Zukunftsfest dank Green Tech
Innovationen lassen sich in kleineren Betrieben schneller durch- und umsetzen als in Konzernen. Wie der Mittelstand diesen Vorteil nutzen und sich mit smarten, grünen Prozessen Wettbewerbsvorteile sichern kann.

Nachhaltigkeit ist ein wichtiger Faktor für den Unternehmenserfolg, das hat der Mittelstand in Deutschland längst verstanden. Mehr als 90 Prozent der Unternehmen stufen das Thema als wichtig ein: Sie erhoffen sich Effizienzgewinne, Kosteneinsparungen, wollen Kundenanforderungen erfüllen und ihre Reputation verbessern, so das Ergebnis einer aktuellen Studie von Grant Thornton und YouGov. Zwar sind die meisten KMU ab 2026 von den ESRS‑Berichtspflichten (European Sustainability Reporting Standards) der EU ausgenommen und müssen ihre CO₂‑Bilanz sowie weitere Nachhaltigkeitsaktivitäten nicht offenlegen. Dennoch dokumentieren rund 60 Prozent der Mittelständler ihre Bemühungen freiwillig. Dafür bieten sich einfache und speziell für KMU entwickelte Berichtsstandards wie der Voluntary Sustainability Reporting Standard (VSME) an.
KMU halten Nachhaltigkeit jedoch nicht nur für wichtig, sie setzen sie auch vielfach praktisch um. Green Tech und nachhaltige IT bieten dabei konkrete Ansätze, um die Energieeffizienz zu verbessern und den ökologischen Fußabdruck zu verkleinern. Umweltaspekte stehen ebenso im Fokus wie handfeste wirtschaftliche Vorteile: Sinkt der Verbrauch durch effizientere Systeme oder die Integration in eine Kreislaufwirtschaft, spart das Unternehmen Ressourcen sowie Kosten und verschafft sich gleichzeitig einen Marktvorteil, der weit reicht. Denn Nachhaltigkeit beeinflusst auch Kaufentscheidungen, Investitionen und die Bildung von Partnerschaften im Mittelstand. Sie spielt zudem bei der Arbeitgeberwahl vieler Fachkräfte eine große Rolle. KMU, die sich früh um digitale und technologische Nachhaltigkeitslösungen kümmern, zeigen damit Verantwortung, erhöhen ihre Attraktivität und stärken gleichzeitig ihre Wettbewerbsfähigkeit. Darüber hinaus verlangen Großunternehmen zunehmend Nachhaltigkeitsnachweise entlang der Lieferkette.
Grüne Marktchancen realisieren
Um KMU bei ihrer nachhaltigen Transformation zu unterstützen, fördert das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) seit 2012 ein Netzwerk von Mittelstand-Digital‑Zentren. Hier gibt es Beratung, Schulungen und tatkräftige Projektinitiativen, die bei der Umsetzung zukunftsträchtiger Digitalisierungs- und Nachhaltigkeitsmaßnahmen helfen. Eines der Projekte bringt zum Beispiel einem Wuppertaler Betrieb bei, den eigenen Energieverbrauch detaillierter zu erfassen. Das hat viele Vorteile.
„Ressourcenschonendes Verhalten war für uns auch betriebswirtschaftlich schon immer interessant“, sagt Klaus Weskott, Geschäftsführer von Textile Dyehouse. Seine Firma mit zehn Beschäftigten ist auf das Färben und Veredeln von Textilien spezialisiert – eine Dienstleistung, die als Vorbereitung für die Herstellung von Markenprodukten dient. Das 1895 von Weskotts Urgroßvater am historischen Textilstandort Wuppertal gegründete Unternehmen gehört heute zum lettischen Hersteller Lauma Fabrics.
Die großen Kunden des KMU unterliegen zunehmend strengen Nachhaltigkeits- und Transparenzpflichten wie der ESRS. Diese verpflichtet die Produzenten, ihre gesamte Lieferkette offenzulegen und nachzuweisen, dass auch ihre Zulieferer nachhaltig arbeiten. „Für uns bietet sich damit eine Chance, im hochpreisigen Europa überlebensfähig zu bleiben“, erklärt Weskott. Textile Dyehouse setzt darum im Geschäftsmodell auf Nachhaltigkeit.
