Brauchen wir Ratingagenturen?

Eine kritische Analyse von Dr. Ulrich Chiwitt. Der Dozent für Wirtschaftsethik lehrt seit zehn Jahren an mehreren deutschen Universitäten. Zuvor leitete Chiwitt 30 Jahre lang ein mittelständisches Unternehmen.

Standard & Poor's, Moody's und Fitch - die "Großen Drei" kannten vor zehn Jahren nur Finanzexperten. Heute sind nicht nur ihre Namen, sondern auch Begriffe wie "Triple A" oder "Ramschanleihen" der breiten Öffentlichkeit geläufig. Die 2007 begonnene "Subprime-Krise" war ein maßgeblicher Grund für das wachsende Interesse an Ratings und Ratingagenturen.
Kritikern zufolge hätten die Agenturen damals unter anderem innerhalb der Krise eine unheilvolle Rolle gespielt: Ihre kurzfristigen und unerwarteten Herabstufungen seien einer der wesentlichen Gründe für erhebliche Verluste und Verknappungen auf den Kreditmärkten gewesen. Erst Ende 2013 wies die europäische Börsenaufsicht ESMA (European Securities and Markets Authority) erneut auf eine Reihe von Defiziten im Ratingprozess von Ländern hin. Zwei weitere Kritikpunkte: Die Agenturen hätten zu lange gebraucht, um auf das Marktgeschehen zu reagieren, und ihre Ratingnoten zu spät heruntergestuft. Zudem wirft man einigen von ihnen vor, sie hätten die Emittenten bei der Strukturierung ihrer Produkte beraten, damit diese ein bestimmtes Rating erzielten. Und damit ist die Liste der Kritikpunkte noch längst nicht am Ende.

Zentrale Rolle im Finanzsystem

Das Image der Agenturen ist also in der breiten Öffentlichkeit stark belastet. Trotzdem spielen Ratingagenturen im globalen Finanzsystem eine zentrale Rolle. Ihre Tätigkeit erfüllt eine Vielzahl von volkswirtschaftlich nützlichen Aufgaben, die für die Funktionsfähigkeit des Finanzsystems von großer Bedeutung sind. Außerdem betonen die kritisierten Agenturen, ihre Ratings seien weder absolute Einschätzungen von Ausfallrisiken noch exakte Prognosen der Ausfallwahrscheinlichkeit. Das heißt: Aus Ratings lassen sich nur relative Kreditrisiken ableiten, die immer in Relation mit anderen Ratings zu sehen sind. Die Bewertungen sind auch keine Anlageempfehlungen, die Auskunft geben, ob es sinnvoll ist, einen Finanztitel zu kaufen oder zu verkaufen. Trotzdem nutzen viele Emittenten strukturierter Kreditprodukte gute Ratings als Verkaufshilfen.

Ihre wichtige Rolle im Rahmen von Basel II verschafft den Bewertungen zusätzliche Bedeutung. Die Folge: Die Agenturen nutzten in der jüngsten Vergangenheit die gestiegene Marktmacht und verlangen von Emittenten entsprechend höhere Preise. Die entstandene leichte Verfügbarkeit von Ratings führte zusätzlich zu einem schnellen Wachstum des Marktes. Wenig später löste die hohe Zahl von Herabstufungen der Bewertungen den Zusammenbruch des Marktes für strukturierte Produkte aus. Die grundsätzliche Verteufelung von Ratings und Ratingagenturen ist jedoch nicht gerechtfertigt. Denn professionelle Agenturen haben das Potenzial, im Zeitalter asymmetrischer Informationen, allen Marktteilnehmern den Zugang zu notwendigen Informationen zu ermöglichen. Durch die Bereitstellung einheitlicher und klarer Fakten über die mit den verschiedenen Finanzinstrumenten verbundenen Kreditrisiken können sie einen wertvollen Beitrag zu Überwindung von Informationsasymmetrien zwischen Investoren und kreditsuchenden Unternehmen leisten. Dies gilt insbesondere dann, wenn Kreditgeber direkt mit Kreditnehmern in Kontakt treten und dabei keine Möglichkeit haben, Informationen über den Kreditnehmer einzuholen und zu verarbeiten. Ratingagenturen können also Informationskosten reduzieren und die Preistransparenz verbessern. Eine eingehende Analyse des Kreditrisikos wäre für die meisten Investoren kaum praktikabel und in den meisten Fällen ineffizient.

