industrie zu einem frühen Zeitpunkt. Das funktioniert nicht nur für große Firmen, sondern auch mit dem Mittelstand und Start-ups. Bei Start-ups ist die Erfolgsquote normalerweise eins zu zehn. Bei unseren Partnerschaften am NREL lag sie bei eins zu drei.


Ihr Erfolgsrezept?

Wir haben Start-ups mit ihren neuen Produkten direkt mit einem großen Anwender zusammengebracht und so die Schwelle für den Markteintritt gesenkt. Da ging es etwa um eine neue Gebäudedämmung für den Finanzdienstleister Wells Fargo. Auch Shell und Chevron haben wir nach diesem First-Customer-Prinzip mit Start-ups zusammengebracht.

Das sind alles Großkonzerne. Wie können Public Private Partnerships mit Mittelständlern entstehen, die ja oft nicht so große Forschungsabteilungen haben und keine drei Leute für ein Projekt mit Helmholtz abstellen können?

Bei mittelständischen Unternehmen haben wir häufig auf Konsortien gesetzt. Und dort auf die sogenannte Pre-Competitive Innovation – also auf Forschung, die nicht wettbewerbsrelevant ist. Da geht es beispielsweise um Verfahren für die Verarbeitung von Seltenen Erden im Clean-Tech-Sektor. Keine kleinere Firma kann das alleine lösen. Also liegt es nahe, sich zusammenzutun.


Helmholtz hat jüngst drei Forschungskampagnen gestartet. Ein Feld ist das Quantencomputing. Wie profitiert die Wirtschaft?

Quantencomputing ist einer der Bereiche, in denen Deutschland weltweit noch mit in der Führungsposition ist – von Materialien bis hin zu den Systemen. Da müssen wir dranbleiben. Weil im Quantencomputing der nächste große Schritt zu erwarten ist, vergleichbar mit dem vom Klapphandy zum iPhone.


Laut einem Gutachten des Wirtschaftsministeriums investieren Unternehmen in Deutschland aber zu wenig in solche Spitzen- und Zukunftstechnologien – dafür eher in Mitteltechnologie wie den Automobilbau. Wird von der deutschen Wirtschaft quasi am Bedarf vorbeigeforscht?

Ich bin kein Wirtschaftsweiser und lerne gerade, was hier läuft. Aber wenn man das von außen betrachtet, macht es mir schon ein bisschen Sorgen. Wie lange liegt die letzte große Innovation der deutschen Industrie zurück? Wir haben faszinierende Indus­trien, deren grundlegende Entwicklungen aber schon sehr alt sind. Bei jüngeren Innovationen sind wir im Moment nicht vorne dabei. Auf diesen neuen Feldern kann man nur mit schnellen, agilen Prozessen erfolgreich sein – und das kombiniert mit Venture Capital. Ich sage bewusst nicht Risikokapital, dieses Wort bleibt mir im Hals stecken. Venture bedeutet Aufbruch. Risiko steht für die Angst vor Geldverlust.


Wenn es aber so schwerfällt, das Forschungstempo der USA oder von China mitzugehen – wie soll in Deutschland das berühmte Leapfrogging gelingen, also große Innovationssprünge?

Ich bin ein optimistischer Mensch. Wenn wir nicht mehr dran glauben, ist das eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Wir müssen an uns glauben. Wir sind eine einmalige Nation und haben viel geschafft. Jetzt ist es an der Zeit, sich grundsätzlich folgende Frage zu stellen: Reicht es uns, durchschnittlich zu sein?


Das Bildungsministerium betonte anlässlich Ihrer Wahl, dass Sie ein Spitzenforscher und zugleich ein „erfolgreicher Forschungsmanager“ seien. Worauf kommt es da an?

Wissenschaft ist ein Team-Sport, also muss man gute Teams bauen. Als ich 1987 meine Doktorarbeit geschrieben habe, da brauchte man ein gutes Mikroskop, ein paar Gläser, ein paar Pipetten – und man hat tolle Forschung machen können. Heutzutage ist so keine Spitzenforschung mehr möglich, es wird immer komplexer. Man verbindet die Umweltforschung mit Energie, mit Medizin und Informationstechnologie. Wissenschaft und auch Unternehmen verändern sich grundlegend. Die neuen Verfahren können nur noch Querschnitts-Teams beherrschen. Sie bestimmen die Zukunft im Forschungs-Management.


Wie wichtig ist es da, dass Deutschland attraktiv für Wissenschaftler aus dem Ausland ist?

Wir müssen das stärken. Ursprünglich haben wir gehofft, dass wir nach der Wahl von Trump viele amerikanische Wissenschaftler zu uns ziehen können. Da war ich immer skeptisch. Aber es gibt andere Möglichkeiten: In Indien etwa war es gang und gäbe, dass die Top-Talente in die USA gehen. Heute nicht mehr. Einer meiner jungen indischen Mitarbeiter beim NREL wurde in einer Shoppingmall in Denver festgenommen und einen ganzen Tag befragt. Er sagt danach: „Martin, ich kann nicht mehr, ich muss hier weg.“ So etwas spricht sich herum. Die Top-Talente, die immer nach Amerika gegangen sind, könnten jetzt zu uns kommen. Das ist eine einmalige Chance für Deutschland und ganz Europa.

Zur Person

Martin Keller (60) ist seit dem 1. November Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren. Sie umfasst mit einem Budget von jährlich 6,4 Milliarden Euro 18 Helmholtz-Zentren und hat 48.000 Mitarbeiter. Vor seinem Wechsel an die Helmholtz-Spitze lebte der promovierte Mikrobiologe rund 30 Jahre lang in den USA. Der gebürtige Regensburger arbeitete zunächst zehn Jahre lang bei dem Biotech-Unternehmen Diversa Corporation. Es folgte 2006 der Wechsel zum Oak Ridge National Laboratory, dem führenden Wissenschafts- und Energieforschungszentrum des US-Energieministeriums. Von 2010 bis 2015 war Keller hier als Associate Laboratory Director für Energie und Umweltwissenschaften tätig. Anschließend leitete er das nationale Forschungszentrum für Erneuerbare der USA, das National Renewable Energy Laboratory (NREL) mit einem jährlichen Forschungsbudget in Höhe von einer Milliarde Dollar.


Quelle: Magazin "Creditreform"
Text: Thomas Mersch
Bildnachweis: Helmholtz, Phil Dera



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