Die im Schatten sieht man nicht

Von „Zombie-Unternehmen“ ist in den letzten Monaten oft die Rede. Gemeint sind Betriebe, die nicht mehr marktfähig sind, die keine Gewinne erzielen und keine Zukunft haben. Sie existieren als „lebende Tote“ weiter, weil eine billige Finanzierung und ein gutes konjunkturelles Umfeld ihre wahre wirtschaftliche Lage verdeckt. Diese Furcht wird vor dem Hintergrund sinkender Insolvenzen verständlich. Schließlich sorgen Insolvenzen für eine Bereinigung des Marktes, weil Unternehmen so erlöschen, ohne dass der Schaden für die beteiligten Gläubiger und Mitarbeiter zu groß wird. Sind die guten Rahmenbedingungen aber einmal zu Ende, so befürchtet man mit dem plötzlichen Tod einer Vielzahl von „Schattenunternehmen“ eine Pleitewelle mit verheerenden Ausmaßen. So hatte die große Finanzkrise ihren Anfang damit genommen, dass in den USA Immobilienbesitzer, die sich ihr Eigentum auf Raten von der Bonität her eigentlich nicht leisten konnten, bei einer Zinserhöhung und einem Einbruch der Immobilienpreise die Tilgung nicht mehr leisten konnten. Ist eine Angst vor einem Zusammenbruch einer Vielzahl deutscher Unternehmen berechtigt? Anders gefragt: Wie hoch sind die Unternehmen verschuldet, sind sie überschuldet?

Ein Blick auf die Bilanzen

Bilanzielle Überschuldung, aus der sich letztlich der Sachverhalt einer Zahlungsunfähigkeit ergibt, liegt vor, wenn die Vermögenswerte eines Unternehmens kleiner sind als die Verbindlichkeiten. Auch wenn dieser Tatbestand (noch) nicht gegeben ist, lässt sich aus den Angaben zu Eigen- und Fremdkapital eines Unternehmens eventuell auf eine Insolvenzgefährdung schließen und ganz generell die Unternehmensstabilität im Ganzen einschätzen.

Eine erste wichtige Kennzahl zur Abschätzung der finanziellen Belastbarkeit der Unternehmen ist der Verschuldungsgrad, der das Verhältnis von Fremdkapital zu Eigenkapital darstellt. Dabei wird ein Verschuldungsgrad von höchstens 2 als vertretbar bzw. nicht risikoerhöhend angesehen. Das heißt, die Verbindlichkeiten des Unternehmens betragen nicht mehr als das Doppelte des Eigenkapitals. Daraus abgeleitet ergibt sich eine Eigenkapitalquote von zumindest 30 Prozent als ausreichend. Bei einem Verschuldungsgrad von größer als 9, mithin bei einer Eigenkapitalquote von unter 10 Prozent, ist hingegen Vorsicht geboten. Ein hoher Verschuldungsgrad ist mit hohen Zinsverpflichtungen verbunden, die die Ertragskraft belasten und die Unternehmensstabilität bedrohen. Zudem wächst die Abhängigkeit vom Kreditgeber und die Anfälligkeit für Veränderungen der Finanzierungsbedingungen.

Jedes zehnte Unternehmen schwächelt

Die Daten für das aktuelle Bilanzjahr 2017 zeigen: Zwei Drittel der untersuchten aktiven Unternehmen (64,5 Prozent) weisen ein gesundes Verhältnis von Fremd- zu Eigenkapital auf (Verschuldungsgrad von höchstens 2:1). Diese Unternehmen gelten als weitgehend stabil. Fast jeder Zweite (46,5 Prozent) besitzt sogar mehr Eigen- als Fremdkapital (Verschuldungsgrad kleiner als 1). Bei einem weiteren Viertel der Unternehmen liegt der Verschuldungsgrad zwischen 2 und 9. Fast jedes neunte Unternehmen (10,6 Prozent) besitzt einen sehr hohen Verschuldungsgrad. Diese Unternehmen haben ihre Vermögenswerte zu einem Großteil mit Fremdkapital finanziert. Nur bei stabil ausreichenden Erträgen kann der Schuldendienst bedient werden.

Unternehmen sind in den letzten Jahren solider geworden

In der zeitlichen Entwicklung lässt sich seit dem Jahr 2009 trotz historisch niedriger Kreditzinsen tendenziell keine Ausweitung der Verschuldung in der deutschen Wirtschaft feststellen. Im Gegenteil: Noch im Krisenjahr 2009 wiesen 15,8 Prozent der Unternehmen einen kritischen Verschuldungsgrad und damit ein deutliches Fremdkapitalübergewicht auf. Deutlich weniger Unternehmen als derzeit, nämlich nur gut die Hälfte (53,2 Prozent), hatten einen Verschuldungsgrad von 2 oder niedriger.

Überschuldung führt in die Insolvenz

Stellt man den aktiven, „lebenden“ Unternehmen die insolventen Unternehmen gegenüber, zeigt sich der enge Zusammenhang zwischen der Höhe des Verschuldungsgrades und einer künftigen Zahlungsunfähigkeit. So übersteigt bei mehr als jedem vierten insolventen Unternehmen (27,2 Prozent) der Verschuldungsgrad den Wert von 9 bzw. das Eigenkapital ist ganz aufgebraucht oder gar negativ. Diese Unternehmen zeigten demnach bereits im letzten verfügbaren Bilanzjahr vor der Insolvenz deutliche Überschuldungsmerkmale. Umgekehrt wiesen nur wenige Unternehmen, die später Insolvenz anmelden mussten, im Vorfeld eine geringe Verschuldung auf (8,9 Prozent). Oftmals (43,9 Prozent der Unternehmen) betrug das Fremdkapital bereits mehr als das Doppelte des Eigenkapitals.

Reichen die Erträge?

Zusätzlich zur rein statischen Analyse der Verschuldung anhand der Relation von Fremd- zu Eigenkapital soll im Folgenden die Ertragskraft des Unternehmens einbezogen werden und damit dessen Fähigkeit, die Gläubiger zu bedienen. Dabei gibt die Schuldentilgungsdauer (auch dynamischer Verschuldungsgrad genannt) an, wie lange es dauert, mit dem verfügbaren Cashflow die Schulden vollständig zu tilgen. Vorausgesetzt wird dabei ein konstanter Cashflow bzw. Jahresüberschuss im Zeitablauf. Die Kreditwürdigkeit bzw. Bonität eines Unternehmens ist umso höher, je schneller es seine Schulden zurückzahlen kann. Ein hoher Cashflow führt trotz hoher Verschuldung nicht unbedingt zu einer kritischen finanziellen Belastung. Als kritisch wird gemeinhin angesehen, wenn die Schuldentilgungsdauer 11 Jahre übersteigt. Können die Kredite also nicht innerhalb von 11 Jahren mit den zufließenden Mitteln aus der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit des Unternehmens getilgt werden oder wird gar ein negativer Cashflow erzielt, hat das Unternehmen Handlungsbedarf. Auch beim Kreditgeber sollten nun erste Warnlampen angehen. Dagegen wird ein dynamischer Verschuldungsgrad bis 3 Jahre als sehr guter Wert angesehen.

Fast sieben Prozent ohne Gewinn

Die Bilanzauswertungen zeigen: Die Schuldentilgungsdauer als Verhältnis von Fremdkapital zu Cashflow liegt bei vielen deutschen Unternehmen im Normalbereich. Jedes dritte Unternehmen (32,0 Prozent) kann bei konstanter Wirtschaftslage spätestens nach drei Jahren die vorhandenen Schulden zurückzahlen. Weitere 15,8 Prozent der Unternehmen schaffen das zumindest innerhalb von fünf Jahren. 22,6 Prozent der untersuchten Unternehmen weisen aber ein ungünstiges Verhältnis von Fremdkapital und Erträgen auf (Schuldentilgungsdauer größer als 11 Jahre). Einige Unternehmen (6,7 Prozent) hatten im Betrachtungsjahr operativ einen Verlust erwirtschaftet. Hier konnte aus der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit kein Beitrag zum Schuldenabbau geleistet werden. Auch das ist ein Zeichen möglicher finanzieller Instabilitäten, vor allem, wenn dieser Zustand anhält.

In der Gruppe der insolventen Firmen dagegen wies erwartungsgemäß die überwiegende Mehrzahl (63,5 Prozent) im letzten verfügbaren Jahresabschluss eine Schuldentilgungsdauer von über 11 Jahren auf bzw. der Cashflow war negativ und kann gar nicht zur Schuldentilgung herangezogen werden. Das geschäftliche Aus war damit konsequent.

© 2019 Verband der Vereine Creditreform e.V.

Sollte dieses Formular nicht richtig dargestellt werden, klicken Sie bitte hier.

Kontakt

allgemeineskontaktformular

Allgemeines Kontaktformular
Kontakt