Orientierung für kleinere Firmen

Darüber hinaus stellen die standardisierten Bonitätsbeurteilungen der Agenturen gerade für kleinere Investoren, die sich eine eigene Risikoeinschätzung nicht leisten können, eine wichtige Orientierungshilfe dar. Sie helfen, die Kapitalkosten zu senken, und tragen damit zu einer Vergrößerung der Zahl potenzieller Kapitalnehmer bei.

Außerdem erfüllen Ratings auch aus Sicht der Emittenten wichtige Funktionen. Ein Kreditnehmer kann, um bestimmte Anlegerkreise anzusprechen, potenziellen Kreditgebern freiwillig bestimmte interne Informationen zukommen lassen. So ist es möglich, bestehende Informationsasymmetrien zu verringern. Mithilfe eines solchen "Signallings" zeigt der Kreditnehmer möglichen Investoren seine Glaubwürdigkeit und Seriosität als Schuldner an und reduziert in der Regel auch seine Fremdkapitalkosten. Wer ein eigenes Rating in Auftrag gibt, erreicht eine noch höhere Glaubwürdigkeit aufgrund einer gewissen Objektivität der Agenturen. Ratings fungieren insofern als eine Art Zertifikat oder Gütesiegel, das die Marktchancen einer Emission erhöht.

Gradmesser für Anlagequalität

Zertifizierungsleistungen stellen somit eine weitere nützliche Funktion von Ratingagenturen dar. Ratings werden außerdem für die Klassifizierung von Finanztiteln in den Qualitätsstufen "Investment Grade" oder "Non Investment Grade" verwendet. Das hat Einfluss auf die institutionelle Nachfrage und wird für die Beurteilung der Anlagequalität herangezogen. Darüber hinaus haben die Bewertungen große Bedeutung für den Aufsichts- und Regulierungsprozess. Das gilt beispielsweise für die Rolle des Ratings bei der Berechnung der Baseler Eigenkapitalanforderungen. Und das sind nur wenige Beispiele für die Sinnhaftigkeit von Ratings.

Ratings bleiben unverzichtbar

Agenturen nehmen also eine zentrale Position im internationalen Finanzsystem ein. Zweifellos können ihre Urteile erhebliche negative Auswirkungen auf die Finanzmärkte haben. Das gilt nicht nur für die von den Ratings betroffenen Volkswirtschaften. Trotz der weiterhin bestehenden Mängel lässt sich sagen, dass die Regulierung von Ratingagenturen seit der Finanzkrise deutliche Fortschritte erzielt hat. So müssen sich in Europa tätige Agenturen einem strengen Zulassungsverfahren unterziehen. Dazu gehört eine Vielzahl von Auflagen im Bereich Transparenz, Unabhängigkeit und Objektivität.
Außerdem sind die Ratingagenturen verpflichtet, ihre Methoden offenzulegen sowie ihre Bewertungen einem permanenten Monitoring durch die Aufsichtsbehörden zu unterwerfen.

Die Ratingtätigkeit und die Weiterentwicklung der Methoden tragen sowohl zu effizienteren als auch zu stabileren Finanzmärkten bei. Ratingprozesse sind also gleichermaßen wesentliche Voraussetzung wie auch Instrument für die Gewährleistung eines reibungslos funktionierenden Finanzwesens. Ratingagenturen werden folglich auch weiterhin eine zentrale Rolle im Finanzwesen spielen.

© 2018 Verband der Vereine Creditreform e.V.

Sollte dieses Formular nicht richtig dargestellt werden, klicken Sie bitte hier.

Kontakt

allgemeineskontaktformular

Allgemeines Kontaktformular
Kontakt