Als Zulieferer großer Konzerne muss die Firma bereits Umweltstandards nach dem Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz nachweisen und den eigenen CO₂-Fußabdruck ermitteln. Geschäftsführer Weskott rechnet zudem damit, dass für eine Zertifizierung nach DIN 50001 künftig auch detaillierte Energieverbräuche nachgewiesen werden müssen. Die Norm schreibt vor, wie Unternehmen ihre Effizienz steigern, Kosten senken, Emissionen reduzieren – und Nachhaltigkeit belegen. Bei Textile Dyehouse fehlen bislang ausreichend Zähler, um den Energieverbrauch präzise zu messen.
Virtuell Energieverbräuche ermitteln
Als das Deutsche Institut für Textil- und Faserforschung (DITF) und das Mittelstand-Digital Zentrum „Smarte Kreisläufe“ den Wuppertalern die Teilnahme an einem Innovationsprojekt anboten, das sich mit der Simulation und Analyse von Energieverbräuchen beschäftigt, war Weskott sofort dabei. Gemeinsam entwickelten sie ein Konzept, um den Verbrauch von Strom und Wasser virtuell zu ermitteln und Abweichungen rechnerisch darzustellen. Mithilfe eines Excel-Modells und thermodynamischer Formeln berechnete das DITF die Werte für jeden Prozessschritt der Produktion, also etwa Aufheizen, Ruhen und Spülen. Diese wurden dann mit vorhandenen Ist-Daten abgeglichen. Daraus erstellte das Projektteam ein MFCA-Modell (Material Flow Cost Accounting), das Energieverbrauch und CO₂-Fußabdruck der Prozesse ermitteln kann. „Wir werden mit unserem neuen Wissen in der Lage sein, noch weitere Stellschrauben zu drehen, um noch mehr Energie einzusparen“, sagt Weskott.
Das Projekt ist damit aber nicht abgeschlossen. Zum einen ist geplant, mithilfe zusätzlicher Daten auch reale Verbrauchswerte zu ermitteln. Zum anderen entwickelt das DITF eine MFCA-Modulbibliothek: Das flexible Toolkit soll KMU künftig bei der Erfassung der Klimabilanz ihrer Produkte unterstützen. Die Modellbausteine für Standardprozesse verschiedener textiler Wertschöpfungsstufen lassen sich dabei kombinieren und verknüpfen. „Bei Textile Dyehouse haben wir die Möglichkeit, diesen Baukasten für ausgewählte Produkte zu erproben“, erklärt Guido Grau, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim DITF. Die Wuppertaler Firma ist nicht das einzige KMU, mit dem das Mittelstand-Digital Zentrum „Smarte Kreisläufe“ Digitalisierungsprojekte umgesetzt hat – insgesamt waren es in drei Jahren 37 Unternehmen.
Schnelligkeit strategisch nutzen
Unternehmen können gleich mehrfach davon profitieren, wenn sie Digitalisierungs- und Nachhaltigkeitsmaßnahmen miteinander verbinden und Prozesse optimieren. So reduzieren digitale Workflows die manuelle Arbeit, sparen Zeit und senken Kosten. Gleichzeitig lassen sich auf diese Weise Energie- und Materialverbräuche transparent erfassen und optimieren. Das schlägt sich wiederum positiv in der Nachhaltigkeitsberichterstattung nieder.
Mittelständische Unternehmen haben oft einen entscheidenden Vorteil bei der Umsetzung von Nachhaltigkeitszielen: „Sie können schneller entscheiden, pilotieren und skalieren als viele Konzerne“, sagt Manuel Kosok, Geschäftsführer der auf den industriellen Mittelstand spezialisierten Possehl Consulting in Lübeck. Damit könnten sie beispielsweise auch schneller ressourceneffiziente Prozesse und transparente CO₂-Daten anbieten als Wettbewerber. Possehl Consulting verfolgt den Lean-Smart-Green-Ansatz. Das integrierte Konzept verbindet drei zentrale Prinzipien: „Lean“ steht für Effizienzsteigerung durch schlanke Prozesse, „Smart“ für Digitalisierung und intelligente Technologien sowie „Green“ für Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung.
Nach Einschätzung des Beratungsunternehmens führt der direkte und pragmatische Einstieg in nachhaltiges Wirtschaften über die Ressourceneffizienz. „Sie wird sofort in der Gewinn- und Verlustrechnung sichtbar: weniger Energie, weniger Material, weniger Ausschuss – also direkt weniger Kosten“, erklärt Kosok. Idealerweise wird Verschwendung in Prozessen eliminiert (Lean), etwa bezogen auf Wartezeiten, Nacharbeit, Ausschuss und Überproduktion. Gleichzeitig werden Verbräuche transparent gemacht (Smart), zum Beispiel mit digitalen Messungen von Energie, Gesamtanlageneffektivität und Ausschussquoten. „Jede eingesparte Kilowattstunde, jede Tonne weniger Material ist ein direkter Beitrag zu Klima- und Umweltzielen“, sagt Kosok. Das ist der Green-Aspekt des Ansatzes.
Gängige Fehler vermeiden
Nachhaltige IT und Green Tech versprechen viele Vorteile, stellen gerade mittelständische Unternehmen mit begrenzten finanziellen und personellen Ressourcen jedoch auch vor Herausforderungen. Häufig fehlt das notwendige Know-how im Betrieb. Hinzu kommen technologische Stolpersteine: KI Anwendungen, etwa zur Prozessoptimierung, liefern nur dann verlässliche Ergebnisse, wenn eine solide Datengrundlage vorhanden ist. Ohne strukturiertes Datenmanagement drohen ineffiziente Abläufe. Unternehmen sollten deshalb Schritt für Schritt arbeiten und sich nicht von kurzfristigen Hypes leiten lassen, rät eine Sprecherin des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi).
Auch bei kreislauforientierten Maßnahmen gilt Vorsicht: Veränderungen wirken sich oft auf die gesamte Wertschöpfungskette aus – von der Beschaffung über die Produktion bis hin zu Reparatur und Entsorgung. Ein ganzheitlicher Blick sowie der enge Austausch mit Lieferanten, Dienstleistern, Reparaturbetrieben und Entsorgern sind daher entscheidend. Stefan Persch, Fachberater für Nachhaltigkeitsmanagement im Mittelstand, warnt davor, einzelne Themen unstrukturiert anzugehen: Das führe zu Effizienzverlusten und lasse den Blick für das große Ganze verschwinden. Er unterstütze KMU deshalb dabei, ganzheitliche Strategien zu entwickeln und umzusetzen.
In dieselbe Richtung argumentiert auch die Managementberatung Possehl Consulting. Nachhaltigkeit dürfe nicht als isoliertes Zusatzprojekt verstanden werden, sagt Kosok. Einzelmaßnahmen wie Photovoltaikanlagen oder E‑Autos seien viel wirksamer, wenn sie in schlanke Prozesse und eine klare Datenbasis eingebettet sind. Zu dieser ganzheitlichen Sicht gehört auch, die Mitarbeiter nicht aus dem Blick zu verlieren: Change Management spielt eine zentrale Rolle für den Erfolg von strategischen und technischen Nachhaltigkeitsmaßnahmen. Wenn Beschäftigte die Transformation aktiv mitgestalten können, steigt ihre Motivation deutlich, neue Prozesse und Lösungen mitzutragen. Dieses Partizipationsmodell ist in KMU leichter zu realisieren als in personalstarken Konzernen: Ein nachhaltiger Pluspunkt im Kampf um die Loyalität qualifizierter Mitarbeiter angesichts des dramatisch zunehmenden Fachkräftemangels.
Green Tech und nachhaltige IT
Green Tech umfasst Technologien zur Reduktion des CO₂-Ausstoßes und zur effizienteren Nutzung von Ressourcen. Dazu gehören: energieeffiziente Hardware, erneuerbare Energien, Kreislaufwirtschaft (Recycling und Wiederverwendung), grüne Mobilität sowie der Einsatz von Sensorik und KI für Maschinenüberwachung und Predictive Maintenance, um Defekte frühzeitig zu erkennen und Energie- und Materialverbräuche gezielt zu steuern. Auch energieeffiziente Gebäude, intelligente Klimaanlagen, LED-Beleuchtung und Smart Grids tragen zur Energieoptimierung bei.
Nachhaltige IT fokussiert sich auf Energieeffizienz und Ressourcenschutz in der IT-Infrastruktur. Wichtige Maßnahmen sind der Einsatz von Cloud-Lösungen zur optimierten Nutzung von IT-Ressourcen und Virtualisierung, die den Stromverbrauch von Rechenzentren senken. Weitere Maßnahmen umfassen die Optimierung von Software für geringeren Energieverbrauch und die Verlängerung der Lebensdauer von Geräten durch Wartung und Refurbishing. Der Einsatz gebrauchter Softwarelizenzen ermöglicht es, ältere Geräte weiter zu nutzen. Zudem hilft die Automatisierung und Optimierung von Arbeitsabläufen durch Software und KI, manuelle Eingriffe zu reduzieren und den Energie- und Materialverbrauch zu senken.
Quelle: Magazin "Creditreform"
Text: Claudia Frickel
Bildnachweis: Getty Images